Logo der Universität Hamburg Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie 
  UHH  ›  FB Kulturgeschichte und Kulturkunde  ›  Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie   Suche  

(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)



Gunda von
Kriegsheim
»Mir geht es gut, mach Dir keine Sorgen«. Feldpostbriefe zwischen Front und Heimat - Standards und Besonderheiten


Über Kriegführung, Schlachten und Waffentechniken wird in den historischen Wissenschaften gründlich diskutiert und debattiert. Innerhalb der kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung setzt sich eine Diskussion über eine »Militärgeschichte von unten« fort, da ein Krieg immer auch ein Teil von Kultur ist, bzw. Kriege selbst kulturell überformt werden1. Zu diesem Themenkomplex fand das Hauptseminar »Krieg und Kultur« im Wintersemester 1999/2000 unter der Leitung von Professor Albrecht Lehmann statt.
Krieg beeinflusst das Bewusstsein der Zeitgenossen in hohem Maße. Kriege sind im Leben eines Menschen Erfahrungseinbrüche, die verarbeitet werden müssen
2. Einen Einblick in diese Verarbeitung bieten die Feldpostbriefe, denn sie erzählen, wie während des Krieges mit Krieg umgegangen wird. Die Feldpostbriefe bilden einen wichtigen Teil des Kommunikationsprozesses im Kriegsalltag.
In diesem Artikel geht es im folgenden nicht darum, Ansätze zu ermitteln, unter welchen Bedingungen Krieg entstehen kann oder welche Wirkung und kulturelle Entwicklung ein Krieg im nachhinein mit sich bringt
3. Ich möchte vielmehr anhand von Feldpostbriefen deutlich machen, wie in den Briefen mit dem Thema »Krieg« umgegangen wird. Im Kontext dieser Perspektive ist es zunächst wichtig, auf die Art der Kommunikation zwischen Front und Heimat bzw. Heimat und Front einzugehen.

Im ersten Abschnitt gehe ich dabei auf die äußeren Faktoren ein, die das Schreiben beeinflussen. Dazu zählen zum einen die staatliche Organisation, die Restriktionen und die Kontrollmechanismen und zum anderen die konkrete Beeinflussung des Empfängers bzw. Absenders während des Schreib- bzw. Leseprozesses. Der zweite Abschnitt stellt beispielhaft Briefinhalte verschiedener Quellen vor. Den Schwerpunkt meiner Fallstudien bildet jedoch eine Briefsammlung und eine Familienkorrespondenz, beide aus dem zweiten Weltkrieg. Beides gemeinsam dient dazu, einen exemplarischen Eindruck zu vermitteln, wie Kommunikationsprozesse im Krieg ablaufen. Sie können nur im Ansatz dazu dienen, allgemein gültige Charakteristika der brieflichen Alltagskommunikation darzustellen. Trotzdem bieten gerade sie, als Einzelzeugnisse der kleinen Leute, einen Zugang für die Forschung, wie mit dem Ausnahmezustand »Krieg« umgegangen wird.
Der dritte und letzte Abschnitt schließt mit einer Zusammenfassung über die Briefinhalte und mit einer Beschreibung und Analyse wie Krieg von den Absendern der Feldpostbriefe im Gegensatz zur »Militärgeschichte von oben« wahrgenommen wird.

