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Berichte aus der Volkskunde
Hamburger Gesellschaft für Volkskunde
Die Hamburger Gesellschaft für Volkskunde (HGV) hat mittlerweile ihren Marsch durch dieInstitutionen glücklich überstanden und kann sich jetzt voll ihren eigentlichenAktivitäten widmen. Bereits im Herbst/Winter haben sich zahlreiche Mitlieder zu unserenVeranstaltungen zusammengefunden. Neben der angeregten Podiumsdiskussion am 30.11.1998(mit Gerhard Lutz, Albrecht Lehmann, Susanne Limmroth-Kranz und Wolf-Dieter Könenkamp)waren dies zwei Vorträge und ein Filmabend. Um die dort vorgebrachten Inhalte auch einemweiteren Kreis zugänglich zu machen, werden wir jetzt und auch in Zukunft die Abstractszu den Veranstaltungen im Vokus sowie auf unserer Homepage veröffentlichen.Johanna Rolshoven (Vortrag vom Freitag, den 18.12. 1998)
Der Rausch.
Kulturwissenschaftliche Blicke auf die Normalität
Ausgangspunkt des Vortrages war die diskursive Pathologisierung derTrunkenheit in unserer Gesellschaft, an der sich die Medizin als neue bürgerliche»Naturwissenschaft« seit dem 19. Jahrhundert maßgeblich beteiligt hat. Bestimmtegesellschaftliche Gruppen: Unterschichtsangehörige, Frauen und Jugendliche waren (undsind) von der Verunglimpfung besonders betroffen. Der Diskurs über das Trinken so diezentrale Annahme übersetzt herrschende Werte und Organisationsprinzipien in einerGesellschaft; im Fall der unseren ist es namentlich die Angst vor Unordnung. In derkulturwissenschaftlichen Analyse von Rauschverhalten und Rauschbewertung ist zum einen diegeschichtliche Fundierung unentbehrlich. Am Beispiel des Weinkonsums kann die historischeBedingtheit modernen Rauschempfindens aufgezeigt werden. Zum anderen veranschaulichenethnologische Ansätze die Kulturbedingtheit des Phänomens: sowohl das reale Verhalten imZustand der Trunkenheit als auch seine individuelle und gesellschaftliche Bewertungunterscheiden sich in Abhängigkeit vom kulturellen Kontext sowie von Geschlecht, Statusund Alter der »Betroffenen«. Beide methodisch-theoretischen Herangehensweisen widerlegendie in unserer Gesellschaft herrschende Annahme von der physiologischen Determiniertheitder Auswirkungen von Alkoholkonsum.
Johanna RolshovenBeatrice Tobler (Vortrag vom Mittwoch, 3.2.1999)
Live dabei im Netz. Blicken und Angeblickt-Werden im Internet. EineAnleitung zum Surfen.1
Live Kameras im Internet, auch Web Cams genannt, stellen eine neue Form von Bildern in undvon unserem Alltag dar. Wenn wir von Bildern reden, haben wir es meist mit einerdreifachen Realität zu tun: Da ist erstens die Realität des Bildes selbst, das heisst,seine Materialität und Beschaffenheit, zweitens eine sich dahinter befindende Realität,auf welche das Bild verweist und drittens die Realität der betrachtenden Person, welchein ihrer Wahrnehmung dem Bild eine Bedeutung gibt.
- Die Realität hinter den Bildern: Web Cams können Verschiedenes zeigen: private Personen in Innenräumen, Landschaften und Aussenräume oder öffentliche Räume, Gebäude und Plätze.
Webcam-Suchmaschine: http://www.earthcam.com
Blick auf den Hamburger Hafen: http://www.stern.de/ webguide/webcam/weltreise/europa/deutschland_ham burg.html/
Die einen sind rein informativ, geben z.B. Auskunft über das Wetter, die anderen erlauben einen voyeuristischen Blick auf Privatpersonen.
Die Inhalte der privaten Kameras sind geschlechtsspezifisch: Bei Seiten von Frauen ist die Erotik immer mitgedacht. Männer sind ihrer Selbstdarstellung nüchterner, oft auch langweiliger, was bisweilen schon die Titel ihrer Sites verraten. Sexualität ist auf Männerseiten kein Thema, es sei denn sie sind schwul.
