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(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)



Anneke
Wolf
Internet-Tagebücher:
Das Beispiel »priscilla«


Internet-Tagebücher: Das Beispiel »priscilla«
Unter der Internet-Adresse http://www.priscilla.ch ist das Tagebuch einer »Frau« veröffentlicht, dass vom 20.4.1998 bis zum 24.5.1999 geführt wurde und mit Ausnahme der Zeiträume vom 12.-21.9.1998, vom 27.10.-7.11.1998 sowie am 1.1.1999 jeden Tag eine Eintragung enthält.
Dem Leser bietet das Tagebuch durch seine Hypertextstruktur unterschiedliche Weisen des Zugangs an. Neben einer chronologischen Tagesübersicht, die an eine lineare Lesart appelliert, findet sich ein »Stichwortregister«, das das häppchenweise Erschließen des Textes ermöglicht. Darüber hinaus sind einzelnen Einträge z.T. untereinander verlinkt, so dass dem Leser ein Zugang unter thematischen Aspekten angeboten wird.

Die Größen »Frau« und »Internet« werfen verschieden Fragestellungen auf, die ich im folgenden thematisieren möchte.
· Die Frage nach der Geschlechtsspezifik des Mediums
· Die Frage der Selbstpräsentation einer (weiblichen) Person im Netz, und
· Das Verhältnis zwischen Öffentlichkeit und Privatheit

Gendered net ?
Mit der Wahl des Internets als Medium der Präsentation bewegt sich »die Autorin« in einem klassisch als männlich konnotierten Bereich: dem der Technik. Diese Konnotation findet ihren Ursprung in der Zeit der industriellen Revolution. Sie ist verbunden mit der Vorstellung der Technik als Aneignungs- und »Bezwingungsmittel« der Natur sowie als treibender Kraft kultureller Entwicklung. Deren Träger bildete ein neuer Berufsstand, der des (männlichen) Ingenieurs
1 . In dem Bild der Technik als Bezwingungsmittel und dessen Zuordnung zum männlichen Geschlecht spiegeln sich die für das 19. Jahrhundert typischen geschlechtsspezifischen Rollenzuweisungen wider, in denen dem Mann eine aktive, aneignende, kulturproduzierende und der Frau eine passive, empfangende Rolle zugewiesen werden. Inwieweit die Zuschreibung der Technik als männlich auch noch heute trägt, mag an einigen Beispielen verdeutlicht werden. Zum einen die unter dem Schlagwort »frauenspezifische Zugangsweisen« thematisierte Aneignungspraxis technischer Artefakte. Hier wird den Frauen eine sanfte Art der Beherrschung zugeschrieben sowie eine arbeits- oder alltagsorientierte Praxis- und Anwendungsorientierheit . Dies qualifiziert Frauen eher zu Techniknutzerinnen als zu Technikproduzentinnen und macht sie »zur idealen Testgruppe für Anwenderfreundlichkeit (»Programme die auch Frauen bedienen können«)2. Einen weiteren Aspekt bildet die alltäglichen Praxis der Darstellung von Technikkompetenz als konstituierender und stabilisierender Faktor männlicher Identität. Technik dient hier als Projektionsfläche für geschlechtsspezifische Selbst- und Fremdzuschreibung. Die Bezugnahme der Individuen auf dieses Selbst- und Fremddeutungsangebot sorgt für die Produktion und Reproduktion desselbigen und wird so zum gesellschaftlichen Faktum. Als Beispiel mag hier eine Arbeit von Beate Binder genannt sein, in der sie die geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Praxen bei der Gestaltung des Wohnraumes thematisiert:
»Während Frauen sich eher distanziert gegenüber Technischem als Möglichkeit zur Wohnraumgestaltung verhalten, sind Männer so identifiziert mit oder fasziniert von technischen Geräten und Artefakten, dass sie sie häufig auch in ihrer Wohnung ausstellen und betonen«
3.
Irene Nervala beschäftigt sich in einem Aufsatz von 1998 in Bezug auf eine Arbeit von Johanna Dorler mit der Geschlechterordnung innerhalb virtueller Realitäten. Nervala sowie Dorler vertreten die Ansicht, dass das Internet ein geschlechtsspezifisch hierachisiertes Medium darstellt (gendered net)
4. Dreierlei Aspekte die hierfür sprechen, werden benannt. Zum einen der Entstehungskontext des Netzes, das seinen Ursprung in männerdominierten Institutionen wie dem Militär und Forschungseinrichtungen hatte. Zum Zweiten den Nutzungskontext, wobei 85% der Nutzer des Netzes männlichen Geschlechts seien (1997) und Drittens die, aus den beiden oben genannten Aspekten resultierenden Inhalte des Netzes, in denen männerspezifische Inhalte wie beispielsweise Pornographie überwiegen würden. (Wie »männlich« diese Inhalte tatsächlich sind, soll an dieser Stelle nicht von belang sein.) Als Erklärungsmöglichkeit für diese Geschlechterdifferenz wird eine beschränkte Zugangsmöglichkeit für Frauen zum Netz gesehen, die aus drei Faktoren resultiert:
· Geld, d.h. eine niedrigeres Einkommensniveau, dass das Erwerben von kostspieligen technischen Geräten erschwert.
· Zeitmangel, der aus der Doppelbelastung von Beruf und Familie resultieren kann, sowie
· »mangelnde Technikkompetenz«, da diese in der Sozialisation und dem Selbstverständnis der Frauen nicht den gleichen Stellenwert einnimmt wie bei Männern.
Wie sich das Netz in Zukunft entwickeln wird und welchen Anteil Frauen an dieser Entwicklung haben, bleibt meiner Meinung nach abzuwarten. Ein Augenmerk könnte darauf gerichtet werden, inwieweit sich eine geschlechtsspezifische Teilung auch zwischen Internetnutzern und Internetproduzenten abzeichnet. So waren beispielsweise im Wintersemester 1999/2000 von 1846 Studierenden des Fachbereichs Informatik der Universität Hamburg lediglich 202 weiblichen Geschlechts.