Organisation und äußere Faktoren, die das Schreiben beeinflussen
Bevor es möglich ist, auf die Briefinhalte einzugehen, ist es notwendig, den Hintergrund zu veranschaulichen. Die Organisation der Feldpost, die Restriktions- und Kontrollmechanismen und die Beeinflussung des Absenders sind für die Kommunikationsart grundlegend und sollen daher kurz skizziert werden. Es ist sinnvoll, diese Faktoren beim Lesen vom Briefen als Hintergrund wahrzunehmen, da sie beim Absender immer präsent sind und ohne diesen Hintergrund immer auch ein abweichender Briefinhalt denkbar wäre.
Organisation
Die Bedeutung der Feldpostbriefe für die Empfänger und Absender ist der Kriegsführung wohl bekannt. Denn hinter dem Versand der Feldpost steht ein hoher organisatorischer Aufwand. Vor Kriegsbeginn, 1937-1939, wurde bei Einsätzen die Versendung von Feldpostbriefen erprobt
4, um einen späteren reibungslosen Ablauf zu testen und zu ermöglichen.
Zu der Organisation der Feldpost gehören unter anderem die Beschriftung der Briefe, Postsammelstellen, Postversand, Kontrollstationen und Zusteller. Die Briefe und Postkarten wurden mit offenen, halboffenen oder getarnten Anschriften versehen. Adressen bekamen als Zielort einen Code aus Buchstaben- und Zahlenkombinationen, um eine Identifikation mit dem Zielort auszuschließen. Alle Briefe wurden mit Tagesstempeln, teilweise mit Werbefläche bzw. Durchhalteparolen, versehen. Um genau zu sein: Die Werbeflächen und Durchhalteparolen waren in den Tages-stempel integriert
5.
Kontrolle und Zensur
Die Inhalte der Feldpost werden geprägt durch die Angst vor Kontrolle bzw. Zensur. Konkrete Aussagen über die Kriegssituation werden bewusst vermieden, da es keinen Schutz des »Briefgeheimnisses« vor der Obrigkeit gibt. Es könnten Sanktionen folgen, denen die Soldaten zu entgehen suchten.
Die offizielle Zensur bezog sich zum Beispiel auf das Verbot von Angaben über dienstliche Vorgänge oder Verschickung von Feindpropaganda
6. Aber die Einflußnahme auf den Inhalt der Briefe begann weit vor dem eigentlichen Schreiben: »zahlreiche Broschüren und Zeitungsartikel wurden mit hoher Auflage veröffentlicht«7, und darin Beispielbriefe zitiert oder 'erfunden'. Das Ziel hierbei war folgendes: »Es gibt ja auch sehr viele Eltern, Frauen, Bräute und Kinder, die prachtvolle Feldpostbriefe schreiben. Welch einen Dienst leisten diese Menschen der Front! Es ist für die Männer eine schwere Belastung, wenn sie Klagebriefe lesen müssen. [...] Ein echter Soldatenbrief [... zeigt], dass dieser schwere Krieg nun mal durchgepaukt werden muß [...] ein solcher männlicher Brief wirkt Wunder«8.
Empfänger und Absender
Charakteristisch für Feldpostbriefe ist, dass die Briefe die Alltagskommunikation ersetzen sollen. »Der Kommunikationszusammenhang von Briefen unterscheidet sich grundsätzlich von der mündlichen Gesprächssituation dadurch, dass das kommunikative Handeln nicht zum selben Zeitpunkt und am selben Ort stattfindet. Der private Briefverkehr [...] setzt das Weggehen des einen von einem oder mehreren anderen voraus, die ihm sozial und emotional nahe stehen.«
9
Die Absender von Feldpostbriefen sind sowohl die Soldaten, die am Krieg teilnehmen, Soldaten, die in Gefangenschaft sind, als auch Personen, die in der Heimat gebliebenen sind. Beide Parteien sind bemüht, diejenigen, an die die Briefe gerichtet sind, nicht zu beunruhigen. Dies bildet eine Grundlage für viele Standardisierungen der Briefinhalte und für den versuchten Grundtenor: »Mach Dir keine Sorgen, mir geht es gut.«
10
Zeitaspekt
Feldpostbriefe werden synchron zum Kriegsgeschehen und -erleben geschrieben. Die Briefinhalte stehen mit diesen Erfahrungen und der alltäglichen Lebenswirklichkeit in direktem Zusammenhang. Auch der Versuch der Verdrängung des eigentlichen Kriegsgeschehens und das Abgleiten in Alltäglichkeiten gehören zum synchronen Schreiben.
Erzählstruktur
Der Erzähler, in diesem Fall der Briefeschreiber, schreibt in einem persönlichen Stil, aus seiner Erzählperspektive, zumeist als Ich-Erzähler. Durch diese Erzählstruktur ist ein persönliches Verhältnis zum Geschriebenen gegeben. Alles Geschriebene wird subjektiv wiedergegeben, was sich auf die Auswahl der Themen und die Beschreibung der Gefühle auswirkt.
Jeder Schreiber von Briefen ist zunächst mit sich, seinem Schreibutensil und seinem Papier für sich allein. Er schreibt seine Gedanken alleine auf Papier nieder. Diese Situation macht ihn zu einem Individuum. Andererseits existieren im Krieg andere Voraussetzungen des Schreibens: Häufig werden Briefe an einem Ort, in einem Raum gemeinsam geschrieben. Die Gründe liegen dafür an dem zur Verfügung stehendem Raum, der zeitlichen Zugänglichkeit von Briefmarken und im Kriegsgeschehen.
Weiterhin werden die Briefe durchaus in der Gemeinschaft vorgelesen, sowohl die selbst geschriebenen als auch die erhaltenen. Dadurch wird bei aller Individualität auch eine inhaltliche Annäherung geschaffen.