Jenny Cam: http://www.jennycam.org
Ana Cam: http://www.anacam.com
Boring Guys Webcam: http://www.boringguys.com/
Ned's Annoying Homepage: A Normal Guy And His Dog: http://www.users.fast.net/~nedward/cam.htm
- Der voyeuristische Blick: Entsprechend den Inhalten ist auch der Blick geschlechtsspezifisch. Die Richtung des Blicks gibt Auskunft über bestehende Machtverhältnisse: Er blickt, sie wird betrachtet. Auch dort, wo es nicht primär um Erotik geht, ist der Mann Subjekt, die Frau Objekt des Blickens. Kameras von lesbischen Frauen für Frauen gibt es nicht.
Web Cams konfrontieren uns mit schlechten, unbewegten Bildern. Wie ein Voyeur hinter Büschen müssen wir beim Betrachten von Web Cam Bildern gewisse Strapazen - Ladezeiten und schlechte Sichtverhältnisse - auf uns nehmen. Zudem wissen wir nicht, ob gerade etwas läuft. Eine Frage, die sich beim Fernsehen mit seinen Dutzenden von Kanälen nicht mehr stellt. Von Web Cams lässt man sich nicht Bier trinkend berieseln. Man guckt aktiv durch ein virtuelles Fernrohr. Fasziniert richten wir das Präsens des Blicks auf das scheinbar Uninszenierte. Das Bild und mit ihm der Blick haben die Unmittelbarkeit zurückgewonnen, die ihnen durch die inszenierten Medienbilder und die digital generierten und manipulierten Bilder in unserer Gegenwart abhanden gekommen ist.
Die Langsamkeit des Bildaufbaus ist erholsam in einer Zeit der unsteten Bilder im Fernsehen, die mit ihrer Geschwindigkeit die Grenze der Wahrnehmbarkeit häufig durchbrechen. Grafisch primitive Bilder, die man sich geduldig im Internet besorgen muss, sind auch spannender als Hochglanzprospekte, die einem nachgeworfen werden. Sie lassen mehr Raum für die eigene Phantasie und sind unmittelbar, authentisch, einzigartig.
- Die Realität des Betrachters: Ein Kunstprojekt zeigt »live« ein Stadtbild von Leipzig. Es will den Aufbau im Osten dokumentieren. Wer oft vorbeischaut, soll Veränderungen feststellen können. In Wirklichkeit werden die Bilder aber aus einem Archiv geladen und zeigen ironisch, wie Gebäude in 10 Minuten zu Hochhäusern wachsen. Im Gästebuch hinterlassen gutgläubige BesucherInnen der Site ihre Kommentare, gespeist aus Erinnerungen an den Besuch der Stadt. Nur wenige erkennen den Schwindel. Die Bilder selbst sagen so wenig aus, dass wir gezwungen sind, ihnen durch unsere Erinnerungen und Vorstellungen Sinn zu verleihen. Die Faszination von den Möglichkeiten eines neuen Mediums, das uns erlaubt, Augenzeugen am anderen Ende der Welt zu werden, lässt uns darüber hinwegsehen, dass seine Inhalte banal sind.
Live Bilder aus Leipzig: http://www.hgb-leipzig.de/pro jekt/livesource/default.htm
- Die Realität des Bildes: Die Beliebigkeit und Belanglosigkeit von Web Cam Bildern sind Thema eines weiteren Internet-Kunstprojektes: Der »Multi-Cultural Recycler« erlaubt es, einen eigenen »kulturellen Kompost« aus Web Cam Bildern herzustellen. Aus einer Liste können einzelne Web Cams ausgewählt werden. Die Bilder dieser Cams werden per Mausklick zu einem Kunstwerk wiederverwertet. Das Bild wird auf seine Materialität, die Pixel, reduziert. Die abgebildeten Realitäten hinter den Kamerabildern sind unbedeutend, sie sind Abfall. Sinn entsteht erst durch den Vorgang der »Kompostierung« der materiellen Realität.
