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(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)
Thomas
OverdickSymbole einer Landschaft.
Fischland-Darß-Zingst in volkskundlichen Photographien
Blick nach Althagen, Fischland
Blick nach Althagen, Fischland
»Bernsteinstrände, die nach jedem Sturm ein neues Gesicht zeigen, reetgedeckte Fischerkaten, die sich hinter Dünen ducken, uralte, vom Wind gezauste Kiefern, unberührter »Urwald« - damit zogen und ziehen Fischland, Darß und Zingst die Urlauber in ihren Bann. Ein Hauch von »Sommerfrische« aus der Zeit um die Jahrhundertwende weht noch in den alten Fischerdörfchen an der Küste, wo einst mächtige Flotten in See stachen und später Künstler die ersten Badegäste waren.«1
So lautet die atmosphärische Einstimmung auf die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst eines populären Reiseführers, wie sie in ähnlicher Form auch anderer Reiseliteratur und den Publikationen der Tourismuswerbung entnommen werden kann.2 »Bernstein«, »Strand« und »Meer«, »alte reetgedeckte Katen«, »Fischerei« und »Seefahrt«, »Wald« und »unberührte Natur« - dies sind die Schlüsselsymbole der Region Fischland-Darß-Zingst, die Insignien einer Landschaft, besser: einer Kulturlandschaft. Denn die ästhetische Entdeckung dieses Landstrichs im ausgehenden 19. Jahrhundert durch die Maler der Künstlerkolonie Ahrenshoop - Vertreter eines städtischen Bürgertums, die Avantgarde der aufkommenden Heimatschutzbewegung - hat die Rezeption und Gestaltung der Landschaft nachhaltig beeinflusst. In den letzten hundert Jahren fand ein Strukturwandel statt von der ärmlich kargen »Produktionslandschaft« der Fischer und Schiffer zur idyllisch schönen »Freizeitlandschaft« des Bade- und Naturtourismus.3
Dieser Wandel manifestiert und festigt sich in der eingangs umrissenen kulturellen Zeichensetzung, die ich grob in drei Themenbereiche untergliedern möchte: traditionelle Bauweise, Seefahrt/Fischerei und unberührte Natur. Aus volkskundlicher Sicht spiegelt sich hier ein typischer Prozess der Stereotypisierung wider, also einer vereinfachenden, überverallgemeinernden Wahrnehmung und Bewertung einer tatsächlich gegebenen Wirklichkeit. Auf die Zusammenhänge zwischen den stereotypen Bildern von und der Entstehung einer spezifischen Art des Umgangs mit einer Landschaft hat bereits Andrea Kiendl am Beispiel der Lüneburger Heide hingewiesen, wobei sie sich primär mit der Ausprägung der Vorstellungsbilder beschäftigt hat.4 In meiner hier vorzustellenden Ausstellung konzentriere ich mich daher auf die Wechselwirkung zwischen den Stereotypen und ihren realen Bezugspunkten. Meine These, der ich am Beispiel der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst nachgegangen bin, ist, dass Stereotypen gerade im bewussten Umgang mit einer Landschaft eine zentrale Bedeutung in der Konstruktion von regionaler Wirklichkeit zukommt. Das heißt, dass sich die Vorstellungsbilder nicht nur, wie es in der Definition bereits anklingt, konkret auf reale Gegebenheiten beziehen, sondern dass sie in einer Art Rückwirkung auch entscheidend die Gestaltung dieser Gegebenheiten prägen.
