(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche
schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde
c/o institut für volkskunde)
Albrecht
Lehmann
|
Ausschnitt aus der
Laudatio auf
Ulrich Bauche
|
Ausschnitt aus der Laudatio auf Dr. Ulrich
Bauche aus Anlass eines Verfahrens zur Verleihung der akademischen
Bezeichnung »Professor«
durch den Senat der Freien und Hansestadt Hamburg (gem. §
17.1 HmbHG)
Sehr verehrter Herr Präsident,
liebe Frau Bauche,
lieber Ulrich Bauche,
meine Damen und Herren Lehrende und Studierende,
sehr geehrte Gäste.
Ulrich Bauche wurde 1928 in eine jüdische Familie in Hamburg
geboren. Wer sein wissenschaftliches Wirken verstehen will, muss
sich zunächst die Gefährdung seines Lebens und seinen
Ausschluss von jeder akademischen und beruflich-praktischen Tätigkeit
während der Zeit des Nationalsozialismus vergegenwärtigen.
Erst 1946 konnte Bauche, inzwischen 18 Jahre alt, seine Ausbildung
an einem Gymnasium seiner Vaterstadt aufnehmen. Im Jahre 1950
legte er dort die Reifeprüfung ab.
Nach Studien der Volkskunde, Kunstgeschichte, Philosophie, Wirtschafts-
und Sozialgeschichte sowie der Psychologie in Leipzig, Münster
und Hamburg wurde Ulrich Bauche 1964 an der Universität Hamburg
im Fach Volkskunde mit einer Arbeit über »Landtischler,
Tischlerwerk und Intarsienkunst in den Vierlanden unter der beiderstädtischen
Herrschaft Lübecks und Hamburgs bis 1867« - so der
Titel des Werkes - promoviert. Dieses interdisziplinär zwischen
Volkskunde, Kunstgeschichte und Wirtschaftsgeschichte vermittelnde
Werk und weitere Abhandlungen haben ihn zu einem der führenden
Forscher im Fach Volkskunde in den Bereichen der Handwerks- und
Möbelforschung werden lassen. Der innovative Charakter der
Baucheschen Handwerksstudien liegt darin, dass der Autor von den
kulturräumlichen Gegebenheiten einer stadtnahen ländlichen
Region ausgehend Antworten auf allgemeine Fragen zur Entstehung
und zu den wirtschaftlichen und sozialen Funktionen von kulturellen
Stadt-Land-Beziehungen gibt, besonders auf die Frage der Diffusion
städtisch-bürgerlicher Kulturmuster. Der Wert der Baucheschen
Dissertation, ihr interdisziplinärer Forschungsansatz und
ihr anerkannter internationaler Rang stehen außer Zweifel.
Besonders nachdrücklich hervorzuheben ist die Wirkung dieses
Werkes auf die in Schweden entwickelte, weltweit rezipierte »Kulturfixierungstheorie«
(Theorie der Wirtschaftslagen) und auf wegweisende ungarische
Arbeiten zur Regional- und Diffusionsforschung. Das Konzept der
Kulturfixierungstheorie - eine Theorie mittlerer Reichweite -
bezieht sich auf die kulturellen Reaktionen in unterschiedlichen
wirtschaftlichen Konjunkturlagen. Bei rasch steigendem Wohlstand
häufen sich Prestige-Innovationen, außerdem werden
Luxusgüter aus anderen Schichten und Regionen übernommen.
Bei einer nachfolgenden ökonomischen Krise, bei einer Minderung
des Wohlstands will fast jeder gern seinen vorher erreichten Konsumstatus
erhalten. Die kulturelle Entwicklung verliert ihre Dynamik - die
Tradition dominiert über den Wandel. Theoretische Konzepte
dieses mittleren Abstraktionsniveaus haben vor anderen Theorien
den Vorteil, dass sie von Beobachtungen ausgehend, eine Erklärung
sowohl für den Kulturprozess als auch für das individuelle
Verhalten der beteiligten Individuen liefern. Bauches Werk erreichte
die Wirkung eines Standardwerkes der Sachkulturforschung in der
universitären akademischen Lehre und für die, überwiegend
innerhalb des kulturhistorischen Museumswesens betriebene, Möbelforschung.
Dieses Werk zeichnet sich - wie andere Schriften Bauches - gleichermaßen
durch akribische Analyse, wie durch seine innovativen Fragestellungen
aus. Es ist, so wird man ergänzen können, bis heute
ein Standardwerk der Sachkulturforschung geblieben.
