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(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)



Rolf
Wiese
Braucht Museum
Management ?


Museen befinden sich im Wandel. Nach Jahrzehnten des Museumsbooms zeichneten sich zu Beginn der 90er Jahre Veränderungen im Museumsbetrieb ab. Ein Auslöser war dabei sicherlich die veränderte Finanzsituation vieler Museumsträger. Ein weiterer wichtiger Veränderungsfaktor war darüber hinaus die Reformbestrebung vieler Verwaltungen. Als dritter Faktor sind viele Museumsmitarbeiter/innen zu nennen, die von sich aus veränderte Strukturen forderten.
In dieser Situation entstanden die unterschiedlichsten Veränderungsansätze in Deutschland. Neue Rechtsformen, wie jüngst bei den staatlichen Museen in Hamburg, sind eine der Folgen davon. Begriffe wie Budgetierung, Verselbständigung, Privatisierung, Kostensenkungen, Kundenorientierung, Konkurrenz, Wettbewerb, Produkte usw. bestimmen die Gespräche mit den Trägerinstitutionen. Der Weg von der Bürokratie, dem bürokratisch organisierten und verwalteten Museum zum modern gemanagten Museumsbetrieb wird beschritten, von der Kameralistik zur kaufmännischen Buchführung (Betriebswirtschaft), von den geduldeten Besuchern zum kundenorientierten Museumsbetrieb. Besonders wird dieser Wandel deutlich an der veränderten Aufgabenstruktur der Museen.

Das weitere Vorgehen wird folgende Punkte ansprechen:
· Zur Aufgabenstruktur von Museen und deren Wandlungen
· Dienstleistungen in den Mittelpunkt stellen
· Museumsmanagement als Instrument
· Das Museum als Dienstleistungsbetrieb auf den Märkten

Zur Aufgabenstruktur von Museen
Die Bereiche Sammeln, Bewahren und Forschen gelten bis heute als Kernaufgaben, die in einer Vielzahl von Veröffentlichungen behandelt wurden. Betrachtet man allerdings das Museum in seiner Komplexität als einen Betrieb zur Erfüllung musealer/kultureller Zwecke, so gibt es darüber hinaus weitere Aufgabenschwerpunkte, die für ein zielgerichtetes Handeln unablässig sind. Dabei ist zu beachten, dass diese Aufgaben nicht isoliert nebeneinander stehen, sondern durch vielfältige Beziehungen miteinander verbunden sind.
Aus der Vielfältigkeit dieses Aufgabenspektrums ergibt sich die Notwendigkeit eines systematisch organisierten Betriebsablaufes. Dieser wird nicht mit einem unorganisierten, unstrukturierten Handeln erreicht, sondern der Museumsbetrieb muss, wenn optimale Betriebsabläufe angestrebt werden, »gemanagt« werden.
Neben den Kernaufgaben Sammeln, Bewahren, Forschen, gibt es eine Reihe von Erfüllungsaufgaben:
· Dokumentation
· Darstellen und Erschließen
· Museumspädagogik und Besucherservice
· Veröffentlichungen
· Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
· Marketing
· Betreuung kleiner Sammlungen und Museen
· Denkmalpflege

Diese Aufgabengliederungen verdeutlichen bereits die Komplexität des Museumsalltags. Sie zeigt auch, dass zur Lösung dieses Aufgabengebildes das Museumsmanagement notwendig ist. Museumsmanagement übernimmt dabei eine koordinierende Rolle zwischen den Einzelaufgaben.

Museumsmanagement als Instrument zur Steuerung von Museen
Aufgrund der aufgezeigten hohen Komplexität des »Untersuchungsgegen standes Museum« ist der Einsatz moderner Managementtechniken für einen optimalen Museumsbetrieb zwingende Voraussetzung. Vereinfacht wiedergegeben umfasst das Museumsmanagement fünf Bereiche:
· Zielbildung und Zielfindung
· Planung
· Organisation
· Controlling
· Führung