Im hier untersuchten Beispiel der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst lassen sich diese realen Gegebenheiten in ihrer historischen Entwicklung wie folgt skizzieren. Seit jeher stellt das Meer für die Bewohner des schmalen Küstenstrichs die Haupterwerbsquelle dar. Die Kartoffelfelder und Haferäcker gaben nicht viel her, auch die Viehhaltung konnte nicht intensiviert werden. So etablierte sich bereits Mitte des 17. Jahrhunderts trotz der argwöhnischen Konkurrenz der nahegelegenen mächtigen Seestädte Rostock und Stralsund eine Bauernschifffahrt, die in kleinen Schuten Agrarprodukte versegelte. Anfang des 18. Jahrhunderts entwickelte sich die Seefahrt und der Schiffbau auf der Halbinsel. Fischländer Seeleute fuhren um die ganze Welt. Die Folge waren verstärkte sozialökonomische Unterschiede in den Dörfern, die sich vor allem in der Architektur der zum Teil kunstvoll verzierten Schifferhäuser (hier finden sich die typischen Darßer Türen und Giebelzierden) und den armseligen Matrosenkaten widerspiegeln. Embleme der Seefahrt finden sich aber nicht nur an diesen Häusern, sondern auch in den Kirchen und auf den Friedhöfen der Dörfer (Schiffsmodelle als Geschenke der Seefahrer, so genannte Votivschiffe, Kapitänsgräber etc.). In Wustrow etablierte sich eine Seefahrtsschule. Schifffahrt und Schiffbau erreichten ihren Höhepunkt im frühen 19. Jahrhundert. Nur wenig später setzte jedoch die aufkommende Dampfschifffahrt und Telegraphie Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts dieser Blüte ein jähes Ende. Allerdings hatte die Industrialisierung noch einen weiteren Effekt auf die Region. Im Zuge der romantisch-ästhetischen Zivilisationskritik der bürgerlichen Heimatschutzbewegung setzte der Badetourismus ein. Vorreiter waren die Maler, die Ende des 19. Jahrhunderts zunächst das Fischland »entdeckten« und später auch den Darß und den Zingst. In Ahrenshoop entstand ähnlich wie in Worpswede und Schwaan eine Künstlerkolonie. Bedingt durch die isolierte Lage5 hatte sich hier eine vorindustrielle Prägung bewahrt, die von den Gästen nun nicht mehr als rückständige Kargheit, sondern als ursprüngliche Schönheit wahrgenommen wurde. Die Bilder der Ahrenshooper Maler zeugen davon (siehe z.B. das Gemälde »Powerdörp« von Paul Müller-Kaempff). Die Einheimischen erkannten schnell die neuen Erwerbsquellen. Ställe und Dachböden wurden zu Quartieren umgebaut.
Obwohl der Fremdenverkehr kontinuierlich zunahm, gehörten bis zur Wende 1989/90 die Landwirtschaft und Fischerei weiterhin zu den wichtigsten Erwerbsquellen der Menschen. Darüber hinaus hatten sich hier nach 1945 einige Betriebe der Leichtindustrie angesiedelt, die zum Großteil nach 1990 aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen wurden. Der Kreis Nordvorpommern, zu dem Fischland-Darß-Zingst gehört, zählt heute eine Arbeitslosenquote von rund 20%. Der Fremdenverkehr ist damit schließlich zum wichtigsten Wirtschaftsfaktor der Region geworden. Bezeichnend für die Situation heißt es 1991 in der Chronik von »110 Jahre Badewesen Ostseebad Zingst«: »Seit der politischen Wende vom Herbst 1989 gibt es auch im Ostseebad Zingst völlig neue Probleme und Herausforderungen. Der organisierte »Verschickungstourismus« durch den FDGB und die Betriebe existiert nicht mehr. Alle Kommunen sehen sich plötzlich vor die Aufgabe gestellt, den Urlaubs- und Ferienbetrieb in ihrem Ort selbst zu lenken und zu leiten [Hervorh. T.O.].«6 Es galt also mehr denn je touristische Erlebniswelten herzustellen und zu nutzen7. Diese Entwicklung ist nicht neu, vielmehr setzte sie bereits mit den Malern ein, die sich seit Ende des 19. Jahrhunderts in Ahrenshoop niederließen und sich im Heimatschutzstil Häuser bauten. Doch gerade in den letzten fünf Jahren lässt sich eine erhebliche Intensivierung der touristischen Erschließung der Landschaft beobachten. Allerorten haben Naturschutz, Heimatpflege und Denkmalschutz, Fremdenverkehr und modernes Bauwesen in der Landschaft ihre Spuren hinterlassen.