Nach einer Museumsassistentenzeit in Dortmund fand Ulrich Bauche
seine Lebensstellung am Museum für Hamburgische Geschichte.
Er war dort von 1966 bis 1993 tätig. Hier publizierte er
eine große Anzahl von Schriften in Buch- und Aufsatzform.
Er wirkte als Herausgeber wissenschaftlicher Werke, konzipierte
vielbeachtete Museumsausstellungen und leitete verschiedene Abteilungen
dieses Hauses. Vor allem die 1981 eröffnete Gedenkstätte
Neuengamme und das dortige Dokumentenarchiv sind hier zu nennen.
Ulrich Bauche war zudem von 1974 bis 1991 Mitglied des Denkmalrates
der Freien und Hansestadt und hat in dieser Eigenschaft zur Erhaltung
der hiesigen Kulturdenkmäler sehr wesentlich beigetragen.
Bauches wissenschaftliches Werk gilt seit den 1960er Jahren der
Kultur und Geschichte seiner Geburtsstadt. Es umfasst sehr viele
unterschiedliche Gebiete, z.B. die kulturelle Topographie Hamburgs,
Arbeiten zur regionalen Kunstgeschichte und zur Keramikforschung.
Zwei Bereiche seiner Forschungen und Publikationen sollen neben
seiner wegweisenden Möbelforschung hervorgehoben werden:
die Geschichte und Kultur der Hamburger Arbeiterbewegung bis 1945
und die Geschichte und Kultur der Juden in Hamburg. Beide stehen
im Zusammenhang mit großen von ihm projektierten und geleiteten
Museums-Ausstellungsvorhaben, beide fanden über die Stadt
Hamburg hinaus in Deutschland und im Ausland große Anerkennung.
Bei seinen Arbeiterkulturforschungen argumentiert Bauche vor allem
auf der Basis seiner umfassenden Kenntnis der Sachkultur und der
bildlichen Zeugnisse aus der Arbeiterbewegung. Dabei werden Gegenstände,
Bilder und Plakate über ihre formalen Qualitäten hinaus
in ihren expressiv-sinnlichen und emotionalen Funktionen interpretiert,
als Symbole, die in soziale Handlungen einbezogen werden und in
den betreffenden Gruppen Prozesse der Selbstvergewisserung und
der Integration fördern. Die Baucheschen Studien zur Arbeiterkulturforschung
haben die vor allem in den 1980er Jah ren interdisziplinär
(Sozialgeschichte, Geschlechtergeschichte, Musikwissen schaft,
Volkskunde) geführte Diskussion über Arbeiteralltag
und Arbeiteror ganisationskultur vorbereitet und über Jahre
hin methodisch beeinflusst. In der volkskundlichen Wissenschaft
steht die stimulierende und weiterführende Qualität
der Baucheschen Studien vor allem in den 1960er und 70er Jahren
außer Frage. Es sind Arbeiten, in denen er die kulturellen
Prozesse umfassend, sensibel und ideenreich interpretierte und
sich dabei nicht an überkommene oder einseitige Konzepte
klammerte. Die 1970er Jahre waren ideologisch anfällige Zeitläufte,
gerade wenn es um Themen wie »Arbeiterkultur» ging.
Wir haben damals, Ulrich Bauche und ich, dazu gemeinsame Lehrveranstaltungen
- gut besuchte Lehrveranstaltungen - im Museum für Hamburgische
Geschichte abgehalten. Ich will nicht verhehlen, dass Bauche und
Lehmann bei diesen brisanten politischen Themen nur selten einer
Meinung waren. Die Studentinnen und Studenten wird es gefreut
haben. Und ich erinnere mich voller Achtung nicht nur der Kenntnisse
Bauches, sondern gerade auch seiner Offenheit und Toleranz.
In den letzten Jahren seiner Tätigkeiten im Museum für
Hamburgische Geschichte stand das Thema »Jüdische Lebenswelten
in Hamburg« im Zentrum seines wissenschaftlichen und organisatorischen
Wirkens. In Zusammenarbeit mit Jerusalemer Historikern (Baruch
Ophir, Daniel Cohen, Naftali Bar-Giora Bamberger) plante er die
große Ausstellung »400 Jahre Juden in Hamburg«,
die im Jahre 1991 im Museum für Hamburgische Geschichte eröffnet
wurde. Die Ausstellungsleitung und die Herausgabe des umfangreichen
wissenschaftlichen Katalogs wurden ihm übertragen. Dieses
groß angelegte Werk nimmt in der Kulturgeschichtsschreibung
über die Juden in Hamburg einen zentralen Rang ein. Es dokumentiert
mit Hilfe wissenschaftlicher Texte, durch Urkunden und Bilddokumente
die Geschichte der jüdischen Einwanderung in die Hansestadt
seit der Reconquista (also seit 1492), beschreibt das vielfältige
religiöse und gesellschaftliche Leben, die Familienkultur
und das Ausbildungssystem dieser religiösen Minderheit. Dabei
werden neben der Geschichte der Institutionen exemplarisch Einzel-
und Familienschicksale von Hamburger Bürgerinnen und Bürgern
jüdischen Glaubens lebendig; gerade auch ihre aktive Teilnahme
am sozialen und kulturellen Leben der nichtjüdischen Majorität.