Who is who? oder how to create a person
Die im Internet ablaufende Kommunikation findet zwischen einer Reihe räumlich voneinander getrennter Subjekte statt, die einander nicht sinnlich erfahrbar sind. Die vorherrschende Vermittlungsform, über die die Subjekte sich gegenseitig präsentieren, bildet ein reiner Zeichencode: die geschriebene Sprache. Dass dieser Code für sich selbst steht und durch keinerlei weitere Aspekte wie dem physischen Erscheinungsbild oder der Gestik einer Person gestützt wird, wirft die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem Code und der Realität, die er repräsentiert, auf. Möglich ist zweierlei:

· Er repräsentiert das Abbild einer Realität außerhalb des Netzes oder
· Er repräsentiert lediglich deren Generierung.

Das erste Anzeichen, mit dem sich eine Person im Netz einer anderen darstellt, bildet zumeist der Name, der bestimmte Assoziationen frei setzt. Mit dem Namen »Susanne« wird beispielsweise eine Person weiblichen Geschlechts assoziiert. Ebenso denkbar wäre aber auch, dass der Name lediglich ein Pseudonym darstellt, hinter dem sich eine männliche Person oder mehrere Personen verbergen. Die Anonymität des Netzes stellt den Subjekten frei, ob sie ihre wahre Identität preisgeben, welche Aspekte sie thematisieren oder ob sie eine völlig neue Person generieren. Das Moment der Kontrolle bildet somit einen wesentlichen Faktor bei der Selbstdarstellung im Netz. Die Autorin des Tagebuchs stößt den Leser selbst auf diese Problematik, indem sie die E-mail-Anfragen anderer Leser zu ihrer Person mit in ihr Tagebuch integriert. So glaubt beispielsweise ein Leser hinter dem Tagebuch verberge sich eine Marketingfirma, ein anderer glaubt, es handele sich um ein Forschungsprojekt.
Die Möglichkeit, die eigene virtuelle Selbstdarstellung zu kontrollieren, erlaubt es den Nutzern im Netz Rollen einzunehmen, die nicht identisch sind mit ihrer Realexistenz. Dies bedeutet für den Einzelnen die Möglichkeit eines erweiterten Erfahrungsraum, bzw. einer erweiterten Identität. Diese im Netz generierte Identität ist darüber hinaus permanent verfügbar. Damit unterscheidet sich der Rollenwechsel im Netz von anderen Formen des Rollenwechsels, wie Travestie, Fastnachts- oder Rollenspielcharakteren, dadurch, dass er keine räumliche oder zeitliche Begrenzung erfährt
5.
Eine weit verbreitete Form des Rollenwechsels im Netz stellt der Geschlechtswechsel dar, den auch die Autorin spielerisch thematisiert. So schreibt sie an einer Stelle: Geschlecht: wahrscheinlich weiblich. Eine wesentliche soziokulturelle Bedingung für einen solchen Rollenwechsel stellt aber gerade die Fortdauer von Rollenzuweisungen und - stereotypen dar. Dies hat zur Folge, dass obwohl die Praxis des Rollenwechsels im Netz allgemein bekannt ist, dieses Bewusstsein nicht dazu beiträgt, geschlechtsspezifische Rollenmuster und geschlechtsspezifische Diskriminierung aufzuheben. So gehört sexuelle Diskriminierung ebenfalls zum Netzalltag. In einer Eintragung vom 2.12.1998 schreibt die Autorin des Tagebuchs:
Einer wollte mich sogar anrufen, um die weibliche Stimme auf sicher zu haben - so mißtrauisch war er, ob ich ihn nicht betrüge und mich plötzlich - wie schrecklich das wäre!- als verkappter Schwuler herausstelle ( was gibt es Schlimmeres). ... Kaum chatteten wir weiter, begann er plötzlich vom Blasen zu sprechen. Völlig unvermittelt, völlig unerwartet, aus heiterem Himmel...