Auf relativ engem Raum finden sich hier zahlreiche Museen, meist Gründungen aus den 1960er und 1970er Jahren, die die Erinnerung an die maritime Vergangenheit der Region wach halten. Schon zu DDR-Zeiten wurde die Halbinsel zum Landschaftsschutzgebiet erklärt. Im Rahmen der im September 1990 beschlossenen Verordnung zur Schaffung von Nationalparks im Osten Deutschlands - dem letzten verabschiedeten Gesetz der sich auflösenden DDR-Regierung - entstand der Nationalpark Nordvorpommersche Boddenlandschaft, der das Gebiet zwischen Fischland-Darß-Zingst, Hiddensee und Westrügen umfasst. Ziel ist es, einen der wenigen Küstenräume Europas zu bewahren, der nach wie vor ständigen natürlichen Veränderungen unterliegt. Gleichzeitig gilt das Gebiet mit seinen eng beieinander liegenden Landschaftselementen wie Steil- und Flachküste, Nehrungen, Strandseen und Bodden, Windwatten, Dünen und Stränden als besonders typischer Ausschnitt der südlichen Ost seeküste. Zudem gilt es, die besondere Vielfalt an z.T. seltenen Tier- und Pflanzenarten, die sich hier finden, zu schützen. Zahlreiche Informations-
Modernes Ferienhaus mit reetgedecktem Walmdach, Gauben und Darßer Tür, Zingst
Öffentlicher Platz in Zingst mit ausgedienter Leuchtboje und Steigenberger Hotel
und Ausstellungszentren sowie ausgewiesene Wander- und Naturlehrpfade versuchen, den Besuchern und Einheimischen die natürlichen Besonderheiten der Region zu vermitteln. Umfangreiche Maßnahmen zur Denkmalpflege und Ortserneuerung prägen das Bild der Städte und Dörfer. Neubauten zitieren in so genannter »landschaftstypischer Bauweise« Elemente der traditionellen Bauweise, was sich vor allem in reetgedeckten Walmdächern mit entsprechenden Giebelzierden8 äußert. Darüber hinaus haben sich die geschnitzten bunten Darßer Türen als Standardelement der Architektur durchgesetzt. Besonders augenfällig sind die vielen maritimen Relikte, die das Ortsbild prägen. Zahllose Schiffe, Boote, Bojen, Seezeichen, Anker, Tauwerk und Positionslaternen zieren öffentliche Plätze, private Gärten, dienen als Haus- und Gaststättenzeichen und werden in den Museen als Zeugnisse früherer Zeiten präsentiert. Heimatvereine und Folkloretanzgruppen pflegen bestimmte Bräuche. Einen besonderen Stellenwert hat dabei das Tonnenabschlagen, das im Sommer reihum in den Orten der Region gefeiert wird.9
Kulturkritisch lässt sich dieser hier nur andeutungsweise skizzierte regionale Wandel mit dem Schlagwort »Musealisierung« fassen.10 In der Museologie beschreibt der Begriff den Funktionswandel, dem jeder Gegenstand unterworfen ist, wenn er aus seinem vorherigen funktionalen, sozialen, räumlichen und zeitgeschichtlichen Zusammenhängen gerissen wird und ins Museum gelangt - die Verwandlung des Gebrauchsgegenstands zum zeugnishaften Anschauungsobjekt. Als Kennzeichnung einer bestimmten Umgangsform mit der materiellen wie immateriellen Umwelt ist Musealisierung darüber hinaus zum zentralen Begriff in der kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Historisierung des Alltags geworden, ein Phänomen, das wie oben beschrieben auch in der Region Fischland-Darß-Zingst zu beobachten ist. Kritiker sehen in diesem Prozess die Gefahr des Verlustes der Wirklichkeit und des Verschwindens der Gegenwart. Die Welt würde zum Museum, die Kultur erstarren, das Leben paradoxerweise aus dem Lauf der Geschichte herausgerissen. Es ist von Käseglocken und Disneyland die Rede. Bei allem intellektuellen Scharfsinn dieser Thesen denke ich jedoch, dass eine solch kulturpessimistische Deutung des Phänomens einen zentralen Punkt der Definition von Musealisierung ausklammert. Indem der Begriff nämlich eine bestimmte Umgangsform mit Gegenständen kennzeichnet, muss es auch zwingend jemanden geben, der etwas musealisiert. Auch wenn es banal klingt, so scheint es hier doch übersehen zu werden: Musealisierung als Handlungsweise von Individuen findet real zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort statt. Die Erkenntnisse der volkskundlichen Folklorismusdebatte führen hier weiter.
Angestoßen wurde der Diskurs von Hans Moser, der Folklorismus als »Vermittlung und Vorführung von Volkskultur aus zweiter Hand« definiert.11 Er weist dabei eindrücklich nach, dass es folkloristische Praktiken schon zu früheren Zeitpunkten gab, wobei sich der moderne Folklorismus verstärkt durch seine primär kommerzielle Nutzung charakterisieren lasse.12 Trotz der historischen Perspektive und der strengen Quellenkritik seines Vorgehens mündet Mosers Ansatz allerdings in einem nicht unproblematischen theoretischen Antagonismus zwischen Volkskultur und Folklorismus, in dem die Suche nach dem Echten, Authentischen und Ursprünglichen mitschwingt. So weist auch Hermann Bausinger 1966 kritisch darauf hin, dass letztendlich »Folklorismus und Folklorismuskritik [...] über weite Strecken identisch [sind]«.13 Beiden gemein ist eine »Rigorisierung, die in ängstlicher Scheu, historische Formen zu verletzten, diese Formen zur Erstarrung bringt und so das immer Werdende als Gewordenes missversteht.«14 Es ist daher von zentraler Wichtigkeit, tradi tionelle Formen in ihrer Geschichtlichkeit und damit in ihrer dynamischen Wandelbarkeit zu erfassen.
