Logo der Universität Hamburg Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie 
  UHH  ›  FB Kulturgeschichte und Kulturkunde  ›  Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie   Suche  

(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)



Der Wandel der ländlichen Wohnverhältnisse im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert

Nils Kagel

Das Interesse an der Erforschung ländlicher Wohnverhältnisse im 19. und 20. Jahrhundert ist in den letzten Jahren erheblich gestiegen. Dies spiegelt sich nicht nur innerhalb der Forschung wider, sondern auch in der wachsenden Zahl von Museen, die sich in ihren Ausstellungen mit diesem Thema auseinandersetzen.
Im Zusammenwirken mit dem Freilichtmuseum am Kiekeberg, Museum des Landkreises Harburg arbeite ich derzeit an einem Dissertationsprojekt, das sich den sozialen und materiellen Aspekten des häuslichen Lebens um die Jahrhundertwende widmet. Erklärtes Ziel dieser Untersuchung ist die Unterstützung musealer Arbeit im Sinne einer fundierten Präsentation ländlicher Sachkultur.


Zum Forschungsstand - Volkskundliche Wohnforschung
Aus der traditionellen volkskundlichen Möbel- und Hausforschung ging in den siebziger und achtziger Jahren eine Wohnforschung hervor, die sich sowohl den Objekten als auch deren sozialem Hintergrund widmet. Im Vordergrund stehen heutzutage nicht nur funktionale Aspekte von Möbeln und Hausrat, sondern das Leben innerhalb des Hauses im weitesten Sinne. Mittlerweile ist deshalb auch die Zahl der auf Interviews und Befragung von Gewährsleuten basierenden empirischen Gegenwartsuntersuchungen relativ groß1. Auf der anderen Seite versucht man, sich anhand historisch-archivalischer Methoden der Wohnkultur vergangener Jahrhunderte zu nähern. Für den Zeitabschnitt des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts liegen bereits einige Arbeiten vor, wobei in Norddeutschland bisher nur einzelne Regionen untersucht werden konnten2. Zudem ist es nicht immer einfach, die Ergebnisse dieser Untersuchungen zu vergleichen, da die Größe des Untersuchungsraumes und die Art der verwendeten Schriftquellen teilweise stark differieren. Als besonders fruchtbar hat sich die Zusammenarbeit der Wohn- mit der Hausforschung erwiesen. Sind doch Um- und Neubauten von Häusern Indizien für einen Wandel der jeweiligen Wohnvorstellungen3.

Quellen - Archivalische Quellen
Die Volkskunde stützt sich bei der Erforschung historischer Wohnverhältnisse überwiegend auf Schriftquellen, die aus Archiven stammen. Recht häufig werden Inventare, Testamente und Nachlaßverzeichnisse verwendet, die sich aufgrund ihrer Informationsdichte besonders gut für die quantifizierende Auswertung mit Hilfe von EDV eignen. Hiermit lassen sich neben der Innenraumgestaltungen vor allen Dingen Innovations- und Diffusionsprozesse in der Sachkultur untersuchen4. Über den alltäglichen Lebensvollzug enthalten diese Quellen hingegen nur wenige Informationen. Auswertungen großer Inventarbestände haben beispielsweise bei der Erforschung der Wohnverhältnisse im Braunschweiger Land5 und in der Landschaft Stapelholm im nördlichen Schleswig-Holstein6 stattgefunden.
Für das Ende des 19. Jahrhunderts liegen vielerorts die Werkstattbücher, Rechnungen und Kataloge von Tischlern und industriellen Möbelherstellern vor. Hieraus läßt sich entnehmen welche Möbel in welcher Menge und Qualität an welchen Kunden geliefert wurde. Liegen darüber hinaus noch Informationen von Seiten der Käufer vor, lassen sich sehr konkrete Aussagen über Wohnausstattungen sowohl einzelner Personen als auch ganzer Regionen machen7.
Weniger »trocken« als die Inventare sind von Privat- oder Amtspersonen abgefaßte Berichte über Wohnverhältnisse, wie es sie insbesondere seit dem 18. Jahrhundert in großer Zahl gibt. Diese Berichte sind häufig in Visitations-, Gerichts- und Polizeiakten enthalten, zuweilen jedoch auch in persönlichen Aufzeichnungen, wie z.B. Tagebüchern oder Briefen8. Anhand von medizinalpolizeilicher Berichterstattung konnten bereits interessante Erkenntnisse im Hinblick auf die Wohnverhältnisse ländlicher Unterschichten im 19. Jahrhundert gewonnen werden9. Auch literarische Quellen können, wenngleich sie strenggenommen nicht zu den archivalischen Quellen gehören, wichtige Informationen zur ländlichen Wohnkultur liefern10. Im Gegensatz zu den Inventaren geben Berichte, gleich unter welchen Voraussetzungen und von wem sie verfaßt wurden, etwas vom alltäglichen Leben innerhalb des Hauses wider, beschreiben quasi die soziale Handlung »Wohnen«. Ihr Nachteil ist, daß ihre Objektivität von der Intention ihres Verfassers abhängt; eine ausführliche Quellenkritik ist also in diesem Fall besonders angebracht.
Häufig werden für Untersuchungen nur bestimmte Archivalien herangezogen. Hierdurch läßt sich der geographische Untersuchungsraum erheblich ausdehnen, und man gewinnt leichter Einblicke in überregionale Zusammenhänge. Da jedoch der Vergleich mit den Informationen aus anderen Quellen fehlt, ist es kaum möglich, alle Aspekte des häuslichen Lebens zu erfassen. Mir erscheint es deshalb sinnvoll, verschiedene, aus Archiven und Privatbesitz stammende Schriftquellen kombiniert zu analysieren. Diese Vorgehensweise hat sich bereits in anderem Zusammenhang bewährt11. Wichtig ist, daß der geographische Untersuchungsraum bei dieser Art von mikroanalytischer Untersuchung begrenzt bleibt, weil eine darüber hinausgehende Auswertung von Archivmaterial arbeitstechnisch kaum durchführbar wäre.

