(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche
schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde
c/o institut für volkskunde)
Ulrich
Bauche |
Biographien
im Spannungsfeld zwischen ethnischer und sozialpolitischer
Exponiertheit: Jüdische Mitstreiter in der Hamburger Arbeiterbewegung |
Meine Beschäftigung mit dem Thema »Jüdische Mitstreiter
in der Hamburger Arbeiterbewegung« resultiert aus familiärer
Beziehung, der Kenntnis vom Wirken meines Großvaters, und
aus meiner Museumstätigkeit.
Zuletzt im vorigen Jahr konnte ich im Museum der Arbeit zur Ausstellung
über die jüdische Arbeiterbewegung in Europa und den
USA, das Thema in acht biographischen Beispielen vorstellen. Fünf
weitere Biographien jüdischer Beteiligter am Arbeiterwiderstand
gegen das NS-Regime erarbeitete Wilfried Weinke.
Ich bin mir bewusst, dass trotz der heutigen Konjunktur jüdischer
Themen eine Verbindung zur Arbeiterbewegung nicht sonderlich gefragt
ist.
Öffentliche Meinung operiert erfolgreich mit Vergessen und
Erinnern. Verlierer in der Geschichte, unterlegene politische
und soziale Bewegungen und ihre geistigen Strömungen stehen
unter doppeltem Verdikt; ihnen wird die Traditionspflege entzogen
und sie werden von der Geschichtswissenschaft vernachlässigt.
Dass das Wirken jüdischer Mitstreiter in der Arbeiterbewegung
von solchem doppelten Vergessen bedroht, ja weitgehend in Vergessenheit
geraten ist, beschäftigt mich seit langem.
Gelegentlich der Ausstellungen wurde ich mehrfach konfrontiert
mit dem Argument: Die jüdischen Aktivisten in der Arbeiterbewegung
in Deutschland hätten sich kaum noch als Juden gefühlt.
Wie weit entspricht dies der Realität oder stellt es eine
Interpretation dar, die möglicherweise aus der viel zitierten
Frühschrift von Karl Marx verallgemeinert wurde ?
Das Argument veranlasste mich, dem Jüdischsein der von mir
als Beispiele vorgestellten Personen nachzugehen. Es reizte mich,
neben ihrem politischen Wirken auch die Wurzeln und Beziehungsnetze
ihrer Persönlichkeit zu erkunden. Dazu bemühe ich mich,
Methoden der historischen Biographieforschung und der volkskundlichen
Fragestellung nach ethnisch-kulturellen Identitäten anzuwenden.
Der erste Schritt dazu war, meine Erkundungen in die Entstehungszeit
der Arbeiterbewegung in Hamburg um 1845 auszudehnen. Daraus ergab
sich für mich ein aufschlussreicher Vergleich der Phasen
der Arbeiterbewegung mit denen der deutsch-jüdischen Geschichte,
besonders bezogen auf die Wandlungen jüdischer Identitäten.
Die erste Phase, in der es zu Beziehungen und Beeinflussungen
kam, ist die Zeit des so genannten Vormärz und der revolutionären
Erhebung 1848. Von jüdischer Seite war es eine aktive Beteiligung
am demokratischen Aufbruch, worin sich das Streben nach rechtlicher
Gleichstellung mit dem Kampf um deutsche Einheit und Demokratie
verband. Für die Juden war es eine wesentliche Entscheidung,
ihr Leben nicht wie bisher abgegrenzt, außerhalb der größeren
Gesellschaft, sondern in ihr zu führen. Die dazu notwendigen
Transformationen des Judentums, die Akkulturation, schuf neue
Identitäten unter veränderten politischen Verhältnissen.
In der wichtigsten Quelle für meine Untersuchungen, in den
Akten der Politischen Polizei Hamburgs im Hamburger Staatsarchiv,
befindet sich die Kopie eines Briefes, den der Hamburger Polizeiherr,
Senator Goßler, im August 1852 an das Königliche Polizei-Präsidium
Berlin geschrieben hatte:
» [...] Der von hier gebürtige Israelitische Cigarrenarbeiter
Salomon Meyer Sternberg ist allerdings seit [Anfang an] von 1845
Mitglied des Bildungs-Vereins für Arbeiter und seit 1848
im Cigarrenarbeiter-Verein.
