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(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)



Bücher Herbst


Norbert Fischer:

Vom Gottesacker zum Krematorium - Eine Sozialgeschichte der Friedhöfe in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert (Online-Version)
Seit kurzem ist die - als Buch inzwischen vergriffene - Dissertation von Norbert Fischer zur Friedhofsgeschichte über den Dokumentenserver der Universität Hamburg aus dem Internet abrufbar.
Die Dissertation zielt konzeptionell auf eine Verknüpfung von Kultur- und Sozialgeschichte. Sie will die gesellschaftlichen Strukturen einer Kultur des Todes sichtbar machen, indem Friedhofsarchitektur, Krematorien, Grabdenkmäler und -anlagen als deren materialisierter Ausdruck analysiert werden. Sie berichten über den Umgang mit den Toten und über die vielfältigen Varianten einer Trauerkultur, deren Muster in fließender Wechselwirkung zum gesellschaftlichen Kontext stehen.
Friedhöfe sind die zentralen Orte des Todes. In den deutschen Städten begann im späten 18. Jahrhundert der Versuch, eine spezifische Rationalität auf den Friedhöfen durchzusetzen. Es war der Versuch einer »Entzauberung des Todes«. Zugleich wurden die Friedhöfe mit ihren immer prachtvolleren Grabdenkmälern zu repräsentativen Orten von Bürgerlichkeit - Vernunft und Gefühl gingen eine spannungsreiche Ehe ein. Die Natur verlieh dem Tod spätestens dann ihr stimmungsvolles Kleid, als Friedhöfe zu landschaftlichen »Gesamtkunstwerken« modelliert wurden. Deren weltflüchtige Ästhetik wiederum wurde von der sogenannten Friedhofsreform des 20. Jahrhunderts verworfen. Mehr noch als diese zeugt der Bau von Krematorien und die Einführung der modernen Feuerbestattung von jener Entzauberung des Todes, deren Spuren wir in der heutigen anonymen Aschenbeisetzung, aber auch in den Krematorien der NS-Konzentrationslager wiederfinden.
Volltext unter http://www.sub.uni-hamburg.de/disse/37/inhalt.html
Abstract unter http://www.sub.uni-hamburg.de/disse/37/Schluß.pdf


Gröwer, Karin:
Wilde Ehen im 19. Jahrhundert. Die Unterschichten zwischen städtischer Bevölkerungspolitik und polizeilicher Repression. Hamburg - Bremen - Lübeck. Berlin/Hamburg 1999 (=Lebensformen, 13), 560 S., 3 Faltkarten, DM 78,-, ISBN 3-496-02677-4.
Wilde Ehen waren bereits im vergangenen Jahrhundert unter der städtischen Bevölkerung eine alltägliche Erscheinung. Im Gegensatz zu heute entsprangen sie jedoch keineswegs einem selbstgewählten Lebensentwurf, sondern resultierten meist aus einer eklatanten Notlage. Umfangreiches Archivmaterial und zahlreiche Fallstudien belegen, unter welchen Zwängen diese damals illegalen Paare standen und wie sie ihre Bedürfnisse nach familiärer Gemeinsamkeit zu verwirklichen suchten.
Die Autorin untersucht die staatliche Ehebeschränkungspolitik im 19. Jahrhundert und ihre Auswirkungen auf den Lebensalltag unterer Schichten. Als Angelpunkt erweist sich dabei das städtische Armenwesen mit seinen finanziellen Notwendigkeiten: Sein Einfluß auf die Bevölkerungspolitik führte zur bewußten Instrumentalisierung des Bürgerrechts zur Eheverhinderung bei der einfachen Bevölkerung. Die von den Betroffenen als Ausweichmöglichkeit genutzte Lebensform der wilden Ehe wurde vom Staat zunehmend kriminalisiert. Dies war jedoch nicht Ausdruck einer moralischen Disziplinierungspolitik, sondern durch ganz pragmatische Motive der Polizeibehörden bestimmt.
Karin Gröwer untersucht den Lebensalltag der illegalen Paare in seinen Zwängen, Motiven und Handlungsspielräumen. Die überraschend große Verbreitung und die Einbindung in soziale Beziehungsnetze zeigt, daß die wilde Ehe von den städtischen Unterschichten mit kollektiver Akzeptanz, aktiver Ausgestaltung und dauerhaften Einstellungsveränderungen zu einer eigenen Lebensweise entwickelt worden ist. Daß diese Erfahrungen für große Teile der Stadtbevölkerung im 19. Jahrhundert abseits der bürgerlichen Leitbilder die Realität von Familie prägten, wirft für die historische Familien- und Illegitimitätsforschung viele neue Fragen auf.


