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(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)
Ilse Lange
Patricia Dvorak
Heike Roegler
Sylvia Schuster... auch ein kollektives Tagebuch
Die Exkursion hat vielfältige Resonanz gefunden, die hier in Form eines »Exkursionstagebuches« abgedruckt wird - es sind Stimmen von Teilnehmerinnen, hier zusammengestellt ganz im Sinne der Idee eines kollektiven Tagebuches à la Kempowski1.
Ilse Lange schrieb:
Die subjektiven Eindrücke meiner ersten »Archiv-Erfahrung« waren folgende: Für beide Archive trifft zu, dass man sich auf unseren Besuch gezielt vorbereitet hatte, dass wir umfassend informiert wurden, dass die Bereitschaft zur Zusammenarbeit besteht, d.h. auch Materialien (ggf. mit Einschränkungen) zur Bearbeitung zur Verfügung zu stellen.
Nartum: Die Fülle der Materialien war eindrucksvoll.Die wenig aussagekräftige Verzettelung bei der Fülle des Materials und die knappe zur Verfügung stehende Zeit für eigene Recherchen konnte nur bedingt zu »Erfolgen« führen, die dann wiederum dadurch relativiert wurden, dass die Verwendung von der Zustimmung durch Walter Kempowski abhängig war2.
Interessant fand ich die Einschätzung einzelner Archivalien durch Walter Kempowski als »wenig inhaltsreich« oder »banal«, die aus volkskundlicher Sicht ergiebig erscheinen; die Differenz zwischen Literatur und Volkskunde wird hier deutlich. Daraus ergab sich auch eine Diskussion über die unterschiedliche Sicht in bezug auf die Auswertung: litera risch und wissenschaftlich.
Cloppenburg: So, wie uns die Hofarchive beschrieben wurden, die das Museum kontinuierlich übernimmt, ist die Materialfülle wohl auch hier eindrucksvoll. Uns wurden jedoch nur einige Exemplare zur Verdeutlichung, nicht aber das gesamte Archiv vorgeführt oder gar für eigenes Suchen geöffnet. Das war schade.
Enttäuschend war zunächst auch, dass es in diesem Archiv gar keine Frauentagebücher gibt bzw. solche eventuell noch nicht aus dem noch unkatalogisierten Material aufgetaucht sind. Doch war es für mich dann sehr interessant, über den wissenschaftlichen Umgang mit historischen archivalischen Quellen zu hören und derartige Exemplare - etwa aus dem 17. Jahrhundert - auch in der Hand zu haben.
Von den modernen Quellen wurde uns eine Briefsammlung einer Frau aus den 1930er Jahren gezeigt, aber eben kein Tagebuch.
Unter unterschiedlichen Voraussetzungen wäre es reizvoll, in beiden Archiven zu arbeiten.
Heike Rögler schrieb:
Die »Tagebuch«-Exkursion war eine rundum gelungene Sache, das heißt, sie war informativ und ergebnisreich. Der Empfang im Archiv von Walter Kempowski in Nartum verlief sehr gastfreundlich. Die Versorgung mit Tee und Saft auf einem mit Kerze und Blume geschmückten Tisch entsprach ebenso der privaten Atmosphäre, wie die Erlaubnis, »hemmungslos« in den Ordnern und Kisten herumzustöbern (keiner zuckte zusammen).
Zu »meinem Thema« aus der Kriegszeit ließ sich so viel finden, dass ich sogar anfing, wählerisch zu werden (frei nach dem Motto, »Was das Tagebuch ist »nur« abgetippt, nicht original vorhanden ? ... das kommt gar nicht in Frage ...«). Es hat Spaß gemacht, überall herumzusuchen, einen Blick hier hinein und dort hinein zu werfen. Da waren Briefe, Tagebücher, Photographie und vieles mehr. Man musste aufpassen, sich nicht gleich festzulesen.