The Multi-cultural Recycler: http://shoko.calarts.edu/ ~alex/recycler.html
Wir laden nicht ein Bild von Leipzig aus dem Internet, weil wir sehen wollen, wie esdort aussieht, sondern weil uns der Gedanke fasziniert, die Gegenwart, also die zeitlicheNähe in der räumlichen Distanz einzufangen. Wir schauen nicht in fremde Wohnzimmer, umetwas über die Personen zu erfahren, die sie bewohnen, geschweige denn, um sie alsBeispiel einer Alltagsgeschichte zu verstehen. Der Inhalt ist nicht die Botschaft(Marshall McLuhan). Das Phänomen, dass Bedeutung nicht mehr eindeutig ist und nicht mehrmitgeliefert wird, ist in verschiedenen Medien zu beobachten. Bedeutung müssen wirindividuell aktiv konstruieren.
Einen möglichen Kontext bauen wir uns bei den Web Cams in unserer Phantasie. Der Kompostwird zum Nährboden für unsere Vorstellung: Wir machen die fremden Leute am anderen Endeder technischen Seherweiterung zu BewohnerInnen unserer eigenen Phantasiewelten underleben dabei in der Sicherheit der Legalität und der eigenen Wohnung den Thrill einesVoyeurs.
Beatrice Tobler1. Kulturwissenschaftlicher Filmabend (Dienstag, den 26.1. 1999)
Berlin. Die Sinfonie einer Großstadt.(Walter Ruttmann, D 1927)
Einführung: Helga Stachow
Die HGV möchte in Zukunft Mitgliedern wie Freunden volkskundlich-kulturwissenschaftliche Filmabende bieten. Den Auftakt dazu bildete im Januar WalterRuttmanns Stummfilm "Berlin - Die Sinfonie der Großstadt" aus dem Jahre 1927.
Ruttmanns Streifen war der erste einer Reihe, in der wir nicht ethnographische Filmezeigen möchten, sondern vor allem populäre Kino-Filme. Wenn die hgv Filme zeigt, soselbstverständlich, um unter FreundInnen und KollegInnen einen (hoffentlich)unterhaltsamen Filmabend zu verbringen. Es gibt da allerdings auch einernsthaft-akademisches Ziel: unter volkskundlich-kulturwissenschaftlicher Perspektiveausgewählte Filme anzuschauen und zu diskutieren. Damit ist nun weniger die Würdigungeines Films als Kunstwerk gemeint, obwohl gerade der Film von Walter Ruttmann dazu vielStoff bot. Gemeint ist vielmehr der Film als volkskundliche Quelle. Filmen alsanschaulichen und bewegten Medien wie als Zeitdokumenten kommt für die Volkskunde einebenso großer Quellenwert zu wie archivalischen Überlieferungen oder empirisch zuerhebenden Quellengruppen. So soll - und es folgt der programmatische Kernsatz - dieAnalyse der filmischen Beschreibung von Lebensformen und Lebensgefühlen, vonAlltagserfahrungen und Verhaltensmustern in unterschiedlichen sozialen und kulturellenMilieus im Mittelpunkt unserer Filmreihe stehen. Gefragt werden kann z.B. nach derDarstellung historischer Erfahrungen in der Stadt. Oder: Filme können befragt werden nachder Entstehung und Wandlung von kulturellen Bildern von Orten und ihren Bewohnern (so wieim Falle der Berlin-Filme). Aber auch Filmreihen zu so unterschiedliche Themen wie"Jugendkulturen", "Totenschiffe" oder "Unterwegs" etc. etc.sind vorstellbar.
Die dabei verwendeten Analyseverfahren werden sich, wie in der Volkskunde allgemein,zwischen stärker mentalitätsgeschichtlich (und sozialhistorisch) argumentierenden undeher diskursiv orientierten Arbeitsweisen bewegen. Hauptfrage aber sollte sein: Waserzählt ein Film seinen Zuschauern über Menschen einer bestimmten Zeit - sei es im Modusdes Krimis oder des Dokumentarfilms, des Heimat- oder des Katastrophenfilms.