Hengartner, Thomas / Merki, Christoph Maria (Hg.):
Genussmittel. Ein kulturgeschichtliches Handbuch. Frankfurt a.M. 1999, 292 S., DM 48,-, ISBN: 3-593-36337-2.
Kaffee, Tabak, Zucker, Kakao - dieses Buch bietet erstmalig einen Überblick über die Geschichte der wichtigsten Genussmittel unseres Kulturkreises. Diese klassischen "Kolonialwaren", aber auch alkoholische Getränke wie Bier oder Wein, haben die Geschichte unserer Kultur in mancherlei Hinsicht mitgeschrieben: Sie sind Luxusgüter und Massenkonsumartikel, Nahrung für den Körper und Geist und Mittel sozialer Unterscheidung.
Sie prägten die Landwirtschaft und machten als Welthandelsgüter bereits vor der industriellen Revolution internationale Politik. Das Handbuch bereitet das bisher verstreute Wissen systematisch auf und macht mit den vielfältigen Bedeutungen der alltäglichen Genüsse vertraut.


Müller, Renate:
Ideal und Leidenschaft. Sexuelle Sozialisation der akademischen Jugend im Biedermeier. Berlin/Hamburg 1999 (=Lebensformen, 14), 440 S., DM 58,-, ISBN 3-496-02678-2.
Idealisierung und Leidenschaft mischen sich gleichermaßen in die sexuelle Sozialisation von Schülern und Studenten im Biedermeier. Warum entwickeln die jugendlichen Akademiker dieser Zeit eine schwärmerische Liebe, die Jahre anhalten konnte, neben kurzen Liebschaften ? Weshalb gehen sie schließlich eine Verbindung mit einer kindlichen Verlobten ein, die ihnen allein schon wegen des Altersunterschiedes unterlegen sein mußte ? Die Autorin liefert mit ihrer Arbeit einen Beitrag zur Sozialisations- und Geschlechtergeschichte.
Das Bildungsbürgertum war im Biedermeier in mancherlei Hinsicht Vorreiter. So hatte sich die »Liebesheirat « hier weitgehend durchgesetzt. Ehen sollten nicht mehr arrangiert werden, die Mitgift nicht mehr im Vordergrund stehen. Zwar besaßen Ehemann und Vater nach wie vor absolute Autorität in der Familie, doch mischten sich in die bürgerlichen Ehen im Biedermeier auch partnerschaftliche Elemente.
Die Autorin geht der Frage nach, wie sich die jungen Bürgersöhne zu liebenden, autoritären oder auch freundschaftlichen Ehepartern entwickelten. Als Quelle dienen Autobiographien, Tagebücher und Briefe. Zur Ergänzung wurden auch Benimmbücher, Studentenratgeber, Erziehungslehren, belletristische Werke und Polizeiakten herangezogen.