Andere Quellen
Als eine der wichtigsten Quellen zur Wohnkultur fungieren Sachzeugnisse. Konkret meint dies Möbel und Hausrat, die sich teilweise noch heute an ihrem ursprünglichen Standort im Haus befinden. Komplett erhaltene Möbelensembles sind jedoch selten. Zudem ist ihr Aussagewert ohne Hintergrundinformationen über Herstellungsort, Produzenten, Käufer, Kaufanlaß u.s.w nicht besonders groß12.
Zum Beleg der aus Schriftquellen gewonnenen Erkenntnisse wird desweiteren oftmals Bildmaterial, d.h. Gemälde und Fotos, herangezogen. Bereits Uwe Claassen wies jedoch darauf hin, daß besonders die Malerei des 19. Jahrhunderts dazu tendierte, weniger realitätsnahe Situationen als vielmehr imaginiertes Landleben darzustellen13. Weniger Möglichkeiten zur Manipulation bieten sich bei Fotografien; sie besitzen deshalb in der Regel eine höhere Objektivität. Allerdings ist auch bei Aufnahmen von Innenräumen, die es seit Anfang des 20. Jahrhunderts gibt, stets von einer begrenzten Auswahl bestimmter Motive oder gar einer Inszenierung auszugehen14.
Die Dokumentation und Auswertung von Bild- und Sachquellen würde für sich genommen schon genügend Stoff für eine oder mehrere Forschungsprojekte abwerfen. Wenn man seine Untersuchung auf archivalische Quellen stützt, ist daher lediglich ein Vergleich erstrebenswert, wobei den Bild- und Sachquellen sicherlich eine Art Kontrollfunktion zukommt.

Wohn- und Hausforschung im Landkreis Harburg
Seit der Übernahme des Freilichtmuseums am Kiekeberg durch den Landkreis Harburg im Jahre 1987 ist die soziale, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung der Region im 19. und 20. Jahrhundert ein Schwerpunkt der musealen Forschungsarbeit und Präsentation. Besonderes Augenmerk gilt dem Wandel im ländlichen Hausbau und Wohnen bis in die Gegenwart. Als regionalspezifischer Aspekt spielen dabei die kulturellen Beziehungen zwischen Marsch und Geest sowie Heide eine wichtige Rolle. Zuletzt wurde in Zusammenarbeit mit einer Reihe anderer deutscher Museen eine Wanderausstellung zum Thema »Ländliches Bauen zwischen 1870 und 1930« realisiert15.
Im Gegensatz zur Hausforschung, zeigt der Stand der Wohnforschung im Landkreis Harburg derzeit noch viele Lücken. Konnte der Bereich bäuerlicher Wohnkultur nach 1945 bereits ausreichend dokumentiert werden16, ist über die regionalen Wohnverhältnisse im 19. Jahrhundert, also in der Zeit des »Biedermeiers« und des »Historismus«, noch verhältnismäßig wenig bekannt.

