(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche
schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde
c/o institut für volkskunde)
Sabine Metzger
Janina Kriszio |
Bachelor,
Baccalaureus, B.A. -
was soll's ? |
Bereits seit Anfang der 1990er Jahre schwelt im Rahmen der Diskussion
um tief greifende Hochschulstrukturreformen (wirtschaftliches
Studium) die Debatte um Kurzstudiengänge in Kombination mit
der Einführung eines neuen Abschlusses - dem Bachelor, kurz
B.A. Dieser Abschluss stammt aus dem angelsächsischen Ausbildungssystem,
das bekanntlich stärker »verschult« funktioniert,
und stellt dort nach drei bis vier Jahren Studium den ersten berufsqualifizierenden
Abschluss dar.
Im Versuch, den Anforderungen des Arbeitsmarktes gerecht zu werden,
die internationale Vergleichbarkeit der universitären Abschlüsse
zu verbessern und nicht zuletzt die Bilanz der Studienabbrecher
zu schönen, ist der B.A. inzwischen auch schon an einigen
deutschen Hochschulen eingeführt worden - hauptsächlich
in wirtschafts-, ingenieur- und naturwissenschaftlichen Fachbereichen.
An der Hamburger Universität wird der Bachelor z.B. seit
dem Wintersemester 1997/98 im Fachbereich Informatik angeboten.
Die geisteswissenschaftlichen Fakultäten tun sich offensichtlich
mit derartigen Innovationen schwerer. Doch gibt es auch hier einige
Universitäten, die modifizierte Kurzstudiengänge anbieten.
Formal und inhaltlich weichen diese Baccalaureat-Modelle allerdings
stark voneinander ab, was die ganze Sache kompliziert. Die Palette
reicht vom normalen Grundstudium, das mit einer B.A.-Prüfung
abgeschlossen wird, die einfach der Zwischenprüfung entspricht,
bis zu völlig neu strukturierten, in der Regel 6-semestrigen
Studiengängen, deren Inhalt sich aus so genannten »Modulen«
zusammensetzt. Dieses Modulsystem soll sowohl eine Spezialisierung
für den einzelnen Studierenden ermöglichen, als auch
eine Vermittlung von gewissen »Kernqualifikationen«
garantieren.
Es gibt also eine Vielzahl an verschiedenen neuen B.A.-Studiengängen
an deutschen Hochschulen auch im geisteswissenschaftlichen Bereich.
Wie immer ist die Innovationsfreude allerdings auch hier von der
Mittelknappheit an deutschen Universitäten überschattet,
und so zeichnen sich nur wenige Modelle durch wirklich interessante
und sinnvolle Umstrukturierungen aus. Als positives Beispiel sei
an dieser Stelle das Magister-Reformmodell der Ruhr-Universität
Bochum genannt. Hier folgt auf ein 6-semestriges Grundstudium
in drei Fächern auf Nebenfachniveau eine B.A.-Prüfung,
die je Fach zwei Leistungsscheine, eine mündliche oder schriftliche
Prüfung und eine kleinere Studienarbeit erfordert. Während
der sechs Semester müssen zusätzliche Sprachkurse in
Englisch oder einer anderen Sprache, aufeinander aufbauende EDV-Kurse
und ein Praktikum mit begleitendem Seminar absolviert werden.
Ein weiterer Bestandteil ist die intensive Betreuung durch Tutorien
u.ä. Durch ein 2-semestriges Vertiefungsstudium ist danach
dann noch ein »normaler« Magisterabschluss möglich.
An der Hamburger Uni besteht innerhalb des Fachbereiches 09, Kulturkunde
und Kulturgeschichte, ein so genannter Studienreformausschuss,
der zunächst einmal überhaupt Fragen der Lehre, der
Struktur des jeweiligen Semesterlehrangebotes etc. behandelt.
Dort ist aber auch die Frage diskutiert worden, wie sich der Fachbereich
mit der möglichen oder staatlicherseits künftig vielleicht
geforderten Einführung des B.A.'s 09 auseinander setzen kann
und welche Position er zu diesem »neuen« Abschluss
beziehen kann. Darüber, ob und vor allem in welcher Form
ein Baccalaureat eingeführt werden soll, herrscht allerdings
noch Uneinigkeit.