Unter dem Aspekt eines langfristig optimalen Museumsbetriebsablaufes ist die Zielbildung und Zielfindung von zentraler Bedeutung. Sie ist eine der Grundlagen für den zukünftigen Erfolg eines Museums. Die Beschäftigung mit den Zielen darf nicht beim Sammlungskonzept enden, sondern muss alle Bereiche des Museums umfassen. Wichtig ist weiter eine zeitliche Differenzierung der Ziele, so dass sich am Ende ein zeitlich und inhaltlich gegliedertes Zielsystem ergibt. Ein allgemeines Beispiel für ein solches Zielsystem wurde im Rahmen eines Projektes der Bertelsmannstiftung »Wir kungsvolle Strukturen im Kulturbereich« erarbeitet.
Zur Erreichung der angestrebten Ziele ist eine detaillierte Planung (gedankliche Vorwegnahme) unbedingte Voraussetzung. Dabei ist natürlich die Unsicherheit bei den in die Zukunft gerichteten Überlegungen gegeben. Entsprechend der langfristigen Aufgabenstellung des Museums müssen idealerweise eine langfristige strategische Planung, eine mittelfristige taktische Planung und eine kurzfristige operative Planung erstellt werden.
Während der Realisationsphase ist ein begleitendes Controlling, d.h. ein regelmäßiger Abgleich mit den angestrebten Zielen (Soll-Ist-Vergleich), wichtig. Dieses darf jedoch nicht nur eine Ergebniskontrolle sein, sondern das Controlling sollte alle Phasen des Museumsbetriebsprozesses begleiten, um steuernd eingreifen zu können. Auf diese Weise können Fehlentwicklungen wesentlich früher erkannt und unterbunden werden. Es entsteht ein Regelungsprozess, der theoretisch zu ständigen Effektivitätssteigerungen führt. Nicht zu unterschätzen sind in diesem Zusammenhang Kosten- und Leistungsvergleiche mit anderen Museen. Sie helfen bei der Feststellung von eigenen Stärken und Schwächen.

Museumsmanagement in der hier beschriebenen Form kann die Voraussetzungen für einen optimalen Museumsbetrieb schaffen. Nur so kann der Anspruch der Wirtschaftlichkeit, das ökonomische Prinzip, erfüllt werden, nur so können in allen Museumsbereichen optimale Arbeitsergebnisse erreicht werden. In diese Richtung zielt auch die »Empfehlung der Kultusministerkonferenz zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit der Museen« (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 31.3.1995). Danach sollen Maßnahmen ergriffen werden, die es erlauben, dass die den Museen zur Verfügung gestellten Mittel effektiver eingesetzt werden und ein wirtschaftlicheres Arbeiten möglich ist. Neben Fragen des Haushaltswesens werden u. a. »Schulung der Museumsleiter und der für leitende Stellungen im Museumsbereich in Frage kommenden Bediensteten in den Grundsätzen modernen Managements« und »Einführung von Leistungs- und Ergebniskontrollen« empfohlen. Und in der Handreichung des Kulturausschusses der Kultusministerkonferenz heißt es zu den Aufgaben der Museen vom 27.06.1996: »Wirtschaftliches Denken und Handeln ist das Gebot der Stunde« und »Museumsleiter und anderes Führungspersonal einschließlich der Nachwuchskräfte müssen in einer Zusatzausbildung / Fortbildung / Weiterbildung mit den Grundsätzen modernen Managements vertraut gemacht werden«.
Diese Empfehlungen müssen sicherlich in Zusammenhang mit den in den letzten Jahren verstärkt durchgeführten Überlegungen zur Steigerung der Leistungsfähigkeit der öffentlichen Verwaltungen gesehen werden. Auch sind sie meiner Meinung nach ein deutliches Indiz für zukünftige Entwicklungen.

Das Museum als Dienstleistungsbetrieb auf den Märkten
Die Erarbeitung der internen Aufgabenstruktur von Museen verdeutlichte die hohe Komplexität des »Unternehmens Museums«, dessen Aufgaben nicht nur eigenbestimmt sind, weil neben der internen Aufgabenstruktur auch externe Einflüsse auf das Museum einwirken.
Für einen effizienten Museumsbetrieb ist die Berücksichtigung all dieser Einflussgrößen unabdingbar. Es liegt auf der Hand, dass bei der Vielzahl der Einflussgrößen zwischen den verschiedenen Größen die unterschiedlichsten Verflechtungen auftreten können. Einzelne Größen können sich wechselseitig unterstützen, aber auch miteinander konkurrieren. Daher ist zur Auflösung dieses Aufgaben- und Einflussgrößengeflechtes zielgerichtete Koordination, d.h. Museumsmanagement, zwingend erforderlich. Diese Koordination setzt einen Abstimmungsprozess zwischen und mit allen Einflussgrößen voraus. Da dieser Prozess aufgrund der Komplexität des Unternehmens Museum sehr zeitaufwendig ist, sollte er für alle grundlegenden Fragen in größeren Zeitabständen neu durchgeführt werden. Er mündet in ein Unternehmenskonzept, das neben den Kernaufgaben des Museums auch den Bereich des Managements sowie die externen Einflüsse berücksichtigt.

Volkswirtschaftlich gesehen erbringen Museen Leistungen für interne und externe Adressaten. Auftraggeber ist die Gesellschaft als Ganzes (Volkswirtschaft), zentrale Leistungen der Museen waren bisher das Sammeln, Bewahren und Forschen. Betriebswirtschaftlich gesehen richten sich diese Produkte an Kunden, an Zielgruppen auf Märkten.

