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(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)



Thomas
Hengartner
Ansprache


Sehr geehrter Herr Präsident,
sehr geehrte Frau Präsidentin der DGV,
lieber Herr Bauche, lieber Herr Wiese,
liebe Angehörige von Herrn Wiese und Bauche,
liebe Freunde der Volkskunde

Im Namen des Instituts für Volkskunde und der Hamburger Gesellschaft für Volkskunde heiße ich Sie zu unserem Festakt ganz herzlich willkommen. Der Anlass, der uns heute Abend zusammenführt, bietet buchstäblich Grund zu doppelter Freude: Innerhalb eines knappen Jahres sind mit Ulrich Bauche und Rolf Wiese gleich zwei Kollegen vom Präsidenten unserer Universität für ihre »hervorragenden Leistungen« (so hoch hängt das Hamburgische Hochschulgesetz den Rahmen) mit der Verleihung der akademischen Bezeichnung »Professor« geehrt worden.
Das Institut für Volkskunde möchte sich mit diesem Festakt nicht im Abglanz der neuen Würde der beiden Kollegen sonnen, sondern mit ihnen die Freude über die Anerkennung der langjährigen Arbeit, die sie an »ihren« Museen und in »unserem« Institut zugunsten der Wissenschaft geleistet haben, teilen. Wir schätzen uns dabei besonders glücklich, dass beide sich spontan - und ich versichere Ihnen, ohne jedwelchen Druck frei nach dem Motto »Würde bringt Bürde« -, dass sich also beide spontan bereit erklärt haben, uns in ihre aktuellen Forschungen Einblick zu geben.

Rituale in jeglicher Form gehören zum Kernbestand volkskundlichen Forschens. Und gerade die Festforschung nimmt in diesem Zusammenhang eine prominente Stellung ein. Keine Angst: Volkskundler sind zwar immer auf der Pirsch - heute Abend befinden Sie sich aber auf der sicheren Seite: keine teilnehmende Beobachtung, keine Situationsanalyse, keine wissenschaftliche Dokumentation, keine nachträglichen Interviews, auch keine archivalische Recherche. Allerdings kann ich es mir nicht ganz verkneifen, die »Festfrage« nicht nur mit der Veranstalter-, sondern auch mit der Wissenschaftlerbrille zu betrachten.

Damit allerdings vergebe ich mir schon einmal die Möglichkeit, mich mit einem der beliebtesten Bestandteile einer festlichen Rede, mit einem Goethe-Zitat zu schmücken. Wie mancher argloser Festredner hat sich nicht auf ein geflügelt gewordenes Wort aus der Ballade »Der Schatzgräber« berufen:
»Tages Arbeit, abends Gäste!
Saure Wochen, frohe Feste!
Sei dein künftig Zauberwort.«
und damit den Anlass eigentlich konterkariert: Fest - hier wirkt im Hintergrund das reformatorische Bestreben um Nüchternheit nach - bezeichnet in diesem Zusammenhang weniger den feierlichen Anlass, den wir heute begehen wollen, sondern unnützen Lärm um Kleinigkeiten, viel Wesens und Aufhebens ohne triftigen Grund.
Will ich mich dennoch mit einem geflügelten Wort schmücken, bietet mir höchstens eine Redensart studentischer Herkunft Zuflucht - zwar ohne das Gütesiegel der Gelehrsamkeit, dafür um so herzlicher: »Das ist mir ein Fest«, so verzeichnet das einschlägige volkskundliche Wörterbuch sprichwörtlicher Redensarten - steht für »das ist eine große Freude für mich«. Sollten Sie verehrte Anwesende, und sollten vor allem Sie, Herr Bauche und Herr Wiese, den heutigen Abend unter diesem Diktum erinnern, dann wiederum wäre das für uns ein Fest.

