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Volkskunde - Studium und Beruf(ung).
Ergebnisse von zwei Umfragen
EinleitungIm Rahmen des Seminars »Volkskunde im Beruf - Volkskunde als Beruf« wollten wir Aufschluß über den Verbleib der AbsolventInnen des Hamburger Volkskunde-Instituts der vergangenen zehn Jahre erlangen. Dazu wurde ein Fragebogen konzipiert, der die Bereiche Studienbiografie, beruflicher Werdegang und die volkskundliche Relevanz in den verschiedenen Berufsfeldern umfaßte.
Der Bereich Studienbiografie erweckte unser Interesse und es tauchte die Frage auf, ob es so etwas wie Studierenden-Generationen gibt und ob Bedingungen sich verändert haben. Daraus ergab sich ein weiterer Fragebogen an die gegenwärtigen StudentInnen, in dem wir nach der aktuellen Studien-und Arbeitssituation fragten. Der Fragebogen an die Ehemaligen umfaßte sechs Seiten, er wurde an 120 Personen verschickt und innerhalb von knapp zwei Monaten erhielten wir 12 Antworten. Die jetzigen StudentInnen baten wir über die DozentInnen um Beantwortung des 1-seitigen Fragebogens, innerhalb von zehn Tagen gingen uns 65 Antworten zu.
Zunächst haben wir die Fragebögen getrennt ausgewertet, um dann auf einem Berg von Zahlen zu sitzen. Dieser Berg wurde mit Hilfe von Statistiken und »Torten« (Grafiken) abgetragen, was zwar interessantes Datenmaterial lieferte, uns jedoch unserem Ziel - einer Veröffentlichung - erst einmal nicht näherbrachte. Die Bewältigung des Zahlen-und Datenmaterials, das Aufzeigen von Trends und die Suche nach Verknüpfungsmöglichkeiten erforderten das Ausprobieren verschiedener Methoden und die Entwicklung neuer Fragestellungen für uns. Dieser Prozeß ermöglichte uns außer der Darstellung der Studiensituationen die Verdeutlichung von (gewandelten) Bedingungen und Erwartungen mit ihren Auswirkungen auf den gesamten Studienverlauf. Ebenso konnten wir die Perspektiven innerhalb der Universität und der späteren beruflichen Zukunft herausarbeiten. Die Studenten als Bestandteil unserer Gesellschaft und ihre soziale Stellung mit ihren Möglichkeiten und Beeinträchtigungen sollen im folgenden »ans Licht« gebracht werden.
Voraussetzungen und RahmenbedingungenDie faktischen Voraussetzungen für ein Volkskunde-Studium haben sich kaum verändert: neben der generell für ein Studium benötigten Hochschulzugangsberechtigung, einer Meldeanschrift und einer Krankenversicherung (deren Kosten jedoch steigen und deren Konditionen schlechter werden), ist die einzige Veränderung ein seit einigen Semestern auch im Fach Volkskunde greifender NC. Notwendig war und ist eine finanzielle Basis, geschaffen durch Elternhaus, Bafög-Berechtigung, Ersparnisse aus einer Arbeit oder Jobs, die in vielen Fällen durch Berufstätigkeit vor dem Studium gesichert sind. Damals wie heute haben etwa drei Viertel aller Befragten vor dem Studium gearbeitet - im Mittelwert mehr als viereinhalb Jahre -, woraus sich das Durchschnittsalter von 24 Jahren bei Studienbeginn erklärt.
Seitens der Fachbereiche gibt es Studien- und Prüfungsordnungen, die z.B. Regelstudienzeiten und Voraussetzungen für den Abschluß ausweisen. Dazu kommt das HRG (Hochschulrahmengesetz), das sich im Laufe der letzten Jahre verändert hat. Konnten die ehemaligen Studierenden noch über die Regelstudienzeit hinaus unbehelligt lange studieren, gibt es heute bei Überschreiten dieser Zeit eine Zwangsberatung und es droht mit weiterer Veränderung des HRG eine Zwangsexmatrikulation ab einer bestimmten Überschreitung.
Eine weitere universitäre Rahmenbedingung ist der Semesterbeitrag zusammen mit dem Semesterticket, die wiederum gewisse finanzielle Mittel voraussetzen. Unabhängig von Miete, Lebensunterhalt etc. müssen seitens der Studierenden Gelder für Exkursionen, Praktika (in dieser Zeit ist keine berufliche Tätigkeit möglich) sowie die durchgängig anfallenden Beträge für diverse Schreibmaterialien, Kopien, Bücher, Eintrittsgelder für Museen u.a. stets vorhanden sein, um ein Studium zu gewährleisten. Konnten diese Kosten bei vielen der ehemaligen Studierenden vom Bafög gedeckt werden, ist die Tendenz zur Bafög-Berechtigung, die sowieso nur für die Regelstudienzeit Geltung hat, stark gefallen (13,8%).
