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(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)



Gabriele
Haefs
In freier Wildbahn


Zwei Fragen werden schrecklich häufig gestellt: »Was haben Sie denn studiert« - die Antwort verblüfft die Fragenden zumeist, im Zweifelsfall können sie sich unter meinen Fächern nicht viel vorstellen, und außerdem muss die Übersetzerin von »Sofies Welt« doch Philosophie studiert haben ... (muss sie nicht, ein solides Volkskundestudium befähigt zu fast allem, aber darüber später mehr). Und: »Arbeiten Sie denn noch als Volkskundlerin?« Wenn ich das wüsste, aber ich halte mich da an den seligen Wilhelm Heinrich, der erklärte, man könne alles, wirklich alles volkskundlich betrachten, und wenn ich dann noch erzählen kann, dass ich durchaus bisweilen einen Artikel über norwegische Sackpfeifentraditionen oder die Berliner Irlandredaktion der Jahre 1940-45 (die keine antisemitischen Hetzreden senden mochte und deshalb lieber über Sitte und Brauch berichtete, der Chef, wir ahnen es schon, war Volkskundler) veröffentliche, sind sie irgendwie zufrieden. Wilhelm Heinrich hat außerdem gesagt, es sei die Aufgabe der Volkskunde, die Gesetze zu erforschen, nach denen die Gesittung keimt, blüht, wächst und abstirbt, und wo ginge das besser als in der Literatur?
Was ich studiert habe, sind folgende Fächer: Volkskunde, Vergleichende Sprachwissenschaft, Keltische Sprachen und Skandinavistik. Weshalb ich mir mein ganzes Studium hindurch anhören musste, (außer von den zuständigen Profs und DozentInnen): »Suchen Sie sich andere Fächer, mit Sprachen können Sie doch nichts anfangen.« Ganz oben auf der Liste der Fächer, die mir geraten wurden, stand Kunstgeschichte, aber nicht so allgemein, ich sollte mich auf Keramik spezialisieren. Wirklich, typische Situation: Ich entdecke in einem Museum eine Fliese, auf der ein seltener Dudelsacktyp abgebildet ist (das war im Kramermuseum in Kempen, von dem wir eigentlich mehr erwarten dürften), frage, ob ich davon ein Foto haben kann, die Museumsfrau strahlt mich an: »Ach, Sie interessieren sich für Keramik?« - »Nein, für Musikinstrumente.« (Ich bekam das Bild, aber erst nach einem langen Vortrag über die wunderbaren Berufsaussichten, die ich hätte, wenn ich mich auf Keramik spezialisierte).
Ich ließ mich aber nicht beirren, wusste zwar nicht genau, was ich wollte, aber immerhin, was ich nicht wollte, nämlich mein Leben mit einem Keramikhaufen teilen. Und weil ich nichts Genaues wusste, konnte ich getrost die Berufsaussichten nehmen, die sich gerade boten, und deshalb bin ich heute vor allem Übersetzerin, und das bin ich gewissermaßen aus purem Aberglauben geworden. Die Professoren Lutz und Lehmann lasen die erste Fassung meiner Diss, und es wäre mir vorgekommen wie eine unnötige Herausforderung des Schicksals, jetzt schon fürs Rigorosum zu lernen, ohne von ihnen ein positives Signal gehört zu haben. Zum Zeitvertreib übersetzte ich 50 Seiten eines norwegischen Romans und ging damit hausieren - einen Vertrag dafür hatte ich noch vor der letzten Prüfung. Dass es ein norwegisches Buch war und kein irisches, z.B., war weniger ein Zufall, das lag einfach daran, dass wir in der Keltologie vor allem frisch gesammelte Märchen und mittelalterliche Mythen lasen, keine neuen Romane.
Dann kamen also die Prüfungen, und danach weit und breit keine Jobangebote. Ich meldete mich arbeitslos und beantragte Sozialhilfe, worauf das Arbeitsamt beschloss, ich hätte Steno und Schreibmaschine zu lernen, wenn ich Geld haben wollte. Ein unrühmliches Kapitel meines Lebens, ich wurde nämlich schon nach fünf Wochen aus dem Kurs geworfen, weil mir »die positive Einstellung zu den Lehrinhalten« fehlte, behaupteten sie, aber kein Wort davon war wahr, ich habe einfach nur die Texte, die wir stenographieren sollten, in korrektes Deutsch umgewandelt. Über dieses Abenteuer schrieb ich einen Text, der zuerst in der TAZ und dann noch in allerlei anderen Postillen gedruckt wurde, was die wunderbare Erfahrung bedeutete, dass es möglich ist, mit Schreiben Geld zu verdienen - und selber Schreiben und andrerleuts Texte übersetzen ist kein so großer Unterschied, wie es von außen her erscheinen mag. Dann habe ich mir zwei weitere Romane gesucht, die eine Übersetzung verdient hatten, und habe abermals einige Kapitel übersetzt und mich auf die Suche nach einem Verlag gemacht, und irgendwann fingen die Verlage dann an, selber zu mir zu kommen.
