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(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)



René
Goffin
Heute Nacht hab ich Wasser
gemalt - ein Film

Den Film mit dem Titel »Heute Nacht hab ich Wasser gemalt« (René J. Goffin, D: 1999, 30 Min.) habe ich aus den Fragestellungen des Proseminars Milieustudien im Sommer 1999 entwickelt.
Der Film über das Kieler Künstlermilieu zum Ende der 1990er Jahre, entstand aus dem Bedürfnis heraus, ein Milieu zu beschreiben, welches mir aus persönlicher Teilhabe bekannt ist. Es ist der Versuch, aus emischer Perspektive mit den Methoden der teilnehmenden Beobachtung und des Interviews das soziokulturelle Kleinmilieu einer mittelgroßen Stadt in qualitativer Weise darzustellen.
Die Herkunftsbezeichnung »Kieler Künstlermilieu« ist kein Prädikat im Sinne einer bedeutenden Künstlerkolonie, wie beispielsweise Worpswede oder Ahrenshoop. Auch geht es hier weder um eine kunstwissenschaftliche Einordnung der künstlerischen Werke der vorgestellten Personen, noch um eine Schule oder eine bestimmte Denkhaltung. Hier wurde lediglich ein Milieu in nördlicher Randlage untersucht, wie es wohl in vielen bundesrepublikanischen Städten in ähnlicher Situation und Größenordnung zu finden sein wird. Randlage (in diesem Fall nicht nur ein rein geographischer Begriff) definiert sich von den deutschen Kunstmetropolen Berlin und Köln her, mit ihrer außerordentlich hohen Dichte an Künstlern und kunstvermittelnden Institutionen. In diesem quantitativen Aspekt gründet sich auch meine These, dass sich Künstlermilieus in einer solchen Randlage, wie Kiel, in einer anderen Weise konstituieren als in den Metropolen.
Ein Künstlermileu ist, wie sich zeigen lässt, nicht nur ein berufsspezifisches. Kunst zu machen, Künstler zu sein ist kein Beruf im üblichen Sinn1. Dieses Milieu besteht aus Individuen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen und weltanschaulichen Vorstellungen. Die Extremfälle, die »Exoten« kommen in diesem Film jedoch nicht zu Wort, sie sind eine Minderheit und verzerren immer wieder die öffentliche Wahrnehmung und perpetuieren bestehende Klischees.
Im wissenschaftlichen Begleitheft zum Film habe ich im Hinblick auf die Auswahl der Künstlerinnen und Künstler lapidar auf das »von mir wahrgenommene Netzwerk« verwiesen. Nicht nur der Insider-Blick, auch die Altersstruktur der Personen und ihre generationsübergreifenden Beziehungen sollten die spezifischen Qualitäten des Milieus zeigen.
Hinsichtlich der Definition des Milieus machte ich den Versuch einer vorsichtigen Einordnung in Anlehnung an G. Schulzes Untersuchung zur Transformation sozialer Milieus, welches unter anderen Milieumodellen in dem von Albrecht Lehmann und Leonie Koch-Schwarzer geführten Seminar zum Thema »Milieustudien« vorgestellt und diskutiert wurde.
Für mich steht außer Frage, dass sich eine kulturwissenschaftliche Annäherung an den Gegenstand ihres Forschungsinteresses neben der sprachlich-textlichen Arbeit heute auch immer dann, wenn sich dieses vom Thema her anbietet, der audiovisuellen Möglichkeiten zu bedienen hat. Neben der mittlerweile hohen technischen Qualität der Aufzeichnungsmöglichkeiten, hier ist ganz besonders das Videoformat zu nennen, spricht gerade die relativ unproblematische Handhabung für einen Einsatz im Forschungsfeld. Das Filmen mit einer Videokamera hat im Gegensatz zu einer größeren professionellen Filmausrüstung den großen Vorteil, in der Öffentlichkeit nicht allzu viel Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. So war es in meinem Fall der angemessenste Weg mit einem Consumer-Gerät zu drehen - schließlich war nicht nur das Budget begrenzt, sondern auch die zur Verfügung stehende Zeit für das Drehen und die Postproduktion. Ich verzichtete auch auf zusätzliche Beleuchtung an den verschiedenen Aufnahmeorten, um nur mit der vorhandenen Lichtsituation zu arbeiten. So konnte ich die atmosphärischen Eigenheiten der Lebensräume der Künstler wahren. Beim Filmen habe ich auf einen »nicht-privilegierten Kamerastil«