Ausgedienter Fischkutter als modernes Gaststättenzeichen am Hafen, Prerow
Grenze zur Kernzone des Nationalparks, Weststrand Darßer Ort
Entsprechend warnt Bausinger vor der irrtümlichen Annahme, »daß die Übernahme alter Formen auch die alten Sinnbezüge und Gehalte vollständig wiederherstelle.«15 Die Konzentration auf eine wirkliche oder vermeintliche Kontinuität im Äußeren verstellt den Blick auf die eigentlichen Zusammenhänge und Hintergründe des zu untersuchenden Phänomens. Hiervon ausgehend versucht Bausinger eine umfassende, strukturelle Fragestellung zu entwickeln, die die synchronen Zusammenhänge des Traditionsprozesses erfasst.16 Indem Kontinuität nicht mehr allein an der Übereinstimmung bestimmter sachlicher Phänomene gemessen wird, sondern darüber hinaus Faktoren wie den jeweiligen Ort, die jeweiligen Träger und die jeweilige Funktion einer Tradition in den Blick genommen werden, zeigt sich die generelle Problematik von Kontinuitätsbehauptungen. Die ungebrochene Tradition ist eine Fiktion. »Eigentliche Identität ist nur im materiellen Bereich möglich, wo ein und derselbe Gegenstand tradiert werden kann«17, während die Funktion der »bedeutsamste Faktor«18 im Wandel der Tradition ist. Wie der schwedische Volkskundler Nils-Arvid Bringéus sehr anschaulich am Beispiel von »Großmutters Spinnrad« zeigt, erhellt gerade das Erkennen von Diskontinuitäten den Blick auf den Wandel der Kultur:
»Dieselben Gegenstände, dieselben Ausdrucksformen erfüllen in verschiedenen Zusammenhängen verschiedene Funktionen. Großmutters Spinnrad war für sie ein Gebrauchsgegenstand, in unserem Sommerhaus dagegen hat es wohl eher eine Symbolfunktion. Es ist ein liebes Andenken an Großmutters fleißige Zeit. Es enthüllt unsere eigene Haltung sowohl Großmutter wie ihrer Zeit gegenüber, aber es sagt nichts darüber aus, wie wir selbst zu unserem Hemdenstoff kommen. Wir haben es mit einer Diskontinuität zu tun; es gab eine Zeit, in der das Spinnrad auf dem Hausboden stand. Und als es dann wieder zum Vorschein kam, erhielt es einen neuen »Sitz im Leben«. Der braucht für den Ethnologen kein weniger interessantes Studienobjekt zu sein. Nur gilt es, daran zu denken, daß dieses Gerät lediglich im technischen Sinn dasselbe ist wie zu Großmutters Zeiten. Alles andere ist verändert.«19
Diese Kontextualisierung des Traditionsprozesses gab der Folklorismusdebatte einen wichtigen Anstoß, sich von der Normativität des »Fälschungs-Verdikts« zu lösen und mit den eigentlichen kulturellen Prozessen der Folklorisierung zu befassen. Folklorismus wurde verstärkt als eigene, fortwirkende Kulturleistung begriffen, deren Funktion, gesellschaft-liche und ökonomische Bedingtheit sowie deren Akteure mit ihren Motiven und Bedeutungszuschreibungen es zu untersuchen galt und gilt.20 Folkloristische Praktiken wurden damit als »soziales Phänomen«21 ernst genommen. Bringéus unterstreicht nachdrücklich, dass der Folklorismus entgegen aller kulturpessimistischen Deutungen zeigt, »daß wir Kultur nicht als etwas vom Menschen Unabhängiges studieren können. Letzten Endes enthüllt der Folklorismus den Menschen als Kulturwesen.«22 Folklorismus ist demnach ein kulturelles Phänomen, »das sowohl Kräfte und Haltungen in unserer Zeit spiegelt wie auch als eine Kraft in der Zeit wirkt.«23 Mit anderen Worten: »Der Folklorismus [...] ist ein Teil des Lebensstils unserer eigenen Zeit. [Hervorh. T.O.]«24 Folklorismus ist damit eine Form der Volkskultur der technischen Welt.
Dies zeigt sich auch in der Wechselwirkung zwischen den Vorstellungsbildern einer Landschaft und der Gestaltung dieser Landschaft.