Allgemeine Ergebnisse der Wohnforschung. Grundtendenzen der Entwicklung ländlichen Wohnens im 19. und 20. Jahrhundert
Bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts veränderten sich die traditionellen Wohnweisen auf dem Lande kaum. In großen Teilen des norddeutschen Raumes herrschte noch immer der Haustyp des Niederdeutschen Hallenhauses vor. Die Häuser dieses Typs vereinigten Wohn- und Wirtschaftsfunktionen unter einem Dach, wobei Stall- und Wohnbereich kaum voneinander getrennt waren. Einen Schornstein besaßen die wenigstens Häuser, weshalb es sich in der Regel um sogenannte »Rauchhäuser« handelte. Die Raumstruktur des Niederdeutschen Hallenhauses brachte es mit sich, daß Staub, Dreck und Gerüche aus dem Wirtschaftsbereich relativ ungehindert in den Wohnteil gelangen konnten. Der frei durch das Haus ziehende Rauch verrußte die Einrichtung und führte bei den Bewohnern zu Reizungen der Atemwege und Augen. Darüber hinaus waren Türen- und Fensteröffnungen nur ungenügend abgedichtet, was ein zugiges und kühles Hausklima hervorrief17.
Mit der Agrarreform und der Einführung neuer landwirtschaftlicher Geräte und Anbaumethoden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen sich die Anforderungen an den ländlichen Hausbau zu verändern. Das erhöhte Ernteaufkommen und die neuen Maschinen verlangten mehr Platz. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelten sich in manchen Gegenden neue Haustypen, wie beispielsweise das ostfriesische »Gulfhaus«. Andernorts wurden Gebäude umgebaut und vergrößert.
Diese Entwicklung wurde durch die rasche Industrialisierung nach 1870 noch beschleunigt. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung veränderten sich auch die Wohnvorstellungen. Bürgerliche Normen und Werte wurden in die ländliche Wohnkultur übernommen. Die alten Hallenhäuser wurden, sofern sie nicht abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt wurden, in ihrer Raumaufteilung grundlegend verändert. Wohn- und Wirtschaftsteil wurden innerhalb des Hauses durch eine Wand abgetrennt. Zwischen Stall- und Kammerfach schob sich Küche und Flur als eine Art Puffer. Staatliche Brandschutzbestimmungen bewirkten, daß Schornsteine eingebaut wurden. Statt des offenen Herdfeuers setzte sich zunehmend der mehrflammige, eiserne »Sparherd« durch. Andere Räume konnten jetzt dezentral mit Öfen geheizt werden. Der Wohnteil wurde oftmals vergrößert. Neue Räume mit unterschiedlichen Funktionen kamen hinzu. Neben der Stube gab es nun eigene Schlafkammern. Die Stampflehmböden wurden im Stallteil gerne durch eine Pflasterung oder durch Beton ersetzt. Küche und Flur wurden mit Fliesen oder den modischen Terrazzoböden versehen. Die Häuser wurden mit Möbeln aus industrieller Produktion ausgestattet, die man häufig von städtischen Anbietern per Katalog bezog. Auch die technische Ausstattung der Haushalte wurde durch neue Geräte, wie beispielsweise die Nähmaschine, bereichert.