Um bei den Standardwerken zu bleiben: Die »Enzyklopädie des Märchens, ein volkskundliches Nachschlagewerk erster Güte - allerdings mit einem leicht irreführenden Namen - umschreibt »Fest« folgendermaßen:
»Ein Fest ist eine Zeit des Feierns, ein Ereignis von besonderer Bedeutung für die Gruppe oder Gemeinschaft, in der es stattfindet, ein komplexer Vorgang mit erzieherischen, gesellschaftlichen, religiösen und symbolischen Aspekten, bei dem verschiedene psychologische Bedürfnisse befriedigt werden: Es bietet Erholung von den Mühen des Alltags und Abwechslung im Einerlei, fördert Zusammenhalt und Einigkeit in Familie und Gemeinschaft, gibt Gelegenheit zu gesellschaftlich sanktionierten Exzessen und hat damit Ventilwirkung; es verleiht den Schlüsselereignissen des Lebenslaufs (...) besondere Würde und hebt ihre Einmaligkeit hervor [...].
Der Mensch als symbolschaffendes Wesen errichtet Bedeutungssysteme, in deren Rahmen die menschliche Existenz erlebt wird. Das Fest ist ein von mehreren geteilter Akt, der ein auf gemeinsamen Werten beruhendes Streben zum Ausdruck bringt [...].«

Ich erspare mir in Anbetracht unserer jetzigen Situation als »Stehgesellschaft« einen langen Kommentar - im Wissen, dass heute Abend einzelne der genannten Facetten von höherer Bedeutsamkeit sind als andere. Uns als Veranstaltern lag namentlich an den Aspekten der besonderen Würde und der Einmaligkeit. Beiden hoffen wir, wenigstens ansatzweise gerecht werden zu können: Es ist uns eine besondere Freude, dass der Präsident unserer Universität und nach der Pause der Dekan des Fachbereichs Kulturgeschichte und Kulturkunde, sich die Zeit genommen haben zu uns, vor allem aber zu Ihnen, Herr Bauche und Herr Wiese, zu sprechen. Es ist uns aber auch ein besonderes Anliegen, Ihre Verdienste zur Sprache zu bringen - eine Aufgabe, die mein Kollege Albrecht Lehmann übernommen hat. Er wird Ihrer beider Verdienste in einer kurzen Laudatio würdigen. Nicht zuletzt freuen wir uns, dass Sie, verehrte Anwesende mit Ihrer Teilnahme am heutigen Abend Ihre Verbundenheit mit den beiden Geehrten zum Ausdruck bringen.

Erlauben Sie mir eine kleine Bemerkung zum Schluss:
Manche von Ihnen haben sich vielleicht über das Motiv auf der Vorderseite unserer Einladungskarte gewundert: Eine Baustelle als Sinnbild von Wissenschaft und Lehre? Es ließen sich bestimmt viele schöne Worte finden, um dies metaphernreich und einleuchtend zu begründen. Die wahre Ursache ist indessen um einiges banaler: Eine Verwechslung in der Druckerei - sie hat die Kehrseite des vorgesehenen Motivs verwendet - hat dazu geführt, dass statt des zehnten Bildes des Freskenzyklus` im Treppenhaus der Hamburger Bürgerschaft die neunte Station des idealtypischen Lebenslaufs eines Hamburger Bürgers mit dem Motiv »Bauen« zur Darstellung kam. Eine Verwechslung, die allerdings mit Blick auf die beiden heute Abend Geehrten nicht ganz ohne sinnfälligen Bezug ist, haben sich doch beide im Verlaufe ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit immer wieder der Handwerksforschung angenommen.
So oder so: Der Motivzyklus im Treppenhaus der Hamburger Bürgerschaft sieht neun Lebensstationen vor derjenigen von Wissenschaft und Lehre vor: Kindheit, Jugendjahre, Gesellen- und Wanderjahre, Militärdienst, Hochzeit, Bürgereid, Familienleben und Handel und eben Bauen. Der zehnten haben Sie, Herr Bauche und Herr Wiese, sich seit langem verschrieben und ich freue mich mit allen, dass Sie dafür Ihren wohlverdienten Dank in Empfang nehmen konnten.


  Impressum Letzte Änderung: 08 Mar 08 webmaster Seitenanfang