Die Übersetzerei besteht nämlich nicht nur aus Übersetzen, mindestens die Hälfte der Zeit wird ganz anderen Aufgaben gewidmet, Neuerscheinungen sind zu lesen, am besten schon als Korrekturfahnen, Verlage bringen konkrete Wünsche: »Wir brauchen für nächstes Jahr noch einen schönen Krimi/historischen Roman, such uns da mal einen.« Was Kontaktpflege zu Verlagen und AutorInnen in den Ländern meiner Sprachen bedeutet, ich muss im Auge behalten, was sich dort verkauft, was für neue Leute es gibt, muss aber auch den deutschen Markt kennen, einschätzen können, was verkäuflich ist, und für welchen Verlag - ihr seht schon, eine Menge Arbeit, es ist also kein Wunder, dass die von mir schon so lange geplante große Untersuchung über den Kult des heiligen Cucuphatus noch immer nicht geschrieben worden ist.
Was mir das Volkskundestudium dabei nutzt? Ganz viel, ich gehe ganz anders an einen Text heran, als eine studierte Literaturwissenschaftlerin, sehe ihn in seinem Umfeld, kann mir die Rezeption vorstellen, und damit die suchenden Verlage viel besser beraten. Ich kann locker mit Begriffen aus der Märchenforschung um mich werfen, die bei der Litwiss. offenbar nicht angekommen sind und doch den Nagel zumeist auf den Kopf treffen: Wenn ich von einem zu begutachtenden Buch schreibe, es wimmele nur so von stumpfen Motiven, weiß der Verlagsmensch sofort, dass er dieses Werk besser nicht einkauft. Nie würde ich Sage und Legende verwechseln oder aus einer Fabel einen Schwank machen, und ein bisheriger Höhepunkt meiner Laufbahn war die Betreuung einer Serie von historischen Romanen, die nicht im Buchladen verkauft wurden, sondern am Zeitungskiosk, volkskundlich extrem relevant also. Diese Romane wurden von anderen übersetzt, aber die Übersetzungen landeten dann bei mir, und ich musste dafür sorgen, dass z.B. ein auftretender Bettelvogt oder ein Wechselbalg wirklich so genannt, und nicht mit einem Phantasienamen aus gedanklicher Konstruktion belegt werden. Auch den Lektor, der mir eine »rieche« streichen wollte, als ein Riese ausrief: »Ich rieche rieche Menschenfleisch« konnte ich mit dem Hinweis auf Grimms KHM mühelos in seine Schranken weisen.
Natürlich juckt es mir manchmal in den Fingern, und ich möchte nicht nur in aller Hektik Bücher verkaufen, sondern mal in aller Ruhe an einem langen Projekt arbeiten, sei's mein armer Cucuphatus, oder ein Dialektforschungsprojekt, eine Runde Sprachplanung, ach, es gäbe da so viel. Die Grenzen zwischen meinen Studienfächern (mit denen ich ja angeblich nichts werden konnte) sind so fließend, dass sich immer neue Aufgabenkombinationen finden ließen, nicht mal die Fachleute achten wirklich auf sie. Als ich mich für eins der Hamburger Literaturstipendien bewarb, brauchte ich ein schönes Empfehlungsschreiben, aus dem hervorging, dass mein Übersetzungsprojekt jegliche Förderung verdient habe. Ich wollte den walisischen Roman »Melog« von Mihangel Morgan übersetzen und bat den Herausgeber der renommierten »Zeitschrift für Celtische Philologie« um ein paar nette Zeilen, die kamen auch, und darin las ich, dass ich in Hamburg im Fach Vergleichende Sprachwissenschaft bei Professor Hartmann promoviert hätte. Ich dachte aber, die Kulturbehörde überprüft das bestimmt nicht, und Herr Lutz wird den Irrtum bestimmt ebenfalls verzeihen, warum soll ich den armen Mann auf seinen Irrtum hinweisen? Und der Irrtum liegt nahe, Hartmann war und ist nicht nur Keltologe und Sprachforscher, sondern auch Volkskundler (weswegen wir beim Studium ja die von ihm gesammelten Märchen lesen durften) und hat ein Standardwerk über den indogermanischen Totenkult verfasst. Das Stipendium habe ich bekommen, von neun Auserwählten für das Jahr 1999 hatten zwei Volkskunde studiert, die andere war Sarah Khan, was doch zeigt, dass ein Volkskundestudium uns wirklich in jeder Lage zum Erfolg verhelfen kann.


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