Dieser Trend führte zu einer immer strikteren Trennung von Arbeiten und Wohnen. Der »Dreck« und Geruch aus dem Stall sollte nicht mehr in den Wohnbereich gelangen, weil dieser jetzt zunehmend Repräsentationsfunktionen inne hatte. Am konsequentesten wurde das Prinzip der räumlichen Differenzierung in den Neubauten der »Gründerzeit« umgesetzt. Die neuen Raumstrukturen und -funktionen brachten auch Veränderungen im Wohnverhalten mit sich. Altenteiler, Gesinde und zuweilen auch die Kinder wurden schrittweise räumlich abgesondert. Die Privatsphäre des einzelnen bekam gegenüber der Hausgemeinschaft ein höheres Gewicht18. Insgesamt gesehen glichen sich die Wohnvorstellungen in den verschiedenen Regionen Deutschlands mehr und mehr an, obwohl durch die Anpassung an die örtlichen Gegebenheiten durchaus regionale Identifikationsmerkmale geschaffen wurden19.
Die modernen Wohnräume mit ihrer aufwendigen Ausstattung bedurften einer intensiven Pflege. Darüber hinaus ermöglichten die neuen Kochherde und die steigende Vielfalt an Lebensmitteln kompliziertere Gerichte, für deren Zubereitung in der Regel mehr Zeit gebraucht wurde. Da die Haushaltsführung nach damaligem Verständnis in den Aufgabenbereich der Hausfrau und des weiblichen Gesindes fiel, mußten diese vermehrt innerhäusliche Tätigkeiten verrichten20.

Einflußfaktoren für die Entwicklung der ländlichen Wohnkultur im Landkreis Harburg
Die Entwicklung im Landkreis Harburg verlief ähnlich wie in anderen Gegenden Deutschlands. Die Industrialisierung wirkte sich in besonderem Maße auf die Bevölkerungsentwicklung und das Bauwesen aus. Hierbei sind freilich regionale Unterschiede zwischen Marsch und Geest festzustellen. Die technischen Neuerungen und die verbesserte Infrastruktur bescherten vor allen Dingen der Heideregion einen wirtschaftlichen Aufschwung, der sich in einem rasanten Bevölkerungswachstum und einer wachsenden Baukonjunktur äußerte. In der Marsch verlief die Entwicklung nicht ganz so geschwind. Viele Kleinbauern kamen aufgrund ihrer relativ geringen Anbauflächen sogar in wirtschaftliche Schwierigkeiten, was zu zahlreichen Hofverkäufen um die Jahrhundertwende führte. Dieser Umstand wirft die Frage auf, inwiefern sich diese Veränderungen im ökonomischen Sektor auf die regionale Wohnkultur auswirkten. Hinzu kommt, daß sowohl in der Marsch als auch auf der Geest in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Anteil der nicht in der Landwirtschaft Tätigen an der Bevölkerung erheblich wuchs. Handwerker, Händler und Arbeiter ließen sich oftmals Häuser bauen, die nicht primär landwirtschaftlichen Zwecken dienten21. Bei der wachsenden Vielzahl an Gebäudetypen ist davon auszugehen, daß auch verschiedene neue Wohnformen entwickelt wurden. Dieser Zusammenhang ist allerdings bisher noch nicht umfassend untersucht worden; erste Ergebnisse bei der Erforschung der kleinbäuerlichen Wohnkultur ermöglichten es jedoch, sich im Zuge einer Ausstellung mit dieser Frage auseinanderzusetzen.