2 Wert gelegt, d.h. keine Kamerapositionen gewählt, die nicht dem gewohnten Sehen entsprechen.
Teilnehmende Beobachtung zu gegebenen Anlässen, wie Ausstellungseröffnungen, Preisverleihungen, Feiern und Treffen im privaten Rahmen bildeten die Gelegenheiten, Künstlerinnen und Künstler in ihrem Milieu zu filmen. Mit den Filmarbeiten habe ich im März 1999 begonnen und nach einem halben Jahr abgeschlossen. Immer wenn sich eine Gelegenheit ergab, die Künstler zu filmen, nahm ich die Kamera mit. Alle Personen des Sets waren zu einem frühen Zeitpunkt über meine Absicht, das Milieu zu filmen, informiert worden. Auch die Interviewfragebögen wurden vor der filmischen bzw. gefilmten Befragung zur Verfügung gestellt. Es lag in meinem Bestreben, meine Absichten für alle Beteiligten möglichst transparent zu machen, d.h. den Vertrauensvorschuss, den ich als Bekannter besitze, nicht zu missbrauchen. Die Interviews wurden immer in den Wohn- bzw. Arbeitsräumen der Künstlerinnen und Künstler durchgeführt. Neben den Interviews, die jeweils ca. 30-45 Min. dauerten, wurden auch zwei Situationen inszeniert. Die beständige Überprüfung des bereits gedrehten Materials (ein weiterer Vorteil des Filmens mit der Videokamera ist ja die sofortige Verfügbarkeit der Aufzeichnung), zeigte mir sehr schnell, dass zu bestimmten Aussagen der Künstler Bilder benötigt wurden, um später beim Schnitt die starren Interviewsituationen aufbrechen zu können. So entstand manchmal aus den Aussagen der Interviewten heraus die Idee, die entsprechenden Situationen zu visualisieren.
Bild- und Tonmaterial müssen in Zusammenhänge gebracht d.h. strukturiert werden. Der Film muss analog zum Konzept der Studie zum lesbaren Text gestaltet werden.
Es war meine Konzeption, dass die elf Künstlerinnen und Künstler in zwei Interviewblöcken zu Fragen ihrer Lebenssituation und des Lebensstils Stellung bezogen. Im ersten Block ging es um den personalen Ort im Fokus der Selbstwahrnehmung. Dieser thematisierte Herkunft, sozialen und ökonomischen Status und das, was sich daraus als Lebensstil ableitet, unter Berücksichtigung weltanschaulicher und ästhetischer Vorstellungen. Im zweiten Block wurden die Orte der Begegnung und das Netzwerk der Beziehungen der Künstler untereinander thematisiert, wie auch die spezifische Situation Kiels.
Das für Video außerordentlich hohe Drehverhältnis von ca. 1:16 zeigt, dass relativ viel Material nicht verwendet wurde. Ich wollte mich mit der Gesamtdauer des Films auf 30 Min. beschränken. So blieben die Fragen, die ich nach der Herkunft stellte und die für den Einstieg und das Verständnis der Personen hilfreich waren, im Endschnitt unberücksichtigt. Durch den Schnittrhythmus und die Themen bekommen die Interviews eine dialogische Struktur zwischen den Befragten. Die Interviewblöcke werden mit einer SW-Abbildung bekannter Künstler und eingeblendeten Zwischentiteln eingeleitet. Innerhalb der Interviewblöcke werden die Künstlerinnen und Künstler bei der Erstvorstellung mittels Text-Inserts über Geburtsjahr, künstlerisches Arbeitsgebiet und Ausbildung kurz vorgestellt. Dies entspricht ungefähr der Selbstdarstellung in den biographischen Angaben der Ausstellungskataloge.
Den Äußerungen der Interviewten ist zu entnehmen, dass ihre Stadt (durch Größe und Überschaubarkeit) ein Milieu konstituiert, welches sich durch Beziehungsdichte und gegenseitiges Helfen jenseits ästhetischer Positionen auszeichnet. Durch die infrastrukturelle Situation dieser Stadt gibt es kaum Konkurrenzdruck, besteht keine Notwendigkeit zur Ellenbogenmentalität, wie sie aus den Metropolen bekannt ist. In den kurz hintereinandergeschnittenen Einstellungen des Vorspanns werden die verschiedenen Orte des Kieler Künstlermilieus vorgestellt, so wie im Nachspann die nun durch die Interviews bekannt gewordenen Künstlerinnen und Künstler noch einmal aufeinander treffen. So wurden Orte und Beziehungen gerafft visualisiert. Anfang und Ende des Films werden zudem durch Ausschnitte zweier Künstlervideos gefasst, welche in ihrer inhaltlichen Konsequenz letztendlich den Künstler als sozial agierendes Subjekt thematisieren.