Als Vice-Präsident des Bildungs-Vereins hat er seit c. 2
Monaten eine Casse des Vereins unter Händen, aus welcher
Hilfsbedürftige unterstützt werden. Es mag aus derselben
ganz einzelne Flüchtlinge etwas Geld zugeflossen sein, indessen
ist der Bestand der Casse nachweislich eine nur ganz unbedeutende
und werden im Jahre nur 100 bis 120 rthl. verausgabt, davon in
dem bei weitem größten Theil nachweisbar zur Unterstützung
hiesiger Hülfsbedürftigen.
Über von Sternberg veranstaltete sonstige Sammlungen und
Übermittlungen des Ergeb nisses derselben nach London hat
hier nichts in Erfahrung gebracht werden können. Sternberg
stellt solche in Abrede und hat eine bei ihm vorgenommene Haussuchung
keine Resultate geliefert. «
Dieser Brief war die Antwort auf eine dringliche Anfrage aus der
preußischen Hauptstadt, damaligem Zentrum der Verfolgung
der 1848er Demokraten. Die Anfrage hatte Hausdurchsuchungen nicht
nur in der Wohnung, sondern auch im Haus des Bildungsvereins und
eine polizeiliche Vernehmung Sternbergs veranlasst. Seine Aussagen
zur Person ergeben wichtige Daten zu seiner Biographie, allerdings
nur bezogen auf die damals aktuellen Anschuldigungen und die bei
den Durchsuchungen beschlagnahmten Dokumente. Weitere demokratisch-sozialistische
Aktivitäten Sternbergs aus den vorangegangenen Jahren waren
der Hamburger Polizei nach erhaltenen Akten bekannt, wurden aber
nicht nach Berlin berichtet.
Sternbergs Biographie bietet ein Musterbeispiel für die Verbindung
des jüdischen Emanzipationsstrebens mit dem Kampf um Gewerbefreiheit
gegen das Zunftsystem und um die berufsübergreifende Verbesserung
der Lage der Lohnarbeiter und dies alles mit Hilfe von gesamtdeutschen
Vereinigungen über die Grenzen der einzelnen Bundesstaaten
hinaus.
Dazu die wichtigsten Daten: Salomon Meyer Sternberg wurde 1824
in Hamburg als Sohn des Tabak- und Zigarren-Einzelhändlers
Meyer Moses Sternberg geboren und besuchte die Israelitische Freischule
von 1815. Diese von den auf Emanzipation zielenden jüdischen
Reformern gegründete Schule erklärt in ihrem Statut
von 1820:
» Ganz besonders soll bey den Freyschülern auch dahin
gewirkt werden, daß der größte Theil derselben
gern und willig, ja vorzugsweise, sich zu einem Handwerke bestimmen
lassen, und lieber durch körperliche Anstrengung, als durch
Kleinhandel und Trödel, sein künftiges Fortkommen suche.
«
Noch vor den Realienfächern galt die Anstrengung der Schule
der Vermittlung der deutschen Sprache anstelle des bis dahin auch
bei den Hamburger Juden üblichen Jiddisch. Sternberg muss
ein guter Schüler gewesen sein. Seine rhetorischen Fähigkeiten
hat er in vielen Ansprachen und Debattenreden bewiesen. Da sein
Vater früh verstarb, wohnte Sternberg mit seiner Mutter in
dem für jüdische Bedürftige 1838 von Lazarus Gumpel
eingerichteten Wohnstift in einer der 53 kleinen Wohnungen nahe
dem Großneumarkt.
Das Tabakgewerbe wurde damals ausgeübt in kleineren und größeren
Werkstätten bis hin zu Manufakturen von etwa 100 Beschäftigten.
Als ein Importwaren verarbeitendes Gewerbe war es nicht an den
noch herrschenden Zunftzwang gebunden und hatte speziell in Hamburg
einen größeren Anteil jüdischer Unternehmer und
ebenso jüdischer Arbeiter. Sie bildeten etwa ein Viertel
der über Tausend in diesem Gewerbe Beschäftigten und
waren damit hier die größte jüdische Arbeitergruppe
überhaupt.
1845, also 21-jährig, wurde Sternberg Mitglied des eben gegründeten
Arbeiter-Bildungs-Vereins in Hamburg, des ersten in Deutschland,
der schon bald etwa 600 Mitlieder zählte. Seine Aktivisten
waren vornehmlich Hand werker-Sozialisten, die aber unter scharfer
polizeilicher Überwachung und unter Verbotsdrohungen sich
an die Volksbildungsbestrebungen des fortschrittlichen Bürgertums
anpassten.