Was heißt z.B. denn eigentlich »berufsqualifizierend«
? So ist es z.B. ein großes Handicap für einen hierin
qualitativ anderen Abschluss, dass die universitäre Seite
zu bedenken gibt, dass die Einführung ohne zusätzliche
Finanzierung realisiert werden müsste: Wie aber sollten dann
Lehrkräfte z.B. für solche möglichen, und sinnvoll
berufsquali fizierenden Angebote wie Sprachen oder Computerkenntnisse
bezahlt werden ?
Um die Interessen der Studierenden der Volkskunde bei der Debatte
um die mögliche künftige Einführung eines Bachelor-Abschlusses
besser vertreten zu können, soll im kommenden Sommersemester
eine detaillierte Umfrage am Institut für Volkskunde durchgeführt
werden. Denn angesichts der Tatsache, dass der B.A. auch in der
Hamburger Volkskunde alsbald aktuell werden könnte, sollten
alle Möglichkeiten genutzt werden, sich nicht vor vollendete
Tatsachen stellen zu lassen.
Als Vorbild könnte dabei der B.A.-Abschluss im Fach »Deutsche
Sprache und Literatur« der Universität Hamburg gelten.
Dieser Abschluss wird seit letztem Jahr angeboten. Voraussetzung
ist hier das abgeschlossene Grundstudium und ein Hauptseminarschein.
Die Prüfung wird nur im ersten Hauptfach abgelegt und besteht
aus einer Klausur und einer mündlichen Prüfung. Umfang
und Ausrichtung der Prüfung entsprechen den Anforderungen
der Nebenfachprüfung im Rahmen des Magisterabschlusses.
Im letzten Jahr fanden die ersten beiden Prüfungstermine
statt. Insgesamt haben etwa 50 Studierende die Möglichkeit
des B.A.-Abschlusses genutzt. Nach Auskunft der Prüfungsabteilung
waren es in erster Linie drei Gründe, die die Studierenden
dazu bewegt haben, mit dem B.A. ihr Studium zu beenden:
· Frauen in der Familienphase, die eine Fortführung
ihres Studiums in ihrer momentanen Situation als eine zu große
Belastung empfinden,
· Langzeitstudierende, die die Magisterprüfung immer
wieder vor sich her schieben,
· Menschen, die schon während ihres Studiums in einen
Job »hineingerutscht« sind, eigentlich gar keinen
Magisterabschluss mehr benötigen, aber doch einen Studienabschluss
haben wollten.
In erster Linie scheint der B.A. also für solche Leute geeignet
zu sein, die keine andere Möglichkeit sehen, ihr Studium
noch zu beenden.
Zwar gibt es bisher noch keine genaueren Untersuchungen über
den Verbleib der B.A.-Absolventen, doch wird die Baccalaureatsprüfung
offenbar als tatsächlicher Abschluss genutzt. So haben höchstens
zehn der 50 Absolventen des letzten Jahres ihr Studium fortgesetzt.
Auch über die Beurteilung dieses B.A.'s auf dem Arbeitsmarkt
gibt es momentan nur wenige Angaben. Es scheint allerdings so
zu sein, dass verschiedene Arbeitgeber die Möglichkeit begrüßen,
junge Hochschulabsolventen mit geringer Studiendauer einstellen
zu können. In diesem Fall scheint der B.A als »richtiger«
berufsqualifizierender Hochschulabschluss anerkannt zu werden.
Die Frage, die sich im Zusammenhang mit der Einführung eines
B.A. stellt, ist vor allen Dingen, welchen Stellenwert der Magisterabschluss
dadurch erhält. Sicherlich ist ein vorgezogener Studienabschluss
- vor allen Dingen auch für das Selbstverständnis der
Studierenden - besser als ein Abbruch. Auf der anderen Seite könnte
dies auch dazu führen, dass die Ansprüche an den Magister
damit noch höher geschraubt und die Studienzeiten hier noch
länger werden. Ist der Magister in so einem Fall dann nur
noch für diejenigen geeignet, die später in Forschung
und Lehre arbeiten wollen?