Briefinhalte - eine Auswertung der alltagsgeschichtlichen Aspekte
Ein Krieg lebt auch nach seinem Ende in allen Beteiligten fort, und selbst nachfolgende Generationen sind geprägt von Erinnerungen ihres Umfeldes. Diese Erinnerung an gewesene Kriege, wie die Hoffnung auf bleibenden Frieden sind Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses. Es lässt sich auf verschiedene Arten äußern, wie zum Beispiel in Denkmälern oder Erzählungen, aber ebenso in der Weiterreichung von Fotos oder Feldpostbriefen.
Feldpostbriefe stellen bis zum letzten Weltkrieg eine wesentliche Verbindung zwischen Heimat und Front dar. Feldpostbrief ist ein Begriff, der für Briefe verwendet wird, die während eines Krieges zwischen Front und Heimat geschrieben werden. Sie sind damit »Dokumente einer erzwungenen Trennung zwischen Front und Heimat, zwischen Heimat und Front«
11. In vielen Fällen »war die Feldpost für den 'einfachen Soldaten' geradezu die letzte Verbindung zur Außenwelt«12.
Die Briefe sind für den Erhalt von Familienstrukturen, die Motivation, den Krieg fortzuführen, und auch zur Versorgung mit Lebensmitteln und Alltagsdingen von großer Bedeutung. Der geographische Abstand zu den Familienmitgliedern kann sehr groß sein, aber auch die Divergenz des Lebensstandards ist häufig sehr groß zwischen Heimat und Front, Front und Heimat. Diese Distanzen zu überbrücken, dazu bieten die Feldpostbriefe, neben dem Urlaub, die einzige Möglichkeit. Sie sind von elementarer Bedeutung, wenn es darum geht, die Familienstrukturen so weit es geht zusammen zu halten.