Angeregt vom Brauch der Zunftgesellen, unternahm Sternberg 1847
eine Handwerker-Wanderschaft, die ihn in mehrere größere
Städte Westdeutschlands und nach Brüssel und Antwerpen
führte. Nach mehreren späteren Aussagen anderer war
er nach seiner Rückkehr Mitglied des geheimen Bundes der
Kommunisten, der in Hamburg eine starke und aktive Gemeinde hatte.
1848 beteiligte sich Sternberg an der Gründung des Hamburger-Cigarrenarbeiter-Vereins,
wurde sein Vizepräsident, und war von Oktober 1849 bis zum
Frühjahr 1850 Präsident, gewählt von den etwa 500
Mitgliedern. In den Statuten heißt es:
» § 1: Der Verein soll dem Arbeiter ein Vereinigungspunkt
für alle Interessen angehenden Bestrebungen sein, die sowohl
gewerbliche als auch sittliche und politische Hebung des Arbeiterstandes
bezwecken, um den Arbeiter auf diejenige Stufe zu stellen, welche
er als Mensch einzunehmen berechtigt ist. «
Sternberg vertrat den Verein auf dem 2. Kongress der Zigarrenarbeiter
Deutschlands im September 1849 in Leipzig und erklärte den
Beitritt seines Vereins zu der die deutschen Länder übergreifenden
»Association der Zigarrenarbeiter«. Vorher schon hatte
er sich für den Anschluss seines Vereins an die Deutsche
Arbeiter-Verbrüderung unter der Leitung des jüdischen
Schriftsetzers Stephan Born in Berlin erfolgreich eingesetzt.
So übernahm Sternberg im Februar 1850 die Präsidentschaft
des »Bezirks-Comités« der Arbeiter in Hamburg,
der hiesigen Unterorganisation der Verbrüderung. Sie hatte
ihren Sitz im Haus des Bildungsvereins für Arbeiter, wurde
aber im Unterschied zu diesem noch im gleichen Jahr im Zuge der
gegenrevolutionären Maßnahmen unter dem Druck der zeitweiligen
Besetzung Hamburgs durch preußische Truppen verboten.
Dennoch wählte die über tausend-köpfige Mitgliedschaft
des Bildungsvereins den so exponierten Sternberg von Mitte 1852
bis Januar 1853 zu ihrem Vizepräsidenten. Unter dem noch
schärfer gewordenen staatlichen Druck zog er sich danach
ins Berufs- und Privatleben zurück, betrieb eine Tabak- und
Zigarrenwerkstatt, die als Fabrik firmierte, und starb schließlich
1902 in Hamburg.
Es ist auffällig, dass in der Periode von 1853 bis 1871 kaum
noch bedeutende Aktivitäten von Juden in der Hamburger Arbeiterbewegung
festzustellen sind. In dieser Zeit vollendete sich die rechtliche
Gleichstellung der Juden vor dem Hintergrund ihres beispiellosen
wirtschaftlich-sozialen Aufstiegs. Ein Indiz dafür ist ihre
vorbildliche Armenfürsorge, die von immer wenigeren am Ort
in Anspruch genommen wurde, so dass bedeutende Leistungen nach
Ost-Europa und nach Erez Israel fließen konnten.
Mit der Gründung des deutschen Kaiserreiches unter Preußens
Führung 1871 wurde die erneut anwachsende, aber in Richtungen
gespaltene Arbeiterbewegung wieder unter stärkere Verfolgung
gesetzt. Der Druck von außen führte 1875 zum Zusammenschluss
der beiden größeren Parteien. Die Reichsverfassung
ließ auch noch nach dem Erlass des Gesetzes von 1878, wie
es hieß, gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen
der Sozialdemokratie, kurz Sozialistengesetz, die Beteiligung
an den Reichstagswahlen zu. Unter diesen Umständen der Unterdrückung
durch Verbote, Haftstrafen, Ausweisungen und der Ächtung
durch weite Schichten der sich immer mehr chauvinistisch gebärdenden
Gesellschaft wuchsen der Arbeiterbewegung neue Sympathisanten
aus der jüdischen Bevölkerung zu.