Aussichtsturm mit Informationstafeln des Nationalparkamts im Nothafen Darßer Ort
Fernrohr am Hohen Ufer, Ahrenshoop
Zentral für das Thema meiner Ausstellung ist dabei die Annahme, daß die "Bilder in unserem Kopf" vor allem als Orientierungssysteme und Identifikationsangebote in einer komplexen Wirklichkeit dienen. Das bedeutet gleichzeitig, daß diese Bilder eine reale Entsprechung in der Wirklichkeit finden müssen, damit sie "funktionieren".25 Wer sich allerdings auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst bloß auf die Suche nach alten Häusern mit reetgedeckten Walmdächern und bunten, mit ornamentalen Schnitzereien verzierten Türen sowie den Fischerbooten in den Häfen und der ursprünglichen Natur begibt, wer also das makellose Bild der Reiseführer und Postkarten sucht, könnte enttäuscht werden oder braucht zumindest den geschulten Blick des Hauskundlers oder Ornithologen. Man kann sich jedoch auf die vielfältigen Wahrnehmungsangebote einlassen, die einem die verschiedenen Landschaftsgestalter Denkmalpfleger, Nationalparkamt, Fremdenverkehrsvereine, Kurbetriebe, Museen, Gemeinden, Architekten, Privatleute, Souvenirhersteller, Hoteliers, Gaststättenbetreiber etc. anbieten. Man wird alte Schifferkaten finden, noch viel mehr jedoch moderne Ferienhäuser mit gemessen am historischen Vorbild überdimensionierten und mit Gauben durchsetzten Reetdächern. Der architektonische Eindruck wird zudem noch von unzähligen Bushaltestellenhäuschen, Informations- und Werbetafeln unterstrichen, die ebenfalls reetgedeckte Walmdächer und z.T. sogar Giebelzierden aufweisen. Ähnliches gilt für die Darßer Türen. Es finden sich tatsächlich "alte" Türen, die in den 1920/30er Jahren bunt angemalt und mittlerweile mehrmals restauriert worden sind. Doch auch hier wird das Auge viele Neuschöpfungen entdecken. Die ehemals repräsentativen Zeichen der wohlhabenderen Kapitäne und Steuermänner finden sich heute in vielen Ferien- und Gartenhäusern. Interessant ist dabei auch der Wandel der Motive, die eine ungeheure Bandbreite aufweisen: von eher traditionell orientierten Halbsonnen, Lilien und anderen floralen Motiven über naive Schiffs- und Windflüchterdarstellungen26 bis hin zu einer Darstellung der Schlange mit Aesculap-Stab vom maritimen Standeszeichen zum modernen Berufssymbol.
Ebenfalls augenfällig ist die Möblierung der Landschaft. Neben der bereits oben genannten Vielzahl an maritimen Relikten in den Ortschaften finden sich auch in der »Natur« viele Zeichen des gestalterischen Umgangs mit dieser Landschaft. Zahlreiche Bänke, Aussichtstürme und Vogelbeobachtungsstände schaffen Blickachsen in die Natur (»Hier ist es schön, hier gibt es was zu sehen.«) und über Holzstege kann man sogar den Darßer Ort, die Spitze der Halbinsel und zugleich Kernzone des Nationalparks, durchwandern. Entlang der Wege immer wieder Informationstafeln, Wegweiser und Verbotsschilder. Auch diese Liste ließe sich weiterführen und die einzelnen Punkte vertiefen.
All die Dinge, die zusammengenommen die touristische Infrastruktur der Region bilden, sind Bedeutungsträger, die unsere Erwartungen und Vorstellungen spiegeln. Im übertragenden Sinne handelt es sich gewissermaßen um »Geschmacksverstärker«, die uns - zeichenhaft vermittelt - die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst als vorindustrielle, maritime, ursprüngliche, natürliche Landschaft wahrnehmen und erleben lassen.
In der von mir konzipierten Photodokumentation zur symbolischen Prägung der Landschaft Fischland-Darß-Zingst bin ich der gestalterischen Wirkung dieses Stereotypisierungsprozesses nachgegangen. Ich habe versucht, mittels eines photographisch verdichteten Blicks die Kristallisationpunkte des Wandels der Region herauszuarbeiten. Dabei sollte auch Löfgrens Begriff von der Freizeitlandschaft kritisch hinterfragt werden. Denn gerade als Freizeitort der Touristen ist Fischland-Darß-Zingst durchaus als Produktionslandschaft zu verstehen, stellt doch die Produktion von Erlebniswelten den zentralen ökonomischen Standortfaktor dar, der die Menschen in dieser Region - und zwar Einheimische wie Gäste - entscheidend prägt. Ziel der Ausstellung ist es daher, in Abgrenzung von der gewohnten romantischen Idyllisierung des Landstrichs eine neue Blickweise auf diese Landschaft zu entwickeln, um so den Betrachter und die Betrachterin der Photos für die Inszenierung und Kolorierung der Landschaft zu sensibilisieren und zu einer bewussten Auseinandersetzung mit der Gestaltung von landschaftlicher Umwelt anzuregen.