Wohnwelten des ausgehenden 19. Jahrhunderts im Museum - Das Projekt »Fischerhaus«
In mehreren norddeutschen Museen setzte man sich bereits mit der Wohnkultur des 19. Jahrhunderts und ihrer Präsentation im Museum auseinander22. Dabei wurde und wird niemals der Anspruch erhoben, die Realität vergangener Tage zu reproduzieren. Jede museale Präsentation ist nur als eine Annäherung an die historische Wirklichkeit zu verstehen.
Zu Beginn des Jahres 1999 wurde mir seitens der Leitung des Freilichtmuseums am Kiekeberg die Aufgabe übertragen, ein Ausstellungskonzept für ein Gebäude auf dem Museumsgelände zu erstellen. Bei der Ausarbeitung des Konzepts erwiesen sich eine Reihe von bereits gewonnenen Erkenntnissen in Bezug auf die ländlichen Wohn- und Wirtschaftweisen im Landkreis Harburg als sehr hilfreich. Bei dem einzurichtenden Gebäude handelte es sich um das sogenannte »Fischerhaus«, ein typisches kleinbäuerliches Anwesen des 18. Jahrhunderts aus der Winser Elbmarsch, das bereits 1994 aus Drage in das Freilichtmuseum transloziert worden war. Da der Bauzustand des ausgehenden 19. Jahrhunderts sehr gut dokumentiert war, fiel die Entscheidung, diesen Zeitschnitt für eine Präsentation zu wählen. Darüber hinaus sollte sich ein Teil der Ausstellung der Fischerei, einem ehemals wichtigen Erwerbszweig in der Marsch, widmen. Die größten Schwierigkeiten bei der Umsetzung des Konzepts lagen darin begründet, daß von der historischen Wohnausstattung des Hauses so gut wie nichts erhalten war. Es mußten daher Einrichtungen aus größeren oder moderneren Gebäuden als Vorbild dienen. Dieser Umstand verlieh dem Projekt in gewissem Maße auch einen experimentellen Charakter.
Das »Fischerhaus« ist vom Typ her eine stark verkleinerte Version des niederdeutschen Fachhallenhauses, in dem vor allen Dingen Häuslinge, Handwerker, Tagelöhner und Fischer wohnten. Es besteht aus einer kleinen, nicht befahrbaren Diele, dem Stallteil in der östlichen Kübbung und einer nachträglich eingebauten Kammer in der westlichen Kübbung. An das schmale Flett schließt sich ein Kammerfach mit drei Räumen und einem Alkoven an. Die Kammern sind allesamt ausgemalt und mit Dielenfußböden versehen. Unter dem östlichen Teil des Kammerfaches befindet sich ein nachträglich eingebauter Keller. Der Dachraum ist relativ klein und nicht unterteilt.
Bei der Umsetzung des Ausstellungskonzeptes blieben der Stallteil, der bereits zu Beginn des Jahrhunderts einen Betonboden besaß, und die Diele größtenteils unverändert. An der Dielendecke wurde eine Flügelreuse aufgespannt. Außerdem wurden über der Kammer in der westlichen Kübbung verschiedene andere Fischereigeräte sichtbar deponiert. In der Kammer selber wurde eine Werkstattsituation inszeniert, anhand der die Reparatur und Pflege von Fischereigeräten veranschaulicht werden soll. Eine Informationstafel in Form eines Ringbuches dient dabei der Orientierung und Vermittlung von Hintergrundwissen. Bei der Präsentation der Fischereigeräte wurde zu Gunsten der Anschaulichkeit darauf verzichtet, sie in den Trockenboden über der Diele zu hängen. Dies würde zwar eher der historischen Situation entsprechen, die Geräte wären jedoch lediglich durch eine schmale Luke in der Dielendecke sichtbar.
Das Flett repräsentiert die Entwicklung des Küchenbereichs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Statt eines offenen Herdfeuers gibt es bereits einen geschlossenen Ofen mit Schornsteinabzug, der beim »Umzug« des Hauses im Originalzustand belassen wurde. An den Schornstein sind ein fest eingebauter Waschkessel und ein eiserner Herd angeschlossen. Während der Kessel sicher zu rekonstruieren war, wurde der Herd nach Vorbildern aus anderen Gebäuden aufgestellt. Die Möbelierung des Fletts besteht neben einem Eßtisch aus mehreren Stühlen, einer Truhe, einem Küchenschrank und einem Waschtisch. Zeitgenössische Küchenaccessoires und Petroleumlampen ergänzen die Ausstattung. In der Ausstellungskonzeption war zunächst die Abtrennung des Fletts von der Diele und dem Stallbereich geplant. Dies sollte mit Hilfe von Schränken geschehen, zwischen denen nur ein türbreiter Durchlaß verblieben wäre. Als Vorbild für diese improvisierte Wand dienten vor allen Dingen aus der Elbmarsch stammende Fotos. Da jedoch die Diele in Zukunft für museumspädagogische Veranstaltungen genutzt werden soll, mußte leider auf diese eindrucksvolle Umbaukomponente verzichtet werden.
Im Kammerfach wurden sämtliche Fenster mit Gardinen und Zimmerpflanzen ausgestattet. Die Stube bekam eine (stark reduzierte) gründerzeitliche Möbelausstattung im Stil des Historismus und des frühen Jugendstils. Die Wände wurden dem Zeitgeschmack entsprechend mit Fotografien, religiösen Sprüchen, Urkunden und einer Uhr geschmückt. Da die Elektrifizierung der ländlichen Haushalte im Landkreis Harburg erst in den Jahren ab 1910 erfolgte, wurden sowohl die Stube als auch die anderen Räume des Hauses lediglich mit Petroleumlampen bzw. Kerzen versehen. Als Gegenstück zum in die Stubenwand eingebauten Alkoven wurde im östlichen Raum des Kammerfaches ein modernes, gründerzeitliches Schlafzimmer mit frei stehendem Bett, Nachtisch, Stuhl, Spiegel und Toilettenutensilien eingerichtet. In der mittleren Kammer, deren Platzangebot nicht für die Aufstellung eines Bettes ausreichte, wurden eine Truhe und ein Kleiderschrank aufgestellt, so daß eine Art »Wäschekammer« entstand.
Der Keller, der durch eine schmale Treppe vom Flett aus zu erreichen ist, wurde als Vorratsraum und Erntebergungsraum mit einer »Kartoffelkiste«, einem Regal für Weckgläser, einem Pökelfaß und Flaschenkästen hergerichtet. Diese Zusammenstellung von Aufbewahrungsbehältnissen soll vor allen Dingen auf die verschiedenen Möglichkeiten der Lebensmittelkonservierung am Ende des 19. Jahrhunderts hinweisen.
Sowohl im Flett als auch im Kammerfach wurden mehrere Informationssäulen aufgestellt, die auf das Haus und seine Einrichtung eingehen. Das »Fischerhaus« veranschaulicht somit, trotz mancher »Improvisation«, recht gut den Wandel der bäuerlichen Wohnvorstellungen um die Jahrhundertwende.
Letztendlich hat das Ausstellungsprojekt »Fischerhaus« gezeigt, daß noch zahlreiche Unklarheiten in Bezug auf die historische Sachkultur der ländlichen Unterschichten bestehen. Immerhin war es mir möglich, erste wissenschaftliche Erkenntnisse aus meinem Dissertationsprojekt in die museale Präsentation einfließen zu lassen. In Zukunft wird jedoch eine tiefergehende Beschäftigung mit dem Thema »ländliche Wohnkultur des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts im Landkreis Harburg« erforderlich sein. In den nächsten zwei Jahren ist deshalb eine Erfassung und Auswertung möglichst vieler relevanter Quellen geplant. Über weitere Hinweise und Anregungen bezüglich des Themas würde ich mich daher sehr freuen.