Eine besonders exponierte Erscheinung bietet die folgende, hier
nur sehr verkürzt darstellbare Biographie, mit deren Ende
ich beginne:
Im Hamburger Echo, der sozialdemokratischen Tageszeitung für
Hamburg und seine preußischen Nachbarstädte, erschien
im April 1905 ein Nachruf, dessen Anfang lautet:
» Der Genosse Joseph Berkowiecz Kohn ist heute Morgen 6
1/2 Uhr nach monatelangem Leiden gestorben. »Der kleine
Kohn«, wie er wegen seiner ungewöhnlich kleinen Figur
allgemein genannt wurde, war den Parteigenossen weit über
das nördliche Belagerungsgebiet wohlbekannt. Seit Jahrzehnten
gehörte er zur sozialdemokratischen Partei, an deren Agitations-und
Organisationsarbeit er tätigsten Anteil nahm. Wiederholt
ist er vom Sozialdemokratischen Verein des ersten Wahlkreises,
dessen Mitglied er war, zu Vertrauensämtern berufen. So war
er lange Jahre Mitglied der Preßkommission und bis zu seinem
Tode deren Vorsitzender. «
Es folgen eine kurze Lebensbeschreibung, sein der Zeitung vorher
eingesandtes Abschiedsgedicht und die Aufforderung an die Leserschaft
zum Totengeleit aus dem Stadtteil St. Georg zum Ohlsdorfer Israelitischen
Friedhof.
In der Akte J. B. Kohn der Politischen Polizei berichtet ein dazu
zur Beobachtung ausgesandter Wachtmeister:
» Es hatten sich beim Sterbehause Alstertwiete 28 über
100 Personen eingefunden. Dem Sarge folgten 85 Personen, darunter
5 Frauen. Unter dem Gefolge befanden sich Grünwaldt, Laufkötter,
Dubber, Grosse, A.Junge, Thieme und noch mehrere andere Größen.
Außerdem folgten dem Sarge 9 Landauer und eine Droschke.
Eine rote Fahne mit schwarzem Flor wurde von Dubber getragen,
ebenfalls wurden einige Kränze, darunter einer mit roter
Schleife, mitgeführt. Die ganze Leichenfeier war nach jüdischem
Gebrauch, auch die Träger waren Juden. «
Dass dies besonders erwähnt wird, macht deutlich, wie suspekt
der Polizei solche Verbindungen zwischen Juden und Sozialdemokraten
waren.
In diesem Fall wird uns nicht nur aus den Akten der Polizei und
aus Presseveröffentlichungen über das Wirken eines jüdischen
Mitstreiters berichtet, sondern wir werden durch die Autobiographie
des Joseph Berkowitz Kohn direkt über seine Motive, politischen
Gedanken und sein Selbstbewusstsein als Jude und Sozialist informiert.
Seine Erinnerungen, die er in den letzten Lebensjahren geschrieben
hat, sind teilweise mit Zitaten aus seinen früheren Tagebüchern
mit Datumsangaben gestützt. Seine Tochter Sophie hat die
Erinnerungen wahrscheinlich vor 1914 maschinenschriftlich in Durchschlägen
für ihre acht Geschwister vervielfältigt. Überlebende
Nachfahren, die noch nach 1945 in Hamburg sozialdemokratisch orientiert
waren, haben Kopien bewahrt, von denen sich heute eine im Museum
der Arbeit befindet.
Kohn war 1841 in Leczyca in Russisch-Polen geboren, einer Kleinstadt
mit Garnison, Kreisverwaltung und zentralem Markt für ein
größeres Landgebiet. Der Vater stammte aus Warschau,
der Großvater mütterlicherseits aus dem Ort. Beide
führten dort angesehene Handelsunternehmen und waren der
jüdischen Aufklärung verpflichtet, sprachen vorwiegend
polnisch. Der Vater hatte sich in der städtischen Selbstverwaltung
engagiert. In der nahen Verwandtschaft gab es etliche Angehörige
akademischer Berufe. Als 1849 durch zaristischen Erlass Gymnasien
und Universitäten für Juden gesperrt wurden, erhielt
der junge Kohn zusammen mit weiteren Verwandten einen jüdischen
Hauslehrer mit deutscher Bildung. Hebräisch und Deutsch waren
Hauptfächer. Von anderen Fächern interessierten Kohn
hauptsächlich Geschichte und Geographie, später dazu
Französisch.
Er verschaffte sich verbotene Literatur, diskutierte in Zirkeln
von Jugendlichen, hauptsächlich Gymnasiasten, über die
nationalen Bewegungen und nationalstaatlichen Einigungen in Europa.