Der Stil der Dokumentation ist dabei im Geiste der »Neuen Sachlichkeit« (Becher, Renger-Patzsch, Blossfeldt, Evans...) möglichst sachlich und feststellend gehalten, aber gleichzeitig auch einer gewissen Ästhetik verpflichtet. Denn wohlgemerkt: Es geht in keinster Weise um eine kulturkritische Diskreditierung romantischer Sehnsüchte und ihrer Bedienung im Tourismus, wie es nur allzu oft in volkskundlichen Diskussionen um das Zeitphänomen Folklorismus geschieht. Vielmehr geht es darum, das, was man gemeinhin als »Folklorismus«, also als inauthentische »Volkskultur aus zweiter Hand« bezeichnet, als realen Lebensstil unserer Zeit zu begreifen.
Den stereotypen Vorstellungsbildern kommt dabei eine zentrale Aufgabe in der Wahrnehmung und Gestaltung von Landschaft zu, gleichzeitig entwickeln sie dabei aber paradoxerweise eine eigentümliche Vielfalt, die in der Ausprägung der visuellen Kultur augenfällig wird.
Die Ausstellung versteht sich somit als Beitrag zur Erforschung der Volkskultur in der technischen Welt unter besonderer Berücksichtigung der Mensch-Umwelt-Beziehung. Darüber hinaus stellt sie ein methodisches Experiment für eine »visuelle Volkskunde« dar. Hintergrund ist meine Magisterarbeit, in der ich versuche, die Photographie als Methode und Medium volkskundlicher Forschung und Repräsentation zu erschließen. Ausgangspunkt ist dabei die Beobachtung, dass es zwar kaum eine Ausstellung oder Monographie gibt, die auf die visuelle Ausdruckskraft von Photos verzichtet, doch bleibt der Gebrauch von Photos hier stets ein illustrativer, der lediglich als Beweismittel für die Argumentation des Textes dient. Andere Gebrauchsweisen sind das »erkennungsdienstliche« Inventarphoto, das mittlerweile die Zeichnung im Museumsalltag nahezu abgelöst hat, sowie die Beschäftigung mit dem Photo als zeitgeschichtliches Dokument. Noch relativ jung ist die Methode der Photobefragung, wo Photographien als Gesprächsstimulus in Interviews verwendet werden. Doch allgemein scheint das Vertrauen in die Aussagefähigkeit von visuel
lem Material eher gering zu sein. Zwar beginnt sich der wissenschaftliche
Film mittlerweile langsam durchzusetzen, doch die Photographie bleibt weiterhin ein blinder Fleck.25
In meiner Magisterarbeit werde ich aufzeigen, dass man mit Photographie durchaus eine eigene »Erzählweise« entwickeln kann, die volkskundliche Erkenntnisse sinnlich kommuniziert. Die medieninhärente Dialektik der Photographie, (mechanisches) Abbild und (gestaltetes) Bild zugleich zu sein, scheint mir dabei eine spannende Perspektive für eine im Sinne der »Writing Culture«-Debatte auf Vielstimmigkeit und Evokation ausgerichtete Kulturwissenschaft zu eröffnen.26 Ich verstehe dabei Photographien analog zu Texten als Konstruktionen, mit denen wir Deutungen der Welt formulieren können. Vereinzelte Ansätze in diese Richtung finden sich bereits in verschiedenen Ausstellungsprojekten und Publikationen wie z.B. »Fotografie und Gedächtnis« (u.a. Altonaer Museum, Kulturhistori-
sches Museum der Hansestadt Rostock, Historisches Museum Schwerin), »Ländliche Innen räume in Europa« (u.a. Bergisches Freilichtmuseum Lindlar), »Fördenland im Wandel« (Schifffahrtsmuseum Flensburg), »Sauerland. Facetten einer Kulturregion« (Westfälisches Freilichtmuseum Detmold) sowie die Ausstellungsreihe zum imaginären Jubiläum »50 Jahre DDR« (Thüringer Museum für Volkskunde Erfurt). Doch leider blieben sie alle methodisch eher unreflektiert.
Darßer Türen im Darß-Museum Prerow
Die Ausstellung Symbole einer Landschaft. Fischland-Darß-Zingst in volkskundlichen Photographien ist vom 10. Juni bis 31. Oktober 2000 im Freilichtmuseum Klockenhagen zu sehen.
Die Ausstellung wird unterstützt von dem »Agfa Förderprogramm Fotografie« und der Hamburger Gesellschaft für Volkskunde (HGV).
1 Zur geographischen Orientierung: Fischland-Darß-Zingst ist eine Halbinsel an der deutschen Ostseeküste, zwischen Rostock und Stralsund gelegen.