Im Folgenden werden als Schwerpunkt zwei Briefkonvolute der Analyse zugrunde gelegt.
Das erste Konvolut ist eine Briefsammlung aus dem 2. Weltkrieg. Hans K. schreibt in 22 Briefen
13 an seine Mutter und seinen Bruder Peter in Deutschland. Der Zeitraum erstreckt sich vom 26.3.1944 bis zum 23.8.1944, dem letzten Brief von Hans K. vor seinem Tod. Von seinem Tod erfahren die Angehörigen jedoch erst 1947. Der Kriegsplatz ist Frankreich, und die Briefe beginnen kurz vor der Invasion am 6. Juni 1944, das heißt vor der Landung der Alliierten von England über den Kanal an der französischen Grenze.
Die zweite Quelle bildet eine publizierte Briefkollektion. Die Grundlage sind Briefe, die von gefallenen deutschen Soldaten in Rußland vor Stalingrad stammen. Erst mit Beendigung des Kalten Krieges, durch humanitäre Aktionen sowjetischer und deutscher Personen, ist es möglich geworden, dass diese Feldpostbriefe nach Deutschland zurückgekehrten. Es sind Briefwechsel »einfacher Deutscher in den vier Jahren des Krieges gegen das russische Volk. [...] Es ist in vielen Fällen sehr wahrscheinlich, dass manche Briefe ein letztes Lebenszeichen sind.«
14
Die Kommunikationsinhalte der Briefe beider Konvolute liegen im wesentlichen in »Alltagsbeschreibungen«, »[d]enn auch im Krieg bilden sich alltägliche Strukturen - tägliche Routinen und Selbstverständlichkeiten - heraus. Schreiben von der Front nach Hause stellen einen Bestandteil des 'Kriegsalltags' dar und zeigen ein Stück weit, wie dieser subjektiv erlebt und bewältigt wurde.«
15
Der Themenkreis der Kommunikation liegt im Wesentlichen im Alltag des Briefwechsels selbst und im Alltag der Heimat. Der Krieg als »Schauplatz des Grauens« wird entweder ausgespart, als nichtexistent negiert, oder in abgeschwächter, umschriebener oder banalisierter Form in den Briefen eingeflochten.
Wie aus den Briefen zu erkennen ist, ist das Schreiben zur Kriegszeit unabhängig vom sozialen Status: vom Standort, vom Alter, vom Geschlecht oder vom Bildungsgrad. Wenn möglich werden innerhalb von Familien oder unter Freunden täglich Briefe auf den Weg geschickt. Wichtig ist deshalb für die Absender, zu erfahren, ob alle Briefe angekommen sind: »Ob Du wohl alle meine Briefe erhältst? Wie lange mögen sie unterwegs sein, ehe sie in Deine Hände gelangen? Es muß nicht schön für Dich sein, mehrere Tage hintereinander keine Nachricht von mir zu erhalten?«
16 Um eine Chronologie zu erstellen und Vollständigkeit festzustellen, werden Briefe zum Beispiel numeriert: »Gestern erhielt ich fünf Briefe von Dir und zwar #86,#87,#89,#91 und heute einen Luftpostbrief vom 31.10 (1942)«17. Oder es werden Daten notiert: »14 Tage ist es her, seit ich von Dir die letzte Nachricht in Händen habe, aber ich vertröste mich, da ich weiß, daß die Post nicht schneller geht. Hoffentlich hast Du alle meine Briefe erhalten, ich schrieb zuletzt am 8.6., 12.6., 17.6., 22.6., 26.6., vergleiche bitte.«18 Immer wieder kommt es zu solchen Abgleichungen.
Die Sorge um die Familie ist allgegenwärtig. Jeder möchte wissen, was der andere macht, wie es ihm geht und vor allem, ob er/sie noch am Leben ist. Die Sorge gilt besonders denen an der Front, im Kampfgeschehen: »Wann werden wir von Dir meinem lieben Jungen wieder hören und wie wird die Nachricht sein! Auch von Josef hören wir nichts mehr.«
19 Aber sie gilt auch denen in der Heimat: »Ich glaube, seit Beginn der Invasion habt Ihr vor den Luftangriffen etwas mehr Ruhe, denn die gesamte Luftmacht ist jetzt gegen die franz. Küste und zu einem Teil gegen die Ölzentren im Balkan eingesetzt.«20.
Unangenehme Begebenheiten des Alltags werden im Plauderton erzählt. Dazu gehören Hinweise darauf, wie lange man seine Kleidung nicht wechseln oder sich nicht waschen konnte, oder es nicht möglich war, in einem Bett zu schlafen: »Nun sind schon drei Wochen seit dem ersten Invasionstag vergangen, bisher habe ich noch kein Mal meine Wäsche gewechselt, auch den ganzen Körper würde ich mir mal wieder waschen, oder noch viel lieber mal eine Nacht wieder in einem richtigen Bett schlafen, ungestört und recht lang.«
21