Auch der Empfang im niedersächsischen Freilichtmuseum in Cloppenburg verlief sehr freundlich. Der Besuch gestaltete sich zwar anders als erwartet (kein eigenständiges Suchen nach Tagebüchern, da uns das Archiv nicht offen zugänglich war), doch die Situation des »ländlichen« Schreibens wurde uns anschaulich vermittelt (bis hin zum eigenen Schreibfeder-Schnitzen). Tagebücher und vor allem Briefe zu unseren Themen lassen sich dann aber erst ab der Zeit um 1900 finden.
Alles in allem habe ich eine Menge an Informationen mit nach Hause genommen und bin voller Ideen für das Kommende. Wenn alles klappt und Herr Kempowski seine Zustimmung gibt, habe ich sogar ein Tagebuch gefunden, das ich bearbeiten möchte.
Patricia Dvorak schrieb:
An der Exkursion hat mir die Gänsekiel-Sache u.a. am meisten Spaß gemacht. Entspannung durch Konzentration, lange nicht mehr gehabt. Der ganze Besuch war durch die Anschaulichkeit sehr informativ, was das Schreiben in früheren Jahrhunderten betrifft. Die neuen Fakten lassen die damalige Schreibpraxis für mich in einem völlig anderen Licht erscheinen.
Ansonsten fand ich es sehr schön, interessant und aufschlussreich ..., bei Kempowski direkten Zugang zu den Quellen gehabt zu haben. Insgesamt bin ich von meiner ersten Exkursion angenehm überrascht: hat gefordert und Spaß gemacht!
Sylvia Schuster schrieb:
Ilse, Heike, Zuzanna und Jens um 8 Uhr vor dem Altonaer Bahnhof getroffen, Zuzanna lief verloren in der Fußgängerzone umher: 8 Uhr ist eindeutig nur etwas für Schulkinder. Später saßen wir dann aber tatsächlich wie Schulkinder im Auto: Tonnen von Schokoriegeln und der Gesundheit wegen ein paar Alibi-Karotten wurden schon vor dem Elbtunnel herumgereicht. Die richtige Autobahnabfahrt wegen fortwährendem Schokoriegelverzehr und einsetzender Anekdotenerzählerei verpasst. Wind und Flachland vor Kempowskis Haus. Ahh...: Kaffee. Von der ersten Minute an bewege ich mich durch das Haus als würde ich hier ständig ein und aus gehen.
Dann die ersten Tagebücher und Quellen, die herumgereicht werden. Tatsächlich, es gibt sie: echte handgeschriebene, etwas mitgenommene Tagebücher. Dachte, dass ich etwas schüchterner damit umgehen würde, wegen jenem Eingriff in die Intimität ... Sachen von fremden Leuten lesen - ist ja nicht das Tagebuch meiner Schwester und ich bin nicht 12 ! Aber kein Spur davon. Genauso, wie ich mich in diesem Haus ganz heimisch fühle und nicht schüchtern und fremdelnd Gast bin, so wenig schüchtern gehe ich mit den herumgereichten Sachen um. Und das tut ziemlich gut.
Später im Archiv fühle ich mich wie Dagobert Duck, der in seinen Goldtalern badet. Lese mich in drei, vier Fluchttagebücher hinein. Bin von der sachlichen Sprache überrascht, von den kurzen Eintragungen... Manchmal nur zwei Sätze für einen ganzen Tag. Jetzt weiß ich auch nicht mehr, was ich zunächst gedacht habe, was meine Vorstellungen und Erwartungen eigentlich waren: Tolstoi'sche Landschaftbeschreibungen, oder was?
1 Diese Kommentare zur Exkursion sind in Teilen gekürzt worden, Anm.d.Red.
2 Diese Zustimmung seitens des Kempowski-Archivs ist inzwischen, wie oben berichtet, in freundlichem Entgegenkommen gegeben worden [Leonie Koch-Schwarzer].
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