Literatur
Konrad Bedal:
Historische Hausforschung. Eine Einführung in Arbeitsweise, Begriffe und Literatur. 2.Aufl., Bad Windsheim 1993.
Uwe Claassen: Fischernetz, Tracht und Bauernstube. Imaginiertes Landleben in norddeutscher Malerei des 19. Jahrhunderts. Neumünster 1996 (Studien zur Volkskunde und Kulturgeschichte Schleswig-Holsteins, 33).
Geerd Dahms: Die Voraussetzungen für den Wandel des ländlichen Bauens. In: Dahms, Wiese, Wiese 1999, S.105-114.
Geerd Dahms, Gisela Wiese, Rolf Wiese (Hg.): Stein auf Stein. Ländliches Bauen zwischen 1870 und 1930. Rosengarten-Ehestorf 1999 (Arbeit und Leben auf dem Lande, 6).
Jens Flemming: Marsch und Geest. Struktur und Entwicklung der Landwirtschaft. Der Landkreis Harburg 1918 - 1945. Hamburg 1994, S.42-46 (Gesellschaft und Politik in Demokratie und nationalsozialistischer Diktatur, hrsg.v Dirk Stegmann, Schriften zur Volkskunde und Geschichte des Landkreises Harburg, 4).
Martina Forkel: Wohnen im Stil des Historismus. Cloppenburg 1996.
Oliver Fok: Quellen für die Hausforschung. Bauaktenarchiv des Freilichtmuseums am Kiekeberg. In: Dahms, Wiese, Wiese 1999, S.11-16.
Volker Gläntzer: Ländliches Wohnen vor der Industrialisierung. Münster 1980.
Sabine Hacke-Reuter: Die Stube im westfälischen Bauernhaus. Münster 1987 (Beiträge zur Volkskultur Nordwestdeutschlands, 50).
Hedwig Hangen: To min Kinnertied. Zum Wandel ländlicher Wohn- und Lebensbedingungen von Kindern im 20. Jahrhundert. Untersuchungen in einem ostfriesischen Dorf. Leer 1981.
Magret Hansen: Formen bäuerlichen Wohnens in der Gegenwart. Dargestellt an Beispielen im Landkreis Harburg. Münster/New York/München/Berlin 1998 (Schriften des Freilichtmuseums am Kiekeberg, 30).
Nils Hansen: In jedem Dorf zu finden. Gründerzeithäuser im ländlichen Schleswig-Holstein. In: Dahms, Wiese, Wiese 1999, S.249-268.
Nils Kagel: Elbfischerei im Landkreis Harburg. Folgen der preußischen Gesetzgebung am Ende des 19. Jahrhunderts für Wirtschafts- uns Lebensweise. Unveröff. Manuskript (Magisterarbeit), Hamburg 1998.
Bernhard Klocke: Häuser und Mobiliar in einem westfälischen Dorf. Löwendorf Kr. Höxter 1920 - 1977. Münster 1980 (Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland, 20).
Karl-S. Kramer, Ulrich Wilkens: Volksleben in einem holsteinischen Gutsbezirk. Eine Untersuchung aufgrund archivalischer Quellen. Neumünster 1979 (Studien zur Volkskunde und Kulturgeschichte Schleswig-Holsteins, 4)
Hildegard Mannheims: Wie wird ein Inventar erstellt? Rechtskommentare als Quelle der Volkskundlichen Forschung. Münster 1991 (Beiträge zur Volkskultur Nordwestdeutschlands, 72).
Hildegard Mannheims: Stapelholmer Möbel zwischen 1759 und 1866. In: Die Bauernhäuser der Landschaft Stapelholm. Archivalische Studien. Bd.1, Neumünster 1997, S.55-332 (Studien zur Volkskunde und Kulturgeschichte Schleswig-Holsteins, 34).
Ruth E. Mohrmann: Alltagswelt im Land Braunschweig. Städtische und ländliche Wohnkultur vom 16. bis zum frühen 20. Jahrhundert. Münster 1990 (Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland, 56).
Holger Reimers: Umbauen: anbauen, austauschen, aufstocken, erneuern, erweitern, reparieren, umdecken, verblenden ... . In: Dahms, Wiese, Wiese 1999, S.339-352.
Frank Schlichting: Haus und Wohnen in Schleswig-Holstein. Literarische Zeugnisse des 18. und 19. Jahrhundert. Neumünster 1985 (Studien zur Volkskunde und Kulturgeschichte Schleswig-Holsteins, 15).
Gudrun B. Sievers: Bauernstuben im Museum und historische Wirklichkeit. Ländliches Wohnen im Dithmarschen des 19. Jahrhunderts und seine Präsentation in kulturhistorischen Museen Norddeutschlands. München 1980.
Kai Detlev Sievers: Wohnverhältnisse ländlicher Unterschichten in Schleswig-Holstein im Spiegel medizinalpolizeilicher Berichterstattung (1865-1894). In: Wandel der Volkskultur in Europa. Hrsg.v. Nils Arvid Bringéus u.a. Münster 1988, S.585-600 (Beiträge zur Volkskultur Nordwestdeutschlands, 60).
Hans Jürgen Teuteberg, Clemens Wischermann: Wohnalltag in Deutschland 1850-1914. Bilder, Daten, Dokumente. Münster 1985 (Studien zur Geschichte des Alltags, 3)