Die Versorgung mit Nahrungsmitteln ist auf beiden Seiten und in beide Richtungen der Briefwechsel ein wichtiger Aspekt, »schließlich war dies auch ein ideales Instrument, um einen kleinen, aber nicht unwichtigen Teil des Nachschubs zu privatisieren. Von der Tabakration bis zur Winterkleidung halfen die Familien in der Heimat aus [...] Die Soldaten ihrerseits revanchierten sich mit großzügigen Sendungen von billig erworbenen 'Beutegut' [...]«
22.
Wenn entweder in der Heimat oder an der Front die Versorgung mit Lebensmitteln knapp ist, versucht die andere Seite etwas zu besorgen und per Päckchen zuzusenden. »Ist das Packet also gut an gekommen, iß das Fleisch auf, hast Du die Büchse von Mutter schon aufgegessen? mach es ruhig auf, schicken Dir was wieder, will mal sehen, ob ich nicht irgendwo so eine kleine Büchse auftreiben kann, schicke Dir dann mal ein Kottlet, das mochtest Du ja auch gern. Denkst Du an die Päckchenmarken, Heinrich? Ja von den Birnen bekommst Du nun dieses Jahr gar keine roh zu essen [...]«
23.
Von der Front in Frankreich lassen sich besondere Lebensmittel in die Heimat verschicken: »Die frz. Bevölkerung ist zum größten Teil geflüchtet, wir können uns also an zurückgelassenen Vieh reichlichst mit Zusatzverpflegung versorgen. [...] in einem Haus fand ich echten Tee, wovon ich Dir im letzten Brief ein Kostpröbchen mitschickte, [...]«
24.
Feiertage wie Weihnachten und Feste - wie zum Beispiel ein Geburtstag - bekommen eine besondere Bedeutung. Gerade zu diesen Zeiten wird die Entfernung zu den Verwandten und Freunden deutlich, und der Wunsch des Wiedersehens gibt den Briefen einen selten so offenen sehnsüchtigen und traurigen Ausdruck. »Meine liebe Paula, in ein paar Tagen ist wieder Weihnachten das schönste Fest der Familie u. ich darf wieder nicht bei Dir sein u. bei unseren Kindern sein, u. wie sehne ich mich nach Hause, nach Frau u. Kindern, hoffentlich kommt auch bald der Tag wo ich wieder für immer bei Dir meiner lieben Paula sein darf. [...] hoffentlich bekommen unsere lieben Kinder auch dieses Jahr etwas zu Weihnachten, es ist ja alles so rar, u. wie schön wäre es wenn ich bei der Bescherung dabei sein dürfte u. auch Dir meiner lb. Paula, das Christkind etwas bringen würde.«
25
Oder ein anderer Brief: »Denn jetzt ist man schon wieder ein ganzes Jahr von der Heimat weg mir möchten die Tränen rollen wie einem kleinen Kinde wenn man an die Heimat denkt. Das schlimmste war an Heiligabend und am Sylvester so eine Weihnachtsfeier und Jahresende möchte ich in meinem Leben nicht wieder verleben.«
26
Schließlich ein letztes Zitat zu diesem Themenkomplex: »Meine liebe Mutter! Zu Deinem Geburtstag möchte ich Dir meine herzlichsten Glückwünsche senden. Wie gerne würde ich bei Dir sein und mit Dir diesen Tag feierlich begehen, Dir vielleicht selbst ein kleines Geschenk übergeben oder Dir sonst Freude bereiten. Es ist leider nicht möglich, [...] Obwohl sonst ein Geburtstag immer ein Freudentag ist, fühle ich Dir nach, daß es dieses Mal mit Wehmut und Betrübnis erfüllt sein wird, denn dieser Tag erinnert Dich an glückliche Zeiten [...] nur die Erinnerung ist zurückgeblieben und es wird Dich traurig stimmen [...]«
27.
Von der Front aus möchte ein Sohn, ein Ehemann auch gern am Geschehen zu Hause teilnehmen und Ratschläge geben: Im Beispiel von Hans K ist der Bruder nicht versetzt worden. Jetzt versucht Hans K. aus der Ferne, den Bruder zu trösten, die Gründe zu nennen und Mut zuzusprechen: » In erster Linie mußt Du also sehen, daß Du in Deutsch besser wirst. [...] Nun laß den Kopf nicht hängen, jetzt wird Dir alles viel leichter fallen, wenn Du die gleiche Klasse noch einmal durchmachen mußt. Wenn Du immer in ein und derselben Schule von Anfang an gewesen wärst, so wäre Dir das nicht passiert, das weiß ich.«
28
Es kann auch direkte Weisungen geben: »Ja, die Kartoffeln, das ist jetzt bei der Knappheit ein Kapitel für sich. Daß du da sehr viel Mühe und Arbeit und Ärger mit hast, kann ich mir lebhaft denken. Es freut mich ganz besonders, daß du dich so freudig einsetzt und den Laden so zu schmeißen verstehst. [...] Nehme nur Aufträge von unseren Kunden an, dann hast du genug.«
29
