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Berichte aus der Volkskunde

Bücher-Frühling


Norbert Fischer/Franklin Kopitzsch/Johannes Spallek
(Hg.): Regionalgeschichte amBeispiel Stormarn. Von ländlichen Lebenswelten zur Metropolregion. Neumünster 1998, 184S., Abb., DM 29,--, ISBN 3-529-07126-9.
Regionale Verdichtungsräume wie die »Metropolregion Hamburg« prägen das Alltagslebeneiner immer größeren Zahl von Menschen. Dabei verschwimmen die traditionellen Grenzenzwischen Stadt und Land. Einstmals rein ländliche Gebiete sind von einer neuartigenSuburbanität überformt worden. Diese neuartigen Lebenszusammenhänge fordern dazu auf,die Frage regionaler und lokaler Identität neu zu stellen.
Das im Großraum Hamburg gelegene Stormarn ist hier ein klassisches Fallbeispiel undbietet Vergleichsmaterial für andere Ballungsräume. Dieser Region waren die Vorträgeeiner Tagung im Oktober 1997 gewidmet, an der vor allem Regionalhistoriker/innen undVolkskundler/innen teilnahmen. Der nun vorliegende, reich bebilderte Tagungsbanddokumentiert in seinen einzelnen Beiträgen den Wandel von ländlichen Lebenswelten zurSuburbanität. Die Beiträge behandeln historische Zäsuren und strukturelleWandlungsprozesse in Stormarn zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert von derländlich-agrarischen Gutswirtschaft bis zur »Modernisierung« und Suburbanisierung nachdem Zweiten Weltkrieg. Die Beiträge reflektieren darüber hinaus konzeptionelle undmethodische Aspekte.

Koch-Schwarzer, Leonie: Populare Moralphilosophie und Volkskunde. ChristianGarve (1742-1798) - Reflexionen zur Fachgeschichte. Verlag Marburg 1998(Schriftenreihe derKommission für deutsche und osteuropäische Volkskunde, Band 77) 624 S., 52,- DM, ISBN3-7708-1109-7
Seitdem es Wissenschaften gibt, sind immer wieder neue Disziplinen entstanden. DieGeschichte dieser Fachentwicklungen zu verfolgen, zeigt den engen Zusammenhang vonbestimmten Forschungsinteressen mit den jeweils aktuellen gesellschaftlichen undkulturellen Prozessen.
Die Geschichtsschreibung des Faches Volkskunde hat hierbei eine vergleichsweise langeTradition. Die «Anfänge» dieser Disziplin wurden vielfach in den letzten Jahrzehntendes 18. Jahrhunderts verortet. Aber trifft dies tatsächlich zu? Die vorliegende Analysewidmet sich einer besonderen Philosophierichtung der Spätaufklärung. Am Beispiel desschlesischen Moralphilosophen Christian Garve befragt sie erstmals die Ansätze einerweltzugewandten «Popularphilosophie» und deren Relevanz für die Entstehung derDisziplin «Volkskunde».
Christian Garve (1742-1798) ist der - heute fast unbekannte - Hauptvertreter derPopularphilosophie. Exemplarisch werden an seiner Person zunächst die vielfältigenFormen der aufklärerischen Geselligkeit als Orte einer wissenschaftlichen Kommunikationuntersucht. Gesellschaften und Briefwechsel, Zeitschriften und Reisen bildeten diealltagskulturellen Grundlagen der mannigfaltigen humanwissenschafltichen undphilosophische Diskurse der Aufklärungsepoche. Sie waren vor allem auf regionaler undlokaler Ebene der Rahmen, in dem sich bereits früh auch «volkskundliche»Fragestellungen dauerhaft institutionell etablierten.
Die spätaufklärerische Popularphilosophie ist in der bisherigen Fachgeschichtsschreibungder Volkskunde kaum beachtet worden. Im vorliegenden Buch wird sie dargestellt als einemit empirischen Herangehensweisen, v.a. durch Beobachtungen alltäglichen sozialenHandelns (z.B. Sitten, Anstand, Umgangsformen, Verhaltenskonventionen), arbeitendephilosophische Richtung. Neben dem Paradigma der Empirie waren es vor allem dieangestrebte Popularität der Darstellung und die Hinleitung des Menschen zum Selbstdenken,die diese Philosophierichtung kennzeichneten und mit der Kantischen Anthropologieverbanden. Das Geflecht der zeitgenössischen Diskurse, der philosophie- undliteraturgeschichtlichen Rezeptionen und der volkskundlichen Fachentwicklung - mit denhierzu parallel verlaufenden Ansätzen der Fachgeschichtsschreibung wird von der Autorinin dichter Beschreibung dargelegt. Es zeigt sich als ein Prozeß der nachhaltigenVerdrängung der Popularphilosophie aus den wissenschaftlichen und später auch aus denfachgeschichtlichen Wahrnehmungsmustern, nachdem sie von der Kritischen PhilosophieImmanuel Kants «abgelöst» wurde. Mit Kants Kritiken fand vielmehr an der Wende zum 19.Jahrhundert ein Paradigmenwechsel in der Philosophie statt, der die Entstehung einerDisziplin Volkskunde aus der popularen Moralphilosophie heraus verhinderte.