In den oben genannten Streifen hat Helga Stachow unter dem Titel "Ur-bane Erfahrungenin Walter Ruttmanns "Berlin - Die Sinfonie der Großstadt" eingeführt. DerVortrag thematisierte die "innere Urbanisierung" der Berliner am Ende der 1920erunter dem Leitbegriff der "Mobilisierung"; genauer wurden die Aspekte "DieBerliner als Verkehrsteilnehmer", "Die Berliner als Konsumenten" und"Mythos Berlin" betrachtet.
Es ist geplant, dreimal im Semester (jeden letzten Dienstag des Monats) Filme zu zeigenund sie nach einer Einführung anschließend zu diskutieren.
Im kommenden Sommersemester, soviel steht bereits fest, wird die Reihe mit weiteren Filmenfortgesetzt, die Berlin zum Schauplatz haben. Ende April steht "Die Mörder sindunter uns" von Wolfgang Staudte (1946) auf dem Programm. In den folgenden Monatensollen ein Film aus der DDR-Produktion und ein Film aus der unmittelbaren Wendezeitgezeigt werden. Die Einführungstexte sollen anschließend zusammengefaßt und einemgrößeren Leserkreis zugänglich gemacht werden.
Wer Interesse an der inhaltlichen Gestaltung des Programms ab nächsten Wintersemesterhat, wer selber eine Einführung halten möchte, wer sonstige Vorschläge hat, der isteingeladen, an den Vorbereitungstreffen teilzunehmen. Die Termine werden im Anschluß andie Vorführung am 27. April besprochen.
Helga StachowUnser kommendes Programm:
... Donnerstag 15.4., 20 Uhr c.t.*
Heidengeld Ein Film von Dagmar Kamlah
(die Regisseurin ist anwesend)
... Dienstag, 27.4., 19 Uhr c.t.*
Kulturwissenschaftlicher Filmabend
Die Mörder sind unter uns (Wolfgang Staudte (D 1946)
(weitere Termine werden noch bekanntgegeben)
... Donnerstag, 29.4., 19 Uhr c.t.*
Mitgliederversammlung
anschließend, 20 Uhr c.t.*
PD Dr. Susanne Regener (Aarhus)
»Nachts, wenn der Teufel kam.«
Zur Produktion eines Serienkillers durch Wissenschaft und Medien
... Donnerstag 13.5., 17.30 Uhr
Dr. Sabina Brändli (Zürich)
Rauch der Erotik Qualm der Emanzipation.
Bilder der rauchenden Frau im 19. und 20. Jahrhundert
(im Speicherstadtmuseum, St. Annenufer 2)
... Montag 7.6., 20 Uhr c.t.*
Dr. Christoph Schmitt (Rostock)
Zwischen Wissenschaftsalltag und Nostalgie.
Zur DDR-Volkskunde und der Entwicklung des Fachs
in den neuen Bundesländern
... Samstag 3.7., ganztags
Exkursion ins Museumsdorf Cloppenburg
* Veranstaltungsort: Institut für Volkskunde, Raum 015
Außerdem:
Jeden 1. Dienstag im Monat
Stammtisch
Ab 20 Uhr Für alle Mitglieder der HGV
in der »Backatelle« (Grindelberg 3)Und so können Sie sich über die Hamburger Gesellschaft für Volkskunde informieren:
»Klassisch«:
Hamburger Gesellschaft für Volkskunde
c/o Institut für Volkskunde
der Universität Hamburg
Bogenallee 11
D - 20144 Hamburg
Tel. 040 42838 4974
Fax 040 42838 6346
»Modern«:
hgvolkskunde@uni-hamburg.de
Im Internet: http://www.rrz.uni-hamburg.de/volkskunde_hamburg/1 Der folgende Text ist eine streiflichtartigeZusammenfassung des Vortrages für die Hamburger Gesellschaft für Volkskunde vom19.1.1999. Eine ausführliche gedruckte Version wird erscheinen in: TSANTSA. Revue de laSociété Suisse d'ethnologie.
| Impressum | Letzte Änderung: 08 Mar 08 webmaster |