Es ist zu erkennen, dass die Anteilnahme am Geschehen zu Hause sehr groß ist. Dies kann so weit gehen, dass Entscheidungen aus der Ferne bestimmt werden sollen, die die Frau jedoch alltäglich selber zu entscheiden hat. »Der Briefschreiber versucht zu erreichen, dass seine Familie auch in seiner Abwesenheit so weiter lebt und arbeitet wie vorher. Vor allem sein Platz in der Familie soll ihm bewahrt werden. Er gibt genaue Anweisungen, wie sein Geschäft zu führen ist, nimmt in Gedanken am Leben daheim teil, lässt sich exakte Berichte schicken und will zu allem seine Meinung sagen, egal, ob sie erwünscht wird oder nicht.«
30 Es steht hinter diesem Vorhaben die Angst, nicht mehr gebraucht zu werden, wenn er - der Mann - aus dem Krieg »heimkehrt«.
Politische und kämpferische Äußerungen sind oft mit einem Hass auf den Feind in Verbindung, mit der Hoffnung auf den Sieg und der Sorge um eine Heimkehr verbunden: »Ich glaube immer noch, daß mit dem endgültigen Fall von Stalingrad dem Russen die Kampfkraft gebrochen ist und er sich auch über den Winter nicht wieder erholen wird [...]«
31; »Das ist der Bolschewismus, wie wir ihn haßten, hinter listig und verlogen, brutal und herzlos. Ich zweifle keinen Augenblick an einem Sieg über diese Hunde, die man nicht Menschen nennen kann.«32
Die Radiomeldung von Goebbels im Juli 1944, in dem eine Wunderwaffe angekündigt wird, bietet eine Möglichkeit, Hoffnung aufkommen zu lassen: »Gestern soll Goebbels gesprochen haben. Ob Ihr wohl seine Rede gehört habt? Aus seiner Rede soll u.a.. zu entnehmen gewesen sein, daß wir in Kürze die Welt mit weiteren neuen Waffen in Erstaunen und Schrecken versetzen werden. Auch ich bin fest davon überzeugt, daß wir noch weitere Geheimwaffen besitzen, deren Einsatz aber von einem bestimmten Zeitpunkt abhängig ist, den leider wir nicht bestimmen können.«
33 Im Verlauf dieses Briefes wird deutlich, dass nur durch eine Wunderwaffe eine positive Wendung des Krieges als noch möglich eingeschätzt wird: »Damit behaupte ich von mir aus nicht, daß wir mit den Truppen, die uns hier zur Verfügung stehen, imstande sein werden, je einmal den Tommie hinaus zu bekommen, genauso wie es uns leider nicht mehr gelingen wird, den Feind in Italien und im Osten vernichtend zu schlagen, hier können nur neue Waffen helfend eingreifen und eine Wendung der Lage, die im Augenblick nicht rosig aussieht, herbeiführen.«34
Selten werden offene, niederschmetternde Zeilen geschrieben: »Stalingrad ist immer noch nicht gefallen. [...] Doch jeder Angriff kommt zum Stehen und wird abgeschlagen. [...] Der Russe bekommt halt immer noch stark Verstärkung über die Wolga und nachts durch Flugzeuge [...] Die Nase haben wir alle restlos voll. Wir sind ja auch nur noch wenige. [...] Ja, wer ein oder zwei Jahre Krieg ausschalten könnte aus seinem Gedächtnis, wie glücklich müßte dieser sein; nichts zu sehen, von den vielen Toten, Verwundeten und wie sie dalagen, mit welchem Blick!«
35
Insgesamt befassen sich die Briefe wenig mit dem möglichen eigenen Tod oder dem Tod eines Kameraden. Vereinzelt, wie »eingeschmuggelt«, lassen sich Bemerkungen über den Tod finden. Diese Gedanken können einerseits bedrückend sein: »Nun ist es so, daß man mit gemischten Gefühlen hinaus geht, weiß man doch nie, wie es einem dort gehen wird. [...] So ist der Krieg, der Tod lauert auf Schritt und Tritt. Es ist ein Kampf um Leben oder Sterben.»
36 So deutliche Worte über die Möglichkeit des eigenen Todes sind eine Seltenheit. Meines Erachtens werden sie nur in größter Not geschrieben.
Andererseits spiegeln die Gedanken auch eine Gewöhnung an das Alltägliche des Sterbens wider: »Es ist komisch, wie schnell das Schwere abgetan wird und man gleich wieder fröhlich ist und sich der Gegenwart freut. Genau so ist [es], wenn ein Kamerad von uns fällt. Im ersten Moment ist man sehr bedrückt und geht uns sehr nahe, im nächsten Augenblick ist es schon wieder vergessen und man freut sich vielleicht sogar, wenn man unter den Sachen des Gefallenen irgendeinen brauchbaren Ausrüstungsgegenstand findet, der selbstverständlich gleich in den eigenen Besitz wandert.«
37. In diesem Ausschnitt zeigt sich, wie der Tod Gewohnheit geworden ist. Erstaunlich ist, dass der Erzähler hier nicht von seinen persönlichen Erfahrungen spricht, nicht »ich«, sondern das neutrale »man« nutzt oder sich in der Gruppe sieht (»wir«). Damit distanziert sich der Erzähler vom Geschehen.