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Neben dem Spiel mit Rollen und Identitäten prägt das Verhältnis zwischen Virtualität und Realität auch die in dem Tagebuch vermittelten Inhalte. In einer Eintragung von 20.10.98 beschreibt die Autorin einen Umzug.
Der erste Umzugsstreß ist vorbei. Am Abend bin ich bei Taucher und Razzo im Sektor B vorbeigegangen und habe allen die Hand geschüttelt zum Abschied. Ein bißchen eigenartig zu Mute war mir ja schon, als wir zum letzten mal die Vodkagläser hoben und Taucher mir zuprostete, rauh und trocken wie immer.
Leicht beduselt machte ich mich dann auf in mein neues Heim und legte mich inmitten all der unausgepackten Kisten und Schachteln aufs Ohr.
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Verfolgt man den Link »neues Heim« so kehrt man zur Ausgangsseite des Tagebuchs zurück. Verfolgt man einen weiteren Link an anderer Stelle, so stellt sich heraus, dass das Tagebuch ursprünglich auf einem anderen Server abgelegt war. So ist an vielen Stellen unklar, ob Aspekte aus Priscillas Realexistenz dargestellt werden oder ob Szenen aus ihrer virtuellen Existenz mit Analogien aus einer Realexistenz umschrieben werden.
Neben dieser spielerischen Form verschränken sich Medium und Inhalt des Tagebuchs noch auf einer weiteren Ebene, indem die Autorin die Grundlagen einer Cyberexistenz und deren Reflexion über weite Teile des Tagebuchs explizit thematisiert. So schreibt sie z.B. in einem Eintrag vom 23 Mai 99:
Und so, wie auch bei den Mystikern die absolute Entsagung essenziell war (das heißt: der Verzicht auf alle »irdischen« Sinnenfreuden zugunsten der Nähe zu Gott) - so ist das Internet ein Ort, der einem die eigene Sinnlichkeit in aller Deutlichkeit vor Augen führt und es einem doch nicht ermöglicht, sie auszuleben. Chatten oder Emailschreiben ist somit, falls es keine Fortsetzung in der fassbaren Wirklichkeit findet, eine freiwillige Form der Selbstkasteiung. Eine moderne Form der Askese.
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Die eben genannten Aspekte werfen die Frage auf, welche Punkte dazu beitragen, bei dem Lesern des Tagebuchs das Bild einer konsistenten, identität-tragenden Person zu vermitteln
9. Neun Punkte möchte ich hierfür benennen :
1. Die Eingangsseite des Tagebuchs enthält ein Foto der Autorin. Das visuelle Abbild ihrer Person holt die sinnliche Erfahrbarkeit der realen Welt in die virtuelle, textvermittelte Welt hinein. Dabei ist die Visualisierung in Form des Mediums Foto von besonderem Belang. In Bezug auf die Entstehung der Porträtphotographie im 19. Jahrhundert schreibt Susanne Regener:
»Die gegenüber den Gemälden und Miniaturen relativ ungeschönten und überaus deutlichen Abbilder des Menschen stellten eine neue Beziehung zum Ich her. Das Spiegelbild - so die zeitgenössische komperative Bezeichnung des Photo-Porträts- hatte offenbar eine sehr viel eindringlichere Wirkung auf den Betrachter, als dies bei anderen Abbildungsverfahren erzeugt wurde.«