Ein weiteres Argument in der Diskussion um den B.A. ist die mögliche
Einschränkung der Bafög-Zahlungen, die bekanntlich an
den ersten berufsqualifizierenden Abschluss gebunden sind.
Es bleibt aber auch die Frage zu stellen, welche Qualifikationen
im Berufsleben von einem Hochschulabsolventen später tatsächlich
erwartet werden. Durch die weite Palette der Berufsmöglichkeiten
in den Geisteswissenschaften sind auch die Anforderungen sehr
unterschiedlich. Vielleicht würde hier ein »kleiner«
Abschluss oftmals schon genügen.
Es sprechen also scheinbar eine Reihe Argumente sowohl gegen,
als auch für die Einführung eines B.A.-Studiengangs
und es bleibt spannend, wie sich die Situation an der Hamburger
Universität bzw. in unserem Fachbereich weiterentwickelt.
Zum Abschluss seien alle Studierenden unter den Lesern noch einmal
auf die Umfrage zum Thema hingewiesen, die im kommenden Semester
stattfinden wird. Wir hoffen auf eine rege Beteiligung!
Literatur zur weiteren Information:
Brackmann, Hans-Jürgen: Kurzstudien, nein danke, aber...Die
Hoschschulreform aus Sicht der Arbeitgeber. In: Forschung &
Lehre, 11/96, hier S. 578ff.
Bürger, Brigitte/Spichalski, Elke: Wunsch und Zwang.
Projektgründungen und Selbständigkeit - eine Berufsperspektive
für Sozial- und GeisteswissenschaftlerInnen. Frankfurt am
Main 1989.
Dalichow, Fritz: Kredit- und Leistungspunktsysteme im internationalen
Vergleich. Bonn 1997 (Hrsg. vom Bundesministerium für Bildung,
Wissenschaft, Forschung und Technologie).
GEW (Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft)/ Köhler,
Gerd/Gützkow, Frauke (Hg.): Als Bachelor fitter für
den Arbeitsmarkt? Bachelor und Master an deutschen Hochschulen.
Dokumentation der Tagung vom 10. Bis 12. Juni 1998. Bonn / Frankfurt
a.M. 1999.
Jahn, Heidrun/Olbertz, Jan-Hendrik (Hg.): Neue Stufen - Alte
Hürden? Flexible Hochschulabschlüsse in der Studienreformdebatte.
Weinheim 1998.
Kloas, Peter-Werner: Modularisierung in der beruflichen
Bildung. Modebegriff, Streitthema oder konstruktiver Ansatz zur
Lösung von Zukunftsproblemen? Bielefeld 1997.
Konrad, Heiko: Sozial- und Geisteswissenschaftler in Wirtschaftsunternehmen.
Wiesbaden 1998.
Lobkowicz, Nikolaus: Keine Lösung. Kritische Anmerkungen
zum Bakkalaureus. In: Forschung & Lehre, 11/96, 572-574.
Montani Adams, Marco (Hg.): Geisteswissenschaftler in der
Wirtschaft. Starthilfen und Aussichten. 2. Aufl., Frankfurt a.M.
1992.
Vogel, Ulrike/Koslowski, Ingeborg: Zum beruflichen Verbleib
von Magister-Absolventen. Darmstadt 1990.
Welbers, Ulrich (Hg.): Das Integrierte Handlungskonzept
Studienreform. Aktionsformen für die Verbesserung der Lehre
an Hochschulen. Neuwied 1997.
Zechlin, Lothar: Gestufte Studienabschlüsse. Der Weg
aus der hochschulpolitischen Sackgasse? In: Köhler, G./Gützkow,
F. (Hg.): Innovationen statt Sanktionen. Frankfurt a.M. 1994,
hier S. 141-146.
Ziehm, Stefan: Berufskonzept und Modularisierung. Leitideen
beruflicher Bildung in Deutschland, den USA und Großbritannien.
Darmstadt 1998.
Informationen im WWW:
www.spiegel.de/unispiegel/nf/0,1518,63542,00.html
www.ruhr-uni-bochum.de/reformmodell
www.uni-bayreuth.de/departments/anglistik/BaMa2.htm#WozueinBachelor-Studiengang
www.blk-bonn.de/
www.uni-greifswald.de/~modul/