1 Vgl. u.a. Klocke 1980; Hangen 1981; Hacke-Reuter 1987; Hansen 1998.

2 Siehe Sievers 1988; Mohrmann 1990; Forkel 1996.

3 Hansen 1999, S.254ff; Reimers 1999, S.339ff.

4 Mannheims 1991.

5 Mohrmann 1990.

6 Mannheims 1997.

7 Forkel 1996, S.40ff.

8 Siehe u.a Teuteberg, Wischermann 1985.

9 Sievers 1988.

10 Schlichting 1985.

11 Siehe etwa Kramer, Wilkens 1977; Kagel 1998.

12 Forkel 1996, S.37.

13 Claassen 1996.

14 Forkel 1996, S.44ff; Fok 1999, S.11.

15 Dahms, Wiese 1999.

16 Hansen 1998.

17 Gläntzer 1980, S.55ff; Hansen 1999, S.254.

18 Bedal 1993, S.87.

19 Hansen 1998, S.87ff; Hansen 1999, S. 254ff; Forkel 1996, S. 20ff.

20 Hansen 1999, S.262f.

21 Flemming 1994, S.43; Dahms 1999, S.111f.

22 Siehe u.a. Sievers 1980, Forkel 1996

  Impressum Letzte Änderung: 08 Mar 08 webmaster Seitenanfang