Die national-polnische Bewegung war durch den Krim-Krieg und die
so genannte Bauernbefreiung im zaristischen Reich ermuntert. Kohn
wurde mit Billigung seines Vaters aktiver Parteigänger der
demokratischen Bewegung, der so genannten polnischen Roten. Unter
den aufgeklärten städtischen Juden hatte sich die Auffassung
verbreitet, die national-polnische Sache zu unterstützen,
um dadurch zur Gleichberechtigung und zum Abbau des Judenhasses
zu gelangen. Kohn beteiligte sich 1861-63 an den Konspirationen
bis hin zu den militärischen Aufstandsaktionen. Nach deren
Scheitern wurde er vom örtlichen Komitee veranlasst, als
Sündenbock das Land zu verlassen, was für ihn mit seinen
Fremdsprachen-Kenntnissen als am ehesten zumutbar erschien. Die
Flucht über die Grenze wurde ihm in der Rolle eines Bahnpostbediensteten
ermöglicht.
Er kam im April 1864 nach Hamburg, fand hier nicht die erwartete
verwandtschaftliche Unterstützung und blieb auf Zahlungen
seines Vater angewiesen. Schließlich wurde er Buchhalter
bei einem jüdischen Weiß- und Kurzwarenhändler
und verdiente damit so viel, dass die Deutsch-Israelitische Gemeinde
seinen Aufenthalt gegenüber dem Stadtstaat garantierte. 1865
konnte er sich als Handelsmann für Schusterbedarf erfolgreich
selbständig machen. Nach einjähriger Verlobungszeit
mit einer gleichaltrigen Altonaerin feierte er 1867 eine große
jüdische Hochzeit in Anwesenheit seiner dazu angereisten
Eltern. Es wurde eine 38 Jahre dauernde glückliche Ehe mit
zehn Kindern. Die Familie bezog eine große Etagenwohnung
am Neuen Wall, wo auch Verwandte, darunter zwei jüngere Brüder
zur Ausbildung beherbergt wurden.
Kohn erwarb den Hamburger Bürgerbrief 1873 und wurde Vorsitzender
eines Polen-Vereins mit christlichen und jüdischen Mitgliedern
und blieb damit weiterhin an der polnischen Frage interessiert.
Aus ihr abgeleitet, besaß er ein tiefes Misstrauen gegen
den im Deutschen Reich dominanten preußischen Staat. Für
1874 erwähnt er erstmals seine öffentliche Unterstützung
für den Reichstagskandidaten des Allgemeinen Deutschen Arbeiter-Vereins.
Infolge der Wirtschaftsdepression mit Reallohn-Tiefstand und dem
starken Rückgang der handwerklichen Schuhproduktion durch
die Fabrikkonkurrenz geriet Kohn in Schwierigkeiten. Die Ausweisung
aktiver Sozialdemokraten, darunter zahlreiche selbständige
Schuster, denen er Waren auf Kredit gegeben hatte, führte
1882 zum Zusammenbruch seines Geschäftes. Es folgten Umzug,
Einschränkung des Lebensstandards und Arbeit als Versicherungs-Agent.
Daneben gab er Unterricht in Geschichte, Buchführung und
Wirtschaftslehre in mehreren Arbeiter-Fortbildungsvereinen. Im
Eimsbütteler wurde er Leitungsmitglied.
In dem 1890 angelegten persönlichen Dossier der Polizei heißt
es zu Beginn:
»Der Handelsmann J.B. Cohn, geb. 15.April 1841 in Letschin,
seit langen Jahren Ham burger Bürger, wohnhaft Fettsstr.19,
ist seit längerer Zeit als hervorragendes Mitglied des Vereins
Hamburger Staatsangehöriger bekannt. Bei den letzten Reichstagswahlen
respt. vorher hat er als socialistischer Agitator in Gemeinschaft
mit Metzger das Hamburgische Landgebiet bereist und ist in verschiedenen
Versammlungen als Redner für die sozialdemokratische Sache
aufgetreten. Seine Vorträge hält er mit großem
Geschick und scheint er in den sozialistischen Angelegenheiten
sehr gut orientiert zu sein.«
In seiner vorrangigen Bildungsarbeit vermittelte Kohn Verständnis
für wirtschaftliche und politische Zusammenhänge, behandelte
dabei auch die Polenfrage und warb um die Teilhabe am kulturellen
Leben.