Auf welchen Märkten arbeiten Museen?
Zuerst einmal ist es wichtig, die Märkte nach den Adressaten / Zielgruppen zu unterscheiden in externe und interne Adressaten:
· Externe Adressaten sind Kunden/Besucher, Medien, Träger, Sponsoren, Fördervereine, andere meinungsbildende Gruppen, Künstler
· Interne Adressaten sind Mitarbeiter, Führungskräfte, ehrenamtliche Kräfte, Lieferanten

Externe Adressaten / Märkte
Es erscheint auf den ersten Blick einleuchtend, dass die Möglichkeiten der Museen stark von den externen Adressaten beeinflusst werden. Dabei erstellen die Museen für die einzelnen Marktsegmente überwiegend keine gegenständlichen Produkte sondern Dienstleistungen. Im einzelnen können das sein:
· der Markt der Wissenschaft, z.B. zum Spezialgebiet des jeweiligen Museums (in Konkurrenz mit Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen)
· der Markt der Museen z.B. für Ausstellungen(in Konkurrenz zu anderen Museen, zu freien Ausstellungsbetrieben, z.B. Dinosaurierausstellung, Titanic-Ausstellung oder z. B. Entwicklungen in Amerika und Ausstellungen in Einkaufszentren)
· der Markt der Kultur (in Konkurrenz mit Privatveranstaltern, Galerien, Theater, Konzertagenturen, Kulturzentren)
· der Markt der Bildung, des Lernens und Vermittelns (in Konkurrenz mit Schulen, Universitäten, Volkshochschulen usw.)
· der Markt der Freizeit (in Konkurrenz mit Zoos, Disneyland, Sport usw.)
· der Markt der Standorte (in Konkurrenz mit Kulturangeboten, Konkurrenz der Städte)
· der Markt der Identifikation (in Konkurrenz mit anderen Identifikationsfragen)
· der Markt des Wohlfühlens (von den Toiletten über den Eingangsbereich, die Sitzecken, die Ruhezonen, Spielplätze, Informationen zum Museum)
· der Markt der Andenken (Museumsshops) (in Konkurrenz mit anderen Andenken- und allgemeinen Einkaufsmöglichkeiten)

· der Markt der Gastronomie (in Konkurrenz zur vielfältigen Gastronomie)
· der Markt der Events (in Konkurrenz zum vielfältigen Freizeitmarkt)
· der Markt der speziellen Location (in Konkurrenz zu vielfältigen anderen Locations)
· der Markt der Medien (in Konkurrenz zu vielen Betreibern aus dem Non-Profit-Bereich)
· der Markt der Sponsoren (in Konkurrenz zu vielen Betreibern im Non-Profit-Bereich)
· der Markt beim Träger (in Konkurrenz zu anderen kulturellen und Bildungseinrichtungen beim Träger)

Interne Adressaten / Märkte
Die obigen Dienstleistungen können nur mit Hilfe der Museumsmitarbeiter/innen erbracht werden (Humankapital). Dementsprechend wichtig sind die internen Adressaten für die Erstellung und die Qualität der Dienstleistungsprodukte. Das Humankapital in den Museen ist sicherlich der wichtigste Faktor für den Erfolg eines Museums. Dementsprechend können die internen Adressaten mit Marktsituationen in Verbindung gebracht werden (auch wenn diese Begriffe sicherlich nicht im ursprünglichen Sinne verwendet werden):
· der Markt der Mitarbeiter (Konkurrenz mit anderen Arbeitgebern)
· der Markt der Führungskräfte (Konkurrenz mit anderen Arbeitgebern)
· der Markt der ehrenamtlichen Kräfte (Konkurrenz durch andere ehrenamtliche Nachfrager)

Die Auflistung der verschiedenartigen Märkte und der damit verbundenen Konkurrenzsituation verdeutlicht die Notwendigkeit der Schwerpuntksetzung. Nicht jedes Museum kann gleichzeitig auf allen Märkten Marktführer sein. Es konkurriert mit einer Vielzahl unterschiedlicher Institutionen und Betriebe. Aus dieser Konkurrenzsituation heraus ist eine Ausrichtung des Museums als Dienstleistungsort auf die Kernaufgaben des Museums zwingend erforderlich. Dies ist nur durch Museumsmanagement optimal zu erreichen.
Die Nachfrager der Museumsleistung vergleichen das Museum mit anderen Freizeiteinrichtungen. Auch aus diesem Grund ist eine Entwicklung hin zum Besucher, hin zum Kunden, noch viel stärker als bisher notwendig. Damit wird das Oberziel des managementorientierten Dienstleistungsbetriebes Museum angesprochen, der Besucher / die Besucherin und die Orientierung darauf. Frederik Lehner hat diesen Zusammenhang vor kurzem wie folgt formuliert:
»Die Besucher sind die wertvollsten Stücke eines Museums, denn sie sind die Rechtfertigung seiner Existenz«.
Bedenken wir das für die Zukunft.


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