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Diese Eindringlichkeit beruht auf dem besonderen Verhältnis von Bild und Abbild in fotographischen Darstellungen, dass Michael Wetzel wie folgt charakterisiert:
»Man glaubt nur, was man sieht; der ikonographischen Repräsentation kommt eine Macht der Evidenz zu, die durch kein kritisches Gegenargument auszurotten ist. Denn noch ein zweiter, ein positivistischer Irrtum geht mit dieser skopophilen Verblendung einher, der vor allem seit der Technifizierung zum Wahn von Dokumentation und Information geworden ist: derjenige nämlich, daß Bilder die Wahrheit sagen, daß sie das auf ihnen Dargestellte unserem Blick in einer Weise aussetzen, in der Wirklichkeit und Wahrheit zusammenfallen«.
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Nun ist aber gerade in digitalisierten Bildmedien eben jenes Zusammenfallen in besonderer Weise in Frage gestellt, weil das Bild besonders einfach manipuliert werden kann. Obwohl computergenerierte Bilder mittlerweile zum bewussten Alltag gehören, z.B. die Bilder des Golfkrieges oder Animationen in Hollywood-Filmen, trägt dieses Bewusstsein nicht dazu bei den dokumentarischen Charakter des Bildes aufzuheben. Unterstützt wird dieses Phänomen, durch die Abbildung selbst, die in stereotyper Form Weiblichkeit präsentiert
12. Das Foto wurde mit einem Weichzeichner bearbeitet, zeigt eine verspielte Handhaltung und ein reizendes Lächeln.
2. Die Darstellung einer Kontinuität, in der sich die Autorin bewegt. Zum einen handelt es sich hierbei um eine zeitliche Kontinuität, die in der Form einer kalendarischen Tagesübersicht versinnbildlicht wird. Zum anderen die Kontinuität der im Tagebuch erscheinenden Personen.
3. Der Inhalt des Tagebuchs hat einen stark selbstreflexiven, psychologisierenden Charakter, der eher dem (traditionellen) stereotypen Bild weiblicher Psyche entspricht.
4. Die typisch universitäre Form der Identitätsvermittlung: die der Zitation. Durch Zitate innerhalb des Textes und der Links auf andere Internetseiten entsteht ein Bild des Rezeptionsuniversums der Autorin.
5. Die Darstellung von Alltäglichkeit als Ausdrucksmittel von Authentizität. Dem Leser wird die Möglichkeit gegeben, sich mit den dargestellten Inhalten zu identifizieren, da sie ihm aus seinem eigenem lebensweltlichen Zusammenhang vertraut sind.
6. Der Rückgriff auf in den Medien vermittelte Diskurse, wie z.B. die Gentechnologie oder dem Kosovo-Krieg. Dabei werden gemeinsame Wissensbestände der Autorin und der Leserschaft thematisiert.
7. Die kulturelle Praxis des Tagebuchschreibens ist vertraut, auch hier wird ein gemeinsamer Wissensbestand zwischen Leser und Autorin thematisiert.
8. Das »zitierende« Hereinnehmen von E-mails, die die Autorin von ihren Lesern bekommt. So entsteht das Bild einer Person, die mit anderen Personen kommuniziert.
9. Bestimmte literarische Formen, z.B die ausführliche Darstellung »sinnlicher« Inhalte, wie z.B. eines Winterspaziergangs, z.T. in sehr poetischer Sprache:
Die Erde war von einer feinen, glitzernden Schicht Pulverschnee bedeckt. Unsere Fußspuren waren die ersten und einzigen dort oben, gekreuzt nur von denjenigen des Fuchses, den wir eine Weile aus der Ferne beobachteten, und der Gemse, die zum Bach hinuntergestiegen, aber nun schon längst wieder über alle Berge war
13.