Er trat für die Sozialistische Internationale ein, u.a. bewarb
er sich als Delegierter für den Kongress 1900 in Paris. Er
empfahl sich mit seinem Sprachkenntnissen und dem Vorschlag, in
den Auswanderungshäfen Informationsbüros für die
an der Massenauswanderung nach Amerika beteiligten Arbeiter Ost-
und Süd-Europas zu schaffen und dabei auch das Jiddisch anzubieten.
In der Wahl unterlag er aber dem Reichstagsabgeordneten Molkenbuhr.
Sein Judentum bekundete Kohn außer seiner Zugehörigkeit
zur Hamburger Gemeinde damit, dass er sich in der Vereinigung
Bnei Brith, der Hamburger Henry Jones Loge beteiligte.
So weit die beiden ausführlicher dargestellten Biographien
mit charakteristischen Merkmalen für zwei unterschiedliche
Perioden im 19. Jahrhundert.
Die weiteren Biographien fanden sich schon in der vorjährigen
Ausstellung. Ich konzentriere mich hier auf das Jüdischsein
hauptsächlich als antisemitisches Angriffsziel und die Motive
zum Engagement für soziale und politische Interessen in der
mehrheitlichen Bevölkerung
Die Periode 1890-1918 ist durch die ersten Wellen des europaweit
wirkenden Antisemitismus gekennzeichnet. Der Zionismus als eine
der jüdischen Abwehrformen wurde von der auf Internationalismus
eingestellten Arbeiterbewegung abgelehnt. Die starke deutsche
Sozialdemokratie befand sich zum Kaiserreich und zu den es tragenden
Gesellschaftsschichten in einem ambivalenten Verhältnis von
krassem Ausgegrenztsein und von vielfältiger Beteiligung,
gekennzeichnet durch den Begriff negativer Integration.
Im Polizeibericht von der Trauerfeier für J. B. Kohn ist
als erster bekannter Sozialdemokrat Louis Gruenwaldt genannt.
Geboren 1856, stammte er aus dem polnisch-deutsch gemischt besiedelten
Westpreußen. Als Tapezierer hatte er in Berlin gelernt und
gearbeitet und war dort auch schon als Sozialist aufgefallen.
Er kam während des Sozialistengesetzes 1881 nach Hamburg.
Neben dem Aufbau eines florierenden eigenen Tapezierer-Betriebs
gelang es ihm, über den Weg einer von ihm gegründeten
Tapezierer-Krankenkasse die gewerkschaftliche Berufsorganisation
für Hamburg und dann reichsweit zu schaffen. Daneben agierte
er als Redner in Fortbildungsvereinen und auf Wahlversammlungen,
also parallel zu Kohn, aber auffälliger als dieser noch als
Parteiorganisator des größten sozialdemokratischen
Vereins der drei Hamburger Wahlkreise. Als Redner war er vielfach
antisemitischen Angriffen ausgesetzt, besonders heftig im Jahrzehnt
1890-1900.
Seit 1904 war Gruenwaldt Mitglied in der Hamburger Bürgerschaft,
1918-19 Sprecher der mehrheits-sozialdemokratischen Fraktion im
Groß-Hamburger Arbeiter- und Soldatenrat und im März
1919 wurde er als erster Jude Mitglied des Hamburger Senats, zuständig
wegen seiner jahrzehntelangen Krankenkassen-Kompetenz für
das Ressort Gesundheit, und er blieb es bis März 1928. Hoch
geehrt starb er 1931 und fand ein Urnengrab auf dem jüdischen
Friedhof Ohlsdorf.
Mit dem 1868 im Kreis Barnim bei Berlin geborenen Max Josephsohn,
der in Eberswalde das Gymnasium besucht und eine Kaufmannslehre
abgeschlossen hatte, treffen wir auf einen Vertreter der größten
jüdischen Gruppe unter den abhängig Beschäftigten.
In ihrem Konkurrenzkampf mit den christlichen Kaufmannsgehilfen
gab es scharfe und gehässige Reibungen. Sie übertrugen
und verstärkten sich dann in den Beziehungen zwischen den
politisch konkurrierenden Berufsverbänden.