Um mit dem Medium Film sinnvoll als Kulturwissenschaftler zu arbeiten, ist neben der Fachkompetenz auch die Technik und Theorie filmischer Arbeit zu beherrschen. Trotz großer Aufgeschlossenheit von Seiten des Institutes, ist es ohne technische Ausstattung mühsam dies alles zu erlernen. Ein hohes Maß an Eigeninitiative ist daher notwendig. Die jüngste Nachforschung der Film-AG ergab, dass es innerhalb der Universität Hamburg mehrere Möglichkeiten gibt, auf die Film-Technik anderer Institute zurückzugreifen.
Was aber bleibt ist: Wer sich mit der Filmkamera auf den Weg macht, um den Alltag zu erforschen, muss lernen, noch genauer hinzusehen und hinzuhören. Die Technik des Films bringt es mit sich, dies nicht nur einmal zu tun, sondern viele Male. Am Ende dieses Lernprozesses steht die Kunst der Genauigkeit3. Ein lohnenswertes Ziel.


1 Der Begriff des im allgemein gesellschaftlichen Verständnis greift hier ohnehin nur unvollständdig. W. Ruppert verweist darauf, dass die Neudefinition des modernen Künstlers und seiner Produktionsformen mit drei grundlegenden Modernisierungsprozessen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einhergeht: »Zum einen mit der Modernisierung der Bildherstellung durch neue technische Verfahren und den daraus erwachsenden Bedeutungsverschiebungen. Bei den künstlerischen Medien, zum zweiten mit der weitgehenden Kommerzialisierung der Bildproduktion durch den freien Kunstmarkt, zum dritten mit der Übernahme neuer Begriffe aus dem Kontext der bürgerliche Kultur.« Wolfgang Ruppert: Der moderne Künstler. Zur Sozial- und Kulturgeschichte der kreativen Individualität in der kulturellen Moderen im 19. Und frühen 20. Jahrhundert. Frankfurt a.M. 1998, S.68.

2 In Anlehnung an die Vorstellungen des cinéma vérité (Jean Rouch). Es ist eine Form des Dokumentarfilms in dem einerseits das Interview im Vordergrund sthet und andererseits der unmittelbare Zugagn zu einer dokumentarischen Situation mit geringem technischen Aufwand. Hierzu eignet sich die leichte Kameraausrüstung und der Verzicht auf extreme Perspektiven. James Monaco schreibt: »Die »Chronique d'un été« (1960), gedreht von dem Anthropologen Jean Rouch und dem Soziologen Edgar Morin, ist das erste und immer noch klassiche Beispiel des Cinéma Vérité.« James Monaco: Film verstehen. 1998, S.344.

3 Kunst der Genauigkeit ist der Titel eines Buches des Ethnologen Michael Oppitz, der darin über die Schwierigkeiten filmisch-ethnographischer Arbeit schreibt. Michael Oppitz: Kunst der Genauigkeit: Wort und Bild in der Ethnographie. München 1989.

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