Private Space
Die Veröffentlichung eines Tagebuchs im Internet folgt einem in den letzten Jahren zunehmenden Trend der Darstellung privater Inhalte in öffentlichen Massenmedien. In Nachmittags-Talk-Shows wie »Hans Meiser« offenbaren Privatpersonen Aspekte ihres Privatlebens oder öffentliche Personen werden, wie in der Clinton-Affäre, zwangsoffenbart. Dennoch unterscheidet sich die Veröffentlichung eines Internet-Tagebuchs von anderen Formen der »öffentlichen Offenbarung«, wofür ich im folgenden Argumente anführen möchte.
Der Rückgriff auf die kulturell bekannte Text- und Artikulationsform des Tagebuchschreibens begünstigt eine spezifische Transferleistung: Die Vorstellungen über die Eigenschaften, die ein haptisches Tagebuch besitzt, werden in das neue Medium hineinprojeziert, so z.B. die Vorstellung eines geheimen, persönlichen Inhalts und die damit verbundene Vorstellung von der Authentizität eines Subjekts, dass sich mit sich selbst als identisch erfährt. Diese Suggestion überdeckt den offensichtlichen Tatbestand der Öffentlichkeit und den virtuellen Charakter des Mediums. In einem öffentlichen Medium erhält diese Übertragung eine Art Animationscharakter. Der Verweis auf einen geheimen Inhalt animiert eine voyeuristische Leseperspektive des Lesers. Das Versprechen an wahren Gegebenheiten teilzunehmen, mag gerade in einem virtuellen Medium einen besonderen Anreiz bilden. Dies wirft wiederum die Frage nach dem Verhältnis zwischen Form und Inhalt auf. Beatrice Tobler schreibt über die Faszination der »Gleichzeitigkeit« beim Ansteuern von Web-Cams im WWW:
Die Faszination von den Möglichkeiten eines neuen Mediums, das uns erlaubt, Augenzeugen am anderen Ende der Welt zu werden, läßt uns darüber hinwegsehen, daß seine Inhalte banal sind. ...
Wir laden nicht ein Bild von Leipzig aus dem Internet, weil wir sehen wollen, wie es dort aussieht, sondern weil uns der Gedanke fasziniert, die Gegenwart, also die zeitliche Nähe in räumlicher Distanz einzufangen. Wir schauen nicht in fremde Wohnzimmer, um etwas über die Personen zu erfahren, die sie bewohnen, geschweige denn, um sie als Beispiel einer Alltagsgeschichte zu verstehen. Der Inhalt ist nicht die Botschaft (Marshall McLuhan)
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So liegt die Botschaft des Internet-Tagebuchs in der Faszination der Zugangsmöglichkeit zu einem privaten Dokument und in der Aufforderung aus sicherer Distanz die Position des Voyeurs einzunehmen. Ein zweiter Punkt fördert darüber hinaus den Animationscharakter, der der Verheißung auf einen geheimen Inhalt aber in paradoxer Weise entgegensteht: Das Geheimnis darf nicht gelüftet werden, um seine Attraktivität nicht zu verlieren. Über die soziale Funktion des Geheimnisses schreiben Thomas Jung und Stefan Müller-Dohm:
Die soziale Funktion des Geheimnisses, also seine Bedeutung für die menschlichen Beziehungen, liegt darin, daß das Geheimnis den Beziehungen einen - vom Inhalt des Geheimnisses selbst unabhängigen - Attraktivitätsreiz gibt. Es ist gewissermaßen die »generelle Rätselhaftigkeit«, die, gegeben durch die Fremdheit der Subjekte, das soziale Band der Beziehungen füreinander knüpft. Gerade das Spiel von Entbergung und Verbergung macht die eigentliche Attraktivität aus, damit die soziale Beziehungsaufnahme nicht im leeren Rollenmechanismus erstarrt.
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Hier wiederum kommt der Anfangs erwähnte Moment der Kontrolle der Selbstdarstellung zum tragen. Das Tagebuch ist nur von der äußeren Form her geheim, bzw: es simuliert »Geheimhaltung«, die Produktion des Inhaltes dagegen ist von vornherein auf ein öffentliches Publikum abgestimmt. Hierin liegt der Unterschied zu anderen Formen der öffentlichen Offenbarung: Die Autorin selbst steuert den Prozess und kann eben auch das Mittel der Verhüllung gezielt einsetzen. Sie tut dies in der bereits erwähnten Form des Spiels zwischen Virtualität und Realität und ergänzt diese durch eine andere Verhüllung/Enthüllungspraxis, die ich als »das Rätsel - Auflösungsspiel« bezeichnen möchte und die mit den anderen Praktiken korrespondiert. Diese Praxis beruht auf einer zeitlichen Komponente bei der bestimmte Ereignisse über mehrere Tage thematisiert werden, wobei das Ereignis am Anfang vage bleibt und sich von Tag zu Tag mehr (meist nicht ganz) aufklärt. Das Tagebuch erhält so die Dramaturgie einer Daily-Soap, die der Zuschauer täglich verfolgt um die Auflösung zu erfahren. Nicht immer liegen Rätsel und Auflösung dicht beieinander, gerade in Bezug auf die Thematik Virtualität/Realität beträgt der Zeitabstand bis zu einem halben Jahr.