Susanne Regener:
Fotografische Erfassung. Zur Geschichte medialer Konstruktionen des Kriminellen. München 1999. 356 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. DM 78,-, ISBN 3-7705-3432-88.
Mit dem Medium Fotografie werden seit der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht nur die schönen, bedeutenden und respektablen Menschen porträtiert - sondern auch Kriminelle. Die Fotografien, die die Polizei von diesen Menschen bei ihrer Festnahme oder im Gefängnis herstellte, haben eine eigene Geschichte. In dieser Studie wird erstmalig - mit umfangreichem Quellenmaterial aus Europa - die Entwicklung der Polizei- und gerichtlichen Fotografie dargestellt.
Die »Fotografische Erfassung« im Polizeiarchiv, die der Identifizierung und Fahndung dient, wird in der Folge auch für wissenschaftliche Zugriffe nutzbar gemacht. »Fotografische Erfassung« meint auch dies: Fotografien und Daten werden in andere Kontexte überführt; sie werden Gegenstände von anthropologischen, biologischen, medizinischen und kriminologischen Untersuchungen. In fachspezifischen Archiven und Museen werden sie klassifiziert und Deutungsprozessen unterworfen. Im wissenschaftlichen Schmelztiegel der Kriminologie werden die Physiognomien und Körperbilder der Kriminellen interpretiert und Tätertypen definiert. Welche Vorstellungen vom Bösen, vom Anderen, vom Verbrecher werden uns hier überliefert ? Kriminalität, Devianz, Anormalität - an diese Begriffe knüpfen sich Bildentwürfe, die zur Gesichterordnung in unserer Kultur beigetragen haben.
Anhand zahlreicher Bild- und Textquellen werden die zeitgenössischen Deutungsmuster rekonstruiert und die bewußtseins- und kulturprägenden Wirkungen der Bilder dargelegt. Diese kulturwissenschaftliche Studie umfaßt den Zeitraum von 1840 bis 1945. Damit ist die Wahrnehmungsgeschichte nicht abgeschlossen. Noch heute beschäftigen uns die historisch vorgeformten Bilder in den populären Medien.


Schröder, Hans Joachim (Hg.):
Max Landowski, Landarbeiter. Ein Leben zwischen Westpreußen und Schleswig-Holstein. Unter Mitarbeit von Maria Akingunsade, Markus Denkhaus, Ingrid Klaschinsky, Inga Nevermann, Thies Völker. Berlin/Hamburg, voraussichtliches Erscheinungsdatum Frühjahr 2000 (=Lebensformen, Bd.15), 294 S., Abb., ca. DM 48,-.
Im Sommersemester 1994 und im Wintersemester 1994/95 führte Hans Joachim Schröder am Institut für Volkskunde der Universität Hamburg zwei Lehrveranstaltungen durch zum Thema »Das Leben eines Landarbeiters. Ein Editionsprojekt«1. Gemeinsam mit fünf Studentinnen und Studenten wurde eine »Materialbasis« aus mehr als sechzehn Stunden narrativ-biographischen Interviews in einen zuverlässigen und zugleich gut lesbaren Quellentext verwandelt.
In der Lebensgeschichte des Landarbeiters Max Landowski spiegeln sich mit Schilderungen zur NS-Zeit, zum Zweiten Weltkrieg, zur Flucht aus Ostdeutschland und zur ersten Nachkriegszeit die millionenfachen Erfahrungen ganzer Generationen. Darüber hinaus werden mit der Beschreibung der Entwicklungen in der Landwirtschaft die Besonderheiten eines Lebens auf Gutsbetrieben sichtbar. In spannenden, »lebendigen« Erzählungen, die aus umfangreichen, sorgfältig dokumentierten Interviewgesprächen hervorgegangen sind, wird eine Zeitspanne vom Ende der zwanziger bis zur Mitte der neunziger Jahre rekapituliert. Landowski, 1920 geboren, wächst in Westpreußen unter spätfeudalen, von Großgrundbesitzern geprägten Verhältnissen auf. Als Neunzehnjähriger gerät er in den Zweiten Weltkrieg und macht an der Ostfront die schlimmsten Erfahrungen seines Lebens. Er wird verwundet, arbeitet in Rüstungsbetrieben, flieht nach Schleswig-Holstein und erlebt dort kurz vor Kriegsende einen schweren Bombenangriff. Nach 1945 engagiert er sich aktiv in der Gewerkschaft; in zahlreichen Nebentätigkeiten setzt er sich zusätzlich für die Belange der Arbeitnehmer ein. Zeitlebens, bis zur Rente, bleibt er Landarbeiter. Er wird Zeuge der revolutionären Technisierung in der Landwirtschaft, die mit einem dramatischen Schwund von Arbeitsplätzen einhergeht. Der Beruf des Landarbeiters stirbt aus.
Der Biographie Landowskis kommt in vielerlei Hinsicht exemplarische Bedeutung zu. In einem umfangreichen Anmerkungsteil sowie in einem ausführlichen Nachwort werden entscheidende Schritte zur wissenschaftlichen Auswertung der Lebensgeschichte unternommen.


1

Vgl. Markus Denkhaus: Max Landowksi - Eine Lebensgeschichte als Editionsprojekt. In: Hamburger Platt 4, 1994, H.2, S.19-23.

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