2 HB Bildatlas Mecklenburg-Vorpommern. Norderstedt 1994, S.27. Ein Schreibaufruf, in dem ich nach den Vorstellungsbildern gefragt habe, die die Menschen über Fischland-Darß-Zingst haben, hat diese Ikonographie tendenziell bestätigt.
3 Vgl. zu den Begriffen »Produktionslandschaft« und »Freizeitlandschaft« Ovar Löfgren: Natur, Tiere und Moral: Zur Entwicklung der bürgerlichen Naturauffassung. In: Utz Jeggle / Gottfried Korff / Martin Scharfe / Bernd-Jürgen Warneken (Hg.): Volkskultur in der Moderne. Tübingen 1986, S.122-144.
4 Andrea Kindl: Die Lüneburger Heide: Fremdenverkehr und Literatur. Berlin 1993.
5 Obwohl als Halbinsel eine direkte Verbindung zum Festland bestand, waren die Dörfer auf dem Fischland, Darß und Zingst im Grunde nur über den Wasserweg erreichbar. Erst 1895 wurde eine befestigte Straße nach Ahrenshoop gebaut, zur gleichen Zeit wurden Zingst und Prerow über die Franzburger Kreisbahn mit Barth und Stralsund verbunden. Es dauerte bis 1959/60, bis die Chausseestraße vollendet wurde, die Ribnitz über die Halbinselkette mit Barth verband.
6 Gemeindeverwaltung Ostseebad Zingst (Hg.): 110 Jahre Badewesen Ostseebad Zingst. Zingster Heimatheft Nr. 5, Greifswald 1991, S.32. Weitere regionalgeschichtliche und heimatkundliche Literatur: Barbara Bohn / Vera Bombor / Wolf Karge: Ahrenshoop: Eine Künstlerkolonie an der Ostsee. Fischerhude 1995; Peter Gerds / Wolf-Dietrich Gehrke: Vom Fischland in die Welt. Ein Beitrag zur Geschichte der Schiffahrt und des Schiffbaus in Ribnitz, Damgarten und Barth, auf dem Fischland, dem Darß und dem Zingst. Rostock1989; Jörg Scheffelke: Von Zingst in die Welt. Ein Beitrag zur Geschichte der Schifffahrt und des Schifffbaus im Raum Zingst. Zingster Heimatheft Nr. 3, Rostock / Greifswald 1987; Friedrich Schulz: Ahrenshoop: Geschichte eines Dorfes zwischen Fischland und Darß. Fischerhude 1992; Friedrich Schulz: Unterwegs in Ahrenshoop: Streifzüge durch Geschichte und Natur. Ahrenshoop 1996.
7 Die Herstellung und Nutzung touristischer Welten ist auch Thema der 6. Arbeitstagung der dgv-Kommission Tourismusforschung, die am 25./26. Mai 2001 in Lüneburg stattfindet.
8 Neben ornamentalen Giebelbrettern und den etwa auch in Niedersachsen und Schleswig-Holstein verbreiteten Pferdeköpfen finden sich auch Neuschöpfungen wie Seejungfrauen und Seepferdchen.
9 Es handelt sich dabei um eine Art bäuerliches Ritterspiel, das an die angebliche Befreiung von der Schwedenbesatzung erinnern soll.
10 Vgl. zu den folgenden Ausführungen ausführlich Thomas Overdick: Landschaft und Museum. Theoretische Überlegungen zur Musealisierung von Landschaft. In: Museologie Online 1, 1999, S.1-40 (http://www.hco.hagen.de/museen/m-online).
11 Hans Moser: Vom Folklorismus in unserer Zeit. In: Zeitschrift für Volkskunde 58, 1962, S.177-209, hier S.180; vgl. auch ders.: Der Folklorismus als Forschungsproblem der Volkskunde. In: Hessische Blätter für Volkskunde 55, 1964, S.9-57.
12 Vgl. Moser, Vom Folklorismus, S.190-198 (Anm. 11).
13 Hermann Bausinger: Zur Kritik der Folklorismuskritik. In: Ders. (Hg.): Populus Revisus. Tübingen 1966, S.61-75, hier S.72.
14 Hermann Bausinger: Volkskultur in der technischen Welt. Stuttgart 1961, S.120.
16 Vgl. Hermann Bausinger: Zur Algebra der Kontinuität. In: Hermann Bausinger / Wolfgang Brückner (Hg.): Kontinuität? Berlin 1969, S.9-30, hier S.17.
19 Nils-Arvid Bringéus: Folklorismus: Einige prinzipielle Gesichtspunkte vor schwedischem Hintergrund. In: Edith Hörandner / Hans Lunzer (Hg.): Folklorismus. Neusiedel am See 1982, S.55-72, hier S.68-69.