Zum Schluss möchte ich eine These wagen über die Motivation der Schreiberin.
Die auf jeder Seite angegebene E-mail Adresse und der eben erwähnte Animationscharakter des Tagebuchs verweisen auf eine strukturelle Funktion beider Formen als Dialoganreiz. Die Erwartung der Autorin in einen Dialog mit ihren Lesern treten zu können wird von ihr auch explizit genannt. So schreibt sie in einem Eintrag vom 31. März 1999
Daß ich das hier tue, vor einer anonymen Öffentlichkeit, ist, weil ich denke, daß es vielleicht auch andere interessiert. Und weil ich das Phänomen der virtuellen Beziehungen so spannend finde, das ich es gerne zur Diskussion stellen möchte.
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Dialogizität in Form von Schriftkontakt erfüllt im Internet eine bestimmte Funktion die in der realen Welt durch direkte Interaktion gewährleistet wird. Es bestätigt dem Internet-Nutzer seine virtuelle Existenz. So schreibt Nicola Döring:
... zum anderen werden Eindrucksbild und Selbstdarstellung in neuer weise reflexionspflichtig, weil explizit und unsicher. Das eigene Selbstdarstellungsverhalten sowie die darauf bezogenen Reaktionen des Gegenübers beeinflussen intrapersonal Selbstbild bzw. private Identität und interpersonal Kommunikations- und Beziehungsverlauf.
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Vielleicht aber handelt es sich bei dieser Schlussthese auch nur um meine Projektion auf einen unbekannten Referenten
18, und in dieser Aussage spiegelt sich mein eigener Wunsch wider: nämlich der nach einem Dialog mit dem Leser dieses Artikels.