Dieses Werk verweist auf die hervorragende Bedeutung der Juden
im kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Leben dieser
Stadt.
»400 Jahre Juden in Hamburg« und andere Schriften
Bauches über jüdisches Leben und jüdische Kultur
sowie die von ihm veranlasste Bestandsaufnahme der Judaica in
den Hamburger staatlichen Museen tragen wesentliches zur individuellen
und kollektiven Erinnerung an eine zerstörte Kultur bei,
zur Erinnerung an ein jahrhundertelanges Zusammenleben zwischen
Juden und anderen Hamburgern und an dessen furchtbares Ende. Christoph
Daxelmüller, weltweit renommierter Fachmann für die
Kultur und Lebensweise der europäischen Juden, benennt in
Ulrich Bauche eine der »Initiativpersönlichkeiten innerhalb
der deutschsprachigen Volkskunde« für die Erforschung
des Alltagslebens der jüdischen Minderheit in Deutschland,
bezeichnet die große Ausstellung »Vierhundert Jahre
Juden in Hamburg«, für deren Katalog Bauche verantwortlich
war, als den Höhepunkt seines Schaffens.
Trotz seiner vielen Verpflichtungen hat der Volkskundler Ulrich
Bauche seit 1969 bis heute - bis ins Jahr 1999 und ich hoffe sehr
noch über das Jahr 2000 hinaus - mit großem Engagement
Lehrveranstaltungen am Institut für Volkskunde der Universität
Hamburg gehalten. Die Schwerpunkte seiner akademischen Lehre lagen
bei Themen aus folgenden Bereichen: materielle Kultur, historische
Großstadtforschung, kulturelle Bedeutung von Stadt-Umland-Beziehungen,
regionale Sonderformen der Alltagskultur, Organisations- und Alltagskultur
der Arbeiterschaft und beim Themenkomplex »Jüdische
Lebenswelten«. Zu seinen Lehrveranstaltungen gehörten
regelmäßig Exkursionen ins Hamburger Umland. Seine
Seminare sind stets sehr gut besucht. Sie zeichnen sich durch
einen Bezug zur Sachkulturforschung und zur Praxis der Museumsarbeit
aus, vor allem boten und bieten sie den Studierenden immer wieder
die für ihre berufliche Entwicklung wichtige Chance, an Konzepten
zu Museumsausstellungen und an deren Realisierung mitzuwirken.
Die große Themenbreite der Baucheschen Lehrveranstaltungen
am Hamburger Volkskunde-Institut, vor allem ihr Schwerpunkt »Jüdische
Lebenswelten«, hat Herrn Bauche zu einem der wichtigsten
Mitglieder unseres Instituts werden lassen. Wir alle - Studierende
und Lehrende - danken ihm dafür.
Abschließend ein Wort noch zur Person des Professors Dr.
Ulrich Bauche. Er ist ein bescheidener Mensch, stets hilfsbereit
und kritisch reflektierend, auch über sich und seine eigene
Arbeit. Gerade diese Eigenschaften machten seine Aktivitäten
im Berufsleben so eindrucksvoll und seine Veröffentlichungen
so lesenswert; sie verhalfen ihm nicht nur innerhalb des deutschen
Museumswesens, sondern auch der akademischen Volkskunde zu überragendem
Ruf. In seiner wissenschaftlichen Arbeit war er häufig seinen
Kollegen einen Schritt voraus, er war und ist innovativ, und auf
seine bedachtsam durchgeführten Recherchen konnte und kann
man sich verlassen. Seine menschliche Integrität, sein weiter,
interdisziplinärer Horizont und seine in der Lehrtätigkeit
eindrucksvoll unter Beweis gestellten Fähigkeiten lassen
die Verleihung der akademischen Bezeichnung »Professor«
in höchstem Maße als gerechtfertigt erscheinen.