In Hamburg 1892 gelang es Josephsohn, einen sozialdemokratisch
orientierten Verein der Handlungsgehilfen unter dem Namen »Vorwärts«
mit etwa 300 Mitgliedern zu organisieren. Dessen öffentliche
Versammlungen gerieten zu heftigen Auseinandersetzungen, die provoziert
wurden von Antisemiten der in der Hamburger Bürgerschaft
vertretenen deutsch-sozialen Reformpartei, die daraufhin 1893
den Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband gründeten.
Dieser wurde zur reichsweit stärksten Angestelltenorganisation
und zur anhaltend stärksten Stütze des Antisemitismus
in Hamburg. Zwei Jahrzehnte war Max Josephsohn Zielscheibe von
deren Angriffen, aber er wusste sich als mutiger Debattenredner
auch in den feindlichen Versammlungen zu behaupten.
1897 wirkte Josephsohn maßgeblich für den Zusammenschluss
der sozialdemokratischen Angestelltenvereine in Deutschland. Der
Zentralverband der Handlungsgehülfen und Gehülfinnen,
so der die Gleichberechtigung der Geschlechter ausdrückende
Name, erhielt seinen Sitz in Hamburg. Josephsohn war von 1902-1911
Verbands-Vorsitzender. Die Internationale Konferenz der Handlungsgehilfen
in Amsterdam 1904 machte ihn zum Sekretär der neugegründeten
Internationalen Auskunftstelle. Die folgenden Internationalen
Kongresse 1907 und 1910 bestätigten ihn.
Offensichtlich fanden seine internationalistischen Aktivitäten
zunehmend weniger Unterstützung in der Hamburger Verbandsmitgliedschaft.
Hier wurde er 1911 durch John Ehrenteit verdrängt, den späteren
ADGB-Chef in Hamburg auf dem äußerst rechten Flügel
der Sozialdemokraten. Josephsohn resignierte und erhielt 1911
die Leitung der Verwaltungsabteilung in der Großeinkaufs-Gesellschaft
deutscher Konsumvereine, GEG, bis zu seinem Ausscheiden 1933;
er starb 1938.
Für die Periode 1919-1933, in der verfassungsrechtlich den
Juden alle Möglichkeiten offen standen, aber auch die Bedrohung
durch eine kaum gehemmte Feindschaft immer mehr anwuchs, erwähne
ich hier nur noch ein Beispiel:
Mit Josephsohn jahrzehntelang befreundet war Max Mendel, der in
Hamburg 1872 geboren wurde. Als Buchhalter in der väterlichen
Importhandelsfirma betrieb er daneben volkswirtschaftliche und
sozialwissenschaftliche Studien. Seine Kenntnisse setzte er u.a.
in Vorträgen im sozialdemokratischen Handlungsgehilfen-Verband
ein, wo er die wütenden Angriffe der Antisemiten erlebte.
Mendel beteiligte sich 1899 an der Gründung des Konsum-,
Bau- und Sparvereines »Produktion«, wurde darin 1909
Mitglied des vierköpfigen Vorstandes und dessen Vorsitzender
von 1920 bis 1928. Wegen seiner anerkannten Wirtschaftskompetenz
entsandte ihn die SPD für 1921-1925 in die Hamburger Finanzdeputation
und nach der Bürgerschaftswahl im März 1925 in den Senat.
Trotz der Wiederwahl 1928 schieden im Juni 1929 mit Mendel und
Carl Cohn, dem anerkannten Finanzsenator von der linksbürgerlichen
DDP, die beiden letzten jüdischen Senatoren aus der Hamburger
Regierung aus. Gesundheitsgründe waren vorgeschoben, offensichtlich
war es ein Zurückweichen vor dem wieder schärfer werdenden
politischen Antisemitismus. Denn 1928 setzten die Angriffe in
der Wahlagitation der Deutsch-Nationalen Volkspartei gegen den
angeblich den Mittelstand bedrohenden, verjudeten »Moloch
Produktion« ein deutliches Zeichen.
Aber auch in den eigenen Reihen verursachte der Antisemitismus
Unsicherheit. In der langen Auseinandersetzung des auf Gemeinwirtschaft
setzenden Mendel mit der Richtung der Nur-Genossenschafter unterlag
er schließlich und schied mit Ende 1928 aus dem Vorstand
aus. Dem Verlust der Ämter folgte bald die politische Isolierung
Max Mendels. Sein Leben endete im KZ Theresienstadt 1942.