mail to: annekewolf@hotmail.com ;-)


1 Vgl. Jutta Buchner-Fuhs: Technik und Geschlecht. In: Technik-Kultur. Formen der Veralltäglichung von Technik - Technisches als Alltag. Hg. von Thomas Hengartner und Johanna Rolshoven. Zürich 1998, S.51-80.

2 Vgl. Ute Hoffmann: Frauenspezifische Zugangsweisen zur (Computer-) Technik. Für und wider ein Konzept der Frauen-Forschung. Technik und Gesellschaft 5. Frankfurt a. M. / New York 1989, S.157-174, hier S.167.

3 Beate Binder, zit. nach: Jutta Buchner-Fuhs, Technik und Geschlecht, S.78.

4 Irene Nervala: Geschlechterordnung in der virtuellen Realität: Über Herrschaft, Identität und Körper im Netz. In: Das Netz-Medium. Hg. Irene Nervala. Opladen 1998.

5 Anke Bahl: Zwischen On- und Offline: Identität und Selbstdarstellung im Internet. München 1997.

6 http://www.priscilla.ch/dezember0298.htm

7 http://www.priscilla.ch/oktober2098.htm

8 http://www.priscilla.ch/mai2399.htm

9 Die Virtualität des Mediums beinhaltet allerdings eine doppelte Problematik. So ist nicht nur die Frage entscheidend, ob Simulation als Wahrheit genommen wird, sondern ebenso, ob Wahrheit als Simulation aufgefasst wird. So beschwerte sich der Verfasser eines anderen Internet-Tagebuchs in ziemlich barschem Ton bei mir, wie es denn angehen könne, dass ich seine Ausführungen als nicht authentisch auffassen würde.

10 Susanne Regener: Das verzeichnete Mädchen. Zur Darstellung des bürgerlichen Mädchens in Photographie, Puppe, Text im ausgehenden 19. Jahrhundert. Marburg 1988, S.15.

11 Michael Wetzel: Verführerische Bilder. Zur Intermedialität von Gender, Fetischismus und Feminismus. Der Entzug der Bilder. Visuelle Realitäten. Hg. von Michael Wetzel und Herta Wolf. München 1994, S.333-354, hier S.333.

12 Falls das Abbild tatsächlich die Autorin darstellt, sei mir diese Äußerung hier verziehen.

13 http://www.priscilla.ch/november1298.htm

14 Beatrice Tobler. Live dabei im Netz. Blicken und Angeblickt-Werden im Internet. Eine Anleitung zum Surfen. VOKUS. Volkskundlich-Kulturwissenschaftliche Schriften. H.1, 1999, S.122-124, hier 123f.

15 Thomas Jung / Stefan Müller-Dohm: Das Tabu, das Geheimnis und das Private - Vom Verlust der Diskretion. Die Veröffentlichung des Privaten - die Privatisierung des Öffentlichen. Hg. von Kurt Imhof und Peter Schulz. Opladen/Wiesbaden 1998, S.136-146, hier S.143.

16 http://www.priscilla.ch/märz3199.htm.

17 http://www.hogrefe.de/buch/online/netpsycho/lprobe/kap13.html = Nicola Döring: Sozialpsychologie des Internet. Die Bedeutung des Internet für Kommunikationsprozesse, Identitäten, soziale Beziehungen und Gruppen. Göttingen 1999.

18 Die Verfasserin beantwortete zwar meine Anfragen, hat jedoch um Diskretion hinsichtlich ihrer Identität und Motivation gebeten. Ich werde diesem Wunsch selbstverständlich Folge leisten.
  Impressum Letzte Änderung: 08 Mar 08 webmaster Seitenanfang