Fazit
Entfernt von traditionellen historischen Untersuchungen über strategische Kriegführung und Waffentechniken bilden Feldpostbriefe eine umfangreiche Grundlage für Analysen auf der Ebene der Personen im »Kriegsalltag«. Dass die Feldpostbriefe in der Kriegsstrategie der Führungsebene als wichtiges Kommunikationsmedium anerkannt sind und damit einen wesentlichen Faktor für die Motivation bilden, beweist der organisatorische Aufwand, der für ihre Übermittlung betrieben wird. Der organisatorische Aufwand beginnt im Vorfeld mit Testläufen und setzt sich mit der Codierung von Adressen und der oft gefährdeten, gar gefährlichen Zustellung der Briefe fort.
Es ist wichtig, die Feldpostbriefe unter der Prämisse zu lesen, dass sie der Zensur und Kontrolle unterliegen. Ebenso wird die Briefkommunikation durch den mündlichen Austausch innerhalb der Absendergruppen geprägt, wie auch durch abgedruckte Musterbriefe und die Ermahnungen, die Empfänger der Briefe nicht zu beunruhigen.
Die Feldpostbriefe bieten sich als Quellengattung an, »um für einen mentalitätengeschichtlichen Ansatz einen sehr viel weiteren Kulturbegriff zu verwenden, der den Blick von den meinungsmultiplizierenden Eliten auf diejenigen lenkt, die den Krieg in den Schützengräben zu führen hatten.«
38 Umfangreiches Material steht inzwischen zur Verfügung, nicht nur durch die Öffnung der Grenzen zum Osten, sondern stark auch durch den zeitlichen Abstand, etwa indem Briefe der interessierten Öffentlichkeit - etwa Museen - zur Verfügung gestellt werden. So erhöht sich zunehmend die Quantität der auswertbaren bzw. ausgewerteten Briefe.
Feldpostbriefe werden durch eine erzwungene Trennung zwischen Heimat und Front geschrieben. Daher dienen die Briefe dazu, die mündliche Kommunikation zu ersetzen. Insgesamt wird versucht, den Krieg als »Ausnahmezustand« anzusehen. Das Geschehen und die Verfolgung des Alltags in der Heimat nehmen viel Raum in den Briefen ein. Es zeigt sich eine spezifische Selektion der Wahrnehmung in geschilderten Elementen. Jeder findet seine Strategie, um das Kriegsgeschehen zu bewältigen und sich so eine Art Selbstschutz vor der Realität zu bilden. Selten und oft unvermittelt werden dem Leser Informationen über den Krieg und die gegebenen Umstände vermittelt, während die oben beschriebenen Inhalte die Briefe dominieren.
»Mach Dir keine Sorgen, mir geht es gut«
39, ist eine häufig geschriebene Phrase und ein anerzogenes Bemühen, um den Empfänger zu beruhigen. Wird diese Phrase jedoch in die Briefzusammenhänge gestellt, erwirkt sie oft eher, sich zu sorgen. Beide im Schwerpunkt hier benutzten Quellengruppen - die Edition »Ich will raus aus diesem Wahnsinn« und die Briefe von Hans K. - beinhalten immer die Hoffnung, nach Hause kehren zu können oder die Verwandten wieder zu sehen.
Schließen möchte ich mit einem Zitat von Willy Brandt. Sein Vorwort zu dem Buch »Ich will raus aus dem Wahnsinn« befasst sich mit Gedanken um die Feldpostbriefe des Zweiten Weltkrieges. Es geht um die Diskussion, ob private Briefe veröffentlicht werden sollten: »Meines Erachtens sind diese Dokumente, gerade weil sie einen solch individuellen Charakter haben, für die Nachlebenden eine späte Chance, aus den Erfah-rungen der Kriegsgeneration zu lernen - zu lernen, wie sich Krieg 'an-fühlt' und was er aus den Menschen macht.«