20 Vgl. u.a. Utz Jeggle / Gottfried Korff: Zur Entstehung des Zillertaler Regionalcharakters. Ein Beitrag zur Kulturökonomie. In: Zeitschrift für Volkskunde 70, 1974, S.39-57; Gottfried Korff: Folklorismus und Regionalismus: Eine Skizze zum Problem der kulturellen Kompensation ökonomischer Rückständigkeit. In: Konrad Köstlin / Hermann Bausinger (Hg.): Heimat und Identität. Neumünster 1980, S.39-52; Edith Hörandner / Hans Lunzer (Hg.): Folklorismus. Neusiedel am See 1982; Ulrike Bodemann: Folklorismus - ein Modellentwurf. In: Rheinisch-westfälische Zeitschrift für Volkskunde 28, 1983, S.101-110; Peter Assion: Historismus, Traditionalismus, Folklorismus: Zur musealisierenden Tendenz der Gegenwartskultur. In: Utz Jeggle / Gottfried Korff / Martin Scharfe / Bernd-Jürgen Warneken (Hrsg.): Volkskultur in der Moderne. Tübingen 1986, S.351-362. Gottfried Korff: Aporien der Musealisierung: Notizen zu einem Trend, der die Institution, nach der er benannt ist, hinter sich gelassen hat. In: Wolfgang Zacharias (Hg.): Zeitphänomen Musealisierung. Essen 1990, S.57-71.
21 Bausinger, Algebra der Kontinuität, (wie Anm. 16), S.29
22 Bringéus, Folklorismus, (wie Anm. 19), S.70
24 Ebd., S.69. Gottfried Korff bezeichnet den Folklorismus als »alltagshermeneutische Variante des Historismus« (Korff, Folklorismus und Regionalismus, (wie Anm. 20) S.40 und Peter Assion weist darauf hin, »daß wir eben heute die Erben von über hundert Jahren Geschichtserziehung sind, vermittelt durch Schulunterricht, bürgerliches Festwesen, Denkmalpflege, Museumsbetrieb und nicht zuletzt eine Volkskunde, die der kulturellen Retrospektive konsequent ergeben war.« Assion, Historismus (wie Anm. 20), S.354-355.
25 Von der Warte aus betrachtet bleibt es abzuwarten, ob die Stadt Barth sich als "Vineta-Stadt" in den Köpfen der Menschen durchsetzen wird. Aufgrund der These eines Berliner Forscherteams, das die sagenumwobene mittelalterliche Handelsmetropole Vineta das Atlantis des Nordens im Barther Bodden vermutet, hat die Stadt in ihrem Marketingkonzept seit 1998 voll und ganz auf die versunkene Stadt gesetzt. Das damals im Entstehen begriffene Heimatmuseum wurde in Vineta-Musem umgetauft und soll sich fortan den Legenden des Ostseeraums widmen. Die Schilder am Ortseingang begrüßen die Gäste in altdeutschen Lettern im Namen der "Vineta-Stadt Barth". Der Bürgermeister gab ein Theaterstück in Auftrag und rief die Vineta-Festspiele ins Leben. Am Hafen findet sich eine Installation, die den Blick auf die mögliche Stelle lenken soll, wo die versunkene Stadt zu finden sein könnte. Erste Gaststätten nehmen den Namen auf. Vgl. auch Christine von Brühl: Vineta ist überall: Die wundersame Festival-Vermehrung an der Ostsee. In: Die Zeit, 08.07.1999. Auslöser des Ganzen war der Bericht von Wolfgang Michal: Mythos Vineta. In: Geo special. Ostsee, Nr. 3/Juni 1998, S. 84-90.
26 "Windflüchter" bezeichnet die windschiefen Bäume, die man besonders an der Westküste des Fischlands findet und die auch zu einem oft reproduzierten Schlüsselsymbol der Region geworden sind.
27 Vgl. zur aktuellen Standortbestimmung des Verhältnisses zwischen Photographie und Volkskunde den Themenband in Heft 2 der Zeitschrift für Volkskunde 93, 1997.
28 Vgl. zur »Writing Culture«-Debatte James Clifford / George E. Marcus (Hg.): Writing Culture: The Poetics and Politics of Ethnography. Berkeley 1986; Eberhard Berg / Martin Fuchs (Hg.): Kultur, soziale Praxis, Text: Die Krise der ethnographischen Repräsentation. Frankfurt a.M. 1995; Writing Culture Themenheft von kea, Zeitschrift für Kulturwissenschaften, Ausgabe 4, Nürnberg 1992.
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