Über die Auseinandersetzungen um jüdische Identität,
Selbstbehauptung und Reaktionen auf den Antisemitismus in den
miteinander verwandten Familien Mendel, Lobatz, Tuch berichtet
Arie Goral-Sternheim im Jeckepotz.
Meine bisherigen Ergebnisse fasse ich in einigen Thesen uneinheitlicher
Gewichtung zusammen:
· Nur durch hinreichende Erkundungen zu den Biographien
werden die unterschiedlichen Konstellationen und wechselnden Motive
für die Beteiligung von Juden an der als gesellschaftlicher
Faktor auftretenden Arbeiterbewegung erklärbar.
· Die dabei aufgetretenen Spannungen zwischen ethnischer
und sozialpolitischer Position erscheinen dann nicht zweipolig,
sondern sie wirkten in unterschiedlichen Intensitäten zwischen
vielen gesellschaftlichen Momenten, wirtschaftlich, politisch,
kulturell, also in Netzen von Interdependenzen.
· Die meisten der Mitstreiter standen im Einklang mit ihrem
jüdischen Selbstbewusstsein. Sie vertraten Motive der eigenen
erstrebten Emanzipation und Selbstbehauptung in der nichtjüdischen
majoritären Gesellschaft und waren gleichzeitig Exponenten
der innerjüdischen Modernisierung.
· Juden in der Arbeiterbewegung standen in einem jeweiligen
vielfältigen Spannungsfeld, in dem sich ihre jüdischen
Horizonte mit denen der von ihnen unterstützten sozialen
Gruppe nur teilweise deckten.
Das von Arbeiterschichten aus sozial entmischten Wohnvierteln
und gleichförmigen Arbeitsmilieus erfahrene und erlernte
Klassenbewusstsein war von den jüdischen Mitstreitern kaum
erlebt und verinnerlicht wor-
den. Wegen ihrer Sozialisation in anderen Lebensumfeldern mussten
sie den Vorwurf mangelnden Klassenbewusstsein häufig einstecken.
Schwierigkeiten wiederum bestanden bei vielen nichtjüdischen
Menschen in der sozialistischen Bewegung. Denn deren erklärter
Gegner, als Kapitalistenklasse definiert, zeigte Juden als deren
auffälligste Emporkömmlinge. Solche Gleichsetzungen
und Feindbilder kamen gelegentlich auch in der sozialdemokratischen
Publizistik vor. Die in der Arbeiterbewegung engagierten Juden
fanden nur eine sehr geteilte Akzeptanz in der jüdischen
Gesellschaft, da in ihr ein hoher Anteil selbständiger Kaufleute
und Unternehmer bestand und somit die Furcht vor den sozialrevolutionären
Zielen der Arbeiterbewegung herrschte. Andererseits wurde eine
angebliche Abhängigkeit der internationalistischen Arbeiterbewegung
vom jüdischen Kapital immer wieder von den großen deutschen
Interessengruppen behauptet, in denen sich antisozialistische,
antisemitische, konservative und chauvinistische Auffassungen
aggressiv vereinten.
Der deutsche Obrigkeitsstaat bis 1918 - Preußen ebenso wie
Hamburg mit kleinen Differenzen - unterdrückte und verfolgte
die sozialistischen und demokratischen Bewegungen bei gleichzeitiger
Zurückweisung einer der wirtschaftlichen Potenz entsprechenden
Machtbeteiligung jüdischer Oberschichten. Das in der sozialistischen
Bewegung propagierte Prinzip des Internationalismus wurde auffällig
stark von jüdischen Mitstreitern mit Leben erfüllt.
Ihre Disposition dazu resultierte aus der hohen geographischen
Mobilität und aus der gepflegten weiträumigen Familienbeziehungen
als wesentlicher Gruppenerfahrung dieser ethnischen Minderheit.
Gegenüber dem aufgeheizten nationalstaatlichen Machtstreben
Deutschlands fassten alle Kräfte, die dies unterstützten,
den »proletarischen Internationalismus« als Landesverrat
auf und setzten ihn mit dem angeblichen Streben nach »jüdischer
Weltherrschaft« gleich.
Von den individuellen Motiven abgesehen, galt allgemein für
die an der Arbeiterbewegung beteiligten Juden als gemeinsames
Motiv, für eine demokratische Gesellschaft einzutreten, in
der soziale, religiöse und ethnische Diskriminierung endgültig
verbannt sein sollten.
Von diesem Ziel sind wir heute noch weit entfernt, im eigenen
Land und besonders weltweit.