40

1 Albrecht Lehmann: Militär als Forschungsproblem der Volkskunde. In: Zeitschrift für Volkskunde 78, 1982, S.230-245.

2 In dem Artikel von Reinhardt Koselleck: Der Einfluß der beiden Weltkriege auf das soziale Bewußtsein. In: Wolfram Wette (Hg.): Der Krieg des kleinen Mannes. München / Zürich 1992, S.324-343, wird dieser Aspekt ausführlicher bearbeitet.

3 Diese Ansätze, wie zum Beispiel der biologische Ansatz oder der anthropologische Ansatz, sind aufgeführt bei Julian Lider: Der Krieg. Deutungen und Doktrinen in Ost und West. Hamburg 1983, S.18ff.

4 Michel: Handbuch-Katalog Deutsche Feldpost 1937-1945. München 1986 , S.6.

5 Ebd., S.12-16.

6 Martin Humburg: Stalingrad Mythos und Wirklichkeit einer Schlacht. In: Wolfram Wette / Gerd R. Ueberschär (Hg.), Frankfurt a.M. 1992 , S.71.

7 Ebd., S.71.

8 Ebd., S.72.

9 Irene Götz / Klara Löffler / Birgit Speckle: Briefe als Medium der Alltagskommunikation - Eine Skizze zu ihrer kontextorientierten Auswertung. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 89, 1993, S.165-183 , hier S.172.

10 Brief Hans K., 12.6.44; Hans K., Briefe aus der französischen Front, 1944. Mscr. in Privatbesitz.

11 Michel 1986 (wie Anm.4), S.3.

12 Humburg 1992 (wie Anm.6), S.68.

13 Es existieren weitere Briefe. Der Übergeber der Briefe empfand diese Phase des Krieges der Invasion im Zusammenhang mit den Briefen und dem Tod des Bruders als am Interessantesten für den wissenschaftlichen Leser.

14 Anatoly Golovchansky: »Ich will raus aus diesem Wahnsinn«. Deutsche Briefe von der Ostfront 1941-45«. Wuppertal 1991, S.9.
15 Klara Löffler: Zurechtgerückt. Der zweite Weltkrieg als biographischer Stoff. Berlin 1999, S.167.

16 Brief Hans K., 26.6.1944.

17 Golovchansky 1991 (wie Anm.14), S.105.

18 Brief Hans K., 28.6.1944.

19 Golovchansky 1991 (wie Anm.14), S.21.

20 Brief Hans K., 17.6.1944.

21 Hans K., 26.6.1944.

22 Humburg 1992 (wie Anm.6), S.70.

23 Golovchansky 1991 (wie Anm.14) , S.103.

24 Brief Hans K., 12.6.1944.

25 Golovchansky 1991 (wie Anm.14), S.149.

26 Ebd., S.175.

27 Brief Hans K., 26.3.1944.

28 Brief Hans K., 5.8.1944.

29 Anne Sattler: Und was erfuhr des Soldaten Weib? Private und öffentliche Kommunikation im Kriegsalltag. Hamburg 1994, S.63.

30 Ebd., S.65.

31 Golovchansky 1991 (wie Anm.14), S.101.

32 Ebd., S.18.

33 Brief Hans K., 27.7.1944

34 Brief Hans K., 27.7.1944.

35 Golovchansky, 1991, (wie Anm.14), S.133ff.

36 Ebd., S.57.

37 Brief Hans K., 26.6.1944.

38 Aribert Reimann: Die heile Welt im Stahlgewitter: Deutsche und englische Feldpost aus dem ersten Weltkrieg, in: Gerhard Hirschfeld / Gerd Krumeich (Hrsg.): Kriegserfahrungen - Studien zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte des Ersten Weltkriegs. Essen1997, S.129.

39 Brief Hans K., 12.6.1944.

40 Golovchansky 1991 (wie Anm.14), S.6.

  Impressum Letzte Änderung: 08 Mar 08 webmaster Seitenanfang