Albrecht Lehmann: Von Menschen und Bäumen. Die Deutschen und ihr Wald. Reinbek b.Hbg. 1999, 360 S., Abb., gebunden DM 45,-, ISBN 3-489-03891-5.
Aus dem Verlagsprospekt: Otto von Bismarck reagierte frostig, als sein ungeliebterNachfolger Leo von Caprivi kurzerhand die alten Bäume vor seinem Palais abholzen ließ.»Ich würde Herrn von Caprivi manch politische Meinungsverschiedenheit eher nachsehen alsdie ruchlose Zerstörung uralter Bäume.«
Nicht erst im 19. Jahrhundert wurde den Deutschen in Liedern, Romanen und Gedichteneingeschärft, was der Wald ihnen bedeuten sollte: Symbol der eigenen Herkunft undlebendiges Abbild ihrer kulturellen und geistigen Gegenwart. Und bis heute bedienen sichPolitik, Literatur und Medien der Waldliebe der Deutschen ganz nach eigenem Belieben undInteressen, ohne ein einziges Wort über deren Ursprung und Wahrheitsgehalt zu verlieren.Zum ersten Mal fragt nun der Volkskundler Albrecht Lehmann, was es tatsächlich auf sichhat mit der hingebungsvollen Liebe der Deutschen zu ihren Wäldern. Tatsächlichverknüpft der Wald wie kein anderer Ort Mythos und Wirklichkeit, und nirgendwo sonstliegen verklärte Erinnerung und die aktuelle Sorge um die Gegenwart näher beieinander.Durch die Welt der Sagen- und Märchenwälder, in der Bäume und Felsen als von Geisternbelebte Wesen erscheinen, führt Albrecht Lehmann den Leser in den Wald der jüngstenVergangenheit und Gegenwart: in den Wald als Erzieher der Sinne; in die Hakenkreuz- undBunkerwälder; in die Nachkriegswälder der Pilz- und Beerensammler; in die dunklen Mord-und Grenzwälder; in die Wälder der Förster und Landbesitzer, Wanderer, Trecker undJogger; in den stillen Wald der Liebespaare und den der tönenden deutschenSchlagersänger; in den fernen Wald der Kindheit, in den Wald des Baum- und Artensterbensund schließlich in den Wald der Politik und Massenmedien.

Susanne Limmroth-Kranz: Lesen im Lebenslauf - Lesesozialisation und Leseverhalten1930 bis 1996 im Spiegel lebensgeschichtlicher Erinnerungen. Elektronische PublikationHamburg 1999. http://www.sub.uni-hamburg. de/disse/18/pub2.html
Das Lesen als soziales Handeln erfährt in den einzelnen Lebensphasen eine jeweilsspezifische Gewichtung. Innerhalb der großen Vielfalt des Lesens im Lebenslauf ergebensich so generationsspezifische Besonderheiten wie auch generationsübergreifendePhänomene. Auch wenn bereits von mehreren Disziplinen eine Zustandsbeschreibung desLeseverhaltens in unserer Gesellschaft versucht wurde, so bemühte man sich eher selten umdie Rekonstruktion desselben für einen zusammenhängenden längeren Zeitraum. Nur ingeringem Ausmaß wurde nach der Bedeutung des Lesens im Lebenslauf der Menschen, also derLeser gefragt. Sie sind bisher in der Regel nicht zu Worte gebeten worden - auch nicht inder Volkskunde. Es ist die Absicht der Untersuchung »Lesen im Lebenslauf« dieses Defizitauszugleichen.
Im Vordergrund stand der biographische Zugriff auf das Thema durch fokussierte Interviews,um so die Bedingungen des Lesenlernens, die Lesemöglichkeiten und die Lesepraxis inunterschiedlichen Lebensphasen nachzuzeichnen. Die befragten etwa 70 Leser verschiedenerGenerationen unterscheiden sich in der formalen Bildung sowie den daraus resultierendenLeseinteressen, Ansprüchen und Vorlieben. Beim Sprechen über ihre Lesebiographieorientierte sich die Mehrzahl der Befragten an ihrer persönlichen Chronologie desSozialisationsablaufs. Als Leitgerüst bestimmten die einzelnen Lebensphasen den Ablaufder Selbststhematisierung der Lesebiographie.
Häufiger als zunächst vermutet, kristallisiert sich ein intensives Leseverhalten heraus,das von der individuellen familiären Konstellation her unerwartet war, sich aberoffensichtlich in spezifischen Kindheitserlebnissen gründet. Diese Tatsache erlaubt denSchluß, daß eine lesedeterminierte Persönlichkeit ein wesentlicher Schlüssel zumpädagogischen Erfolg oder Mißerfolg der Lesesozialisation ist. Die Lesedeterminantensind in der individuellen Biographie verankert, z.B. als Schlüsselerlebnisse in derKindheit.
Lesen als soziales Handeln wird im Lebenslauf zweckorientiert eingesetzt und praktiziert.Es steht dabei in enger Verbindung mit den persönlichen Empfindungen, da Lesen in dieGefühlswelt der Leser hinein wirkt. Andererseits betrifft es durch die notwendigebewußte Zeitplanung auch organisatorische Bereiche. Die Interviews zeigen zu deneinzelnen Themenbereichen augenfällig, daß Lesen ein Phänomen ist, das mitunterschiedlichsten Bereichen der Gesamtbiographie eng verwoben ist. Das Lesen und seineVermittlung stellen sich dabei als Strukturzusammenhang dar, dessen einzelne Komponentenvon den »Stationen« der Lesesozialisation gebildet werden.
Trotz Brüchen zwischen den verschiedenen Lebensabschnitten gibt es »hinübergerettete«Intentionen, in denen der Zugang zur Literatur, die Determination als Buchleser, deutlichhervortritt. Die Lesebiographie erweist sich als individuelle Erfahrung und zugleich alsAusschnitt persönlicher und allgemeiner Familien-, Schul- und Lebensgeschichte sowie derAneignung kultureller Angebote unterschiedlicher Gesellschaftsformen.


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