Für das Studium werden heutzutage durchschnittlich 21 Stunden pro Woche aufgewendet. Da 80% der Befragten einer regelmäßigen Arbeit zum Gelderwerb während des Studiums nachgehen müssen, spielt der Faktor Zeit (dafür) eine neu dazugekommene, nicht unerhebliche Rolle. Oft ist der Lebensunterhalt jedoch nur durch zusätzliche Unterstützung von Eltern, Verwandten, PartnerInnen gesichert, wobei auch diejenigen, die heute noch Bafög erhalten, von dem genannten Personenkreis unterstützt werden (müssen). Knapp 20% der von uns Befragten leben ausschließlich von ihrer Arbeit, die meisten müssen mindestens 20 Stunden pro Woche dafür aufwenden, um dabei durchschnittlich lediglich 1300,-- DM netto pro Monat zu erwirtschaften. Aus diesen Daten wird klar, daß schon allein die finanziellen Rahmenbedingungen für heutige Studierende recht hart geworden sind.
In diesem Zusammenhang sind noch zwei Umfrage-Ergebnisse bemerkenswert: 1. Frauen (selbst mit Berufsausbildung) erhalten immer noch weniger Geld als Männer (ohne Berufsausbildung) und 2. die meisten Befragten können sich nicht einmal in ihrer Fantasie vorstellen, während des Studiums nicht zu arbeiten.
Im Vergleich zu damals sind studienbezogene Jobs seltener geworden. Eine mögliche Erklärung dafür sind die im Vergleich zu anderen Jobs - vor allem denen, die sich aus erlernten Berufen ergeben haben - schlechteren Bezahlungen und Bedingungen. Viele Institutionen, die zukünftige Arbeitgeber für Volkskunde-StudentInnen sein könnten, sanieren sich eher durch studentische Hilfskräfte, statt in ihre zukünftigen MitarbeiterInnen zu investieren.
Die im Gegensatz zu den steigenden Studierendenzahlen stagnierenden Lehrkapazitäten, nicht vorhandene bzw. zu kleine Räumlichkeiten, ungenügende Ausstattung von Bibliotheken sowie fehlende Bereitstellung von modernen Medien wirken sich ebenfalls negativ auf das Studium aus.
Erwartungen, Beurteilungen und PerspektivenAn das Studium und auch an den anschließenden Beruf sind Erwartungen geknüpft, deren verschiedene Aspekte sich nicht nur durch die Befragung der beiden Studiengenerationen ergeben, sondern auch - individuell bedingt - aus unterschiedlichen Beurteilungen eines Volkskundestudiums bzw. Berufsbildes resultieren. Diese Aspekte konstruieren sich aus dem subjektiven Aufbau von Erwartungen kombiniert mit äußeren Einflüssen. Ein subjektiver Gesichtspunkt ist der Zustand der Zufriedenheit. Die biografischen Hintergründe und auch der jeweilige Lebensabschnitt, in dem Zufriedenheit angestrebt wird, ändern sich jedoch für jeden einzelnen im Laufe des Lebens aufgrund von Erfahrungen.
Auf der Suche nach Befriedigung war und ist für Studierende die interessengeleitete Wahl der Studienfächer und deren selbständige Gestaltung ein zentraler Punkt. Das Interesse für bestimmte Nebenfächer hat sich oft erst im Laufe des Studiums entwickelt. Sowohl bei den momentan Studierenden als auch bei den Ehemaligen stand im Vordergrund, die individuelle Neugierde und das Interesse an volkskundlichen Themen zu stillen. Nach dem Studium ist es ein adäquater Beruf, in dem die während des Studiums erlernten wissenschaftlichen Arbeitsweisen und -techniken nicht nur angewendet sondern auch weiterentwickelt werden können. Ebenso ist eine angemessene Bezahlung und die gesellschaftliche Anerkennung der beruflichen Position relevant für die Zufriedenheit.
Eine sehr oft genannte Motivation - und sich daraus ergebende Ansprüche - für die Aufnahme eines Studiums ist neben Interesse das Verlangen nach Bildung, präzise gesagt: Aus- und Weiterbildung. Weiterbildung - jenseits des angestammten, überwiegend als positiv eingeschätzten Berufes - versprechen sich in erster Linie diejenigen, die vor Studienbeginn bereits einen Beruf erlernt haben. Den Wunsch nach einer Ausbildung hegen diejenigen, die vor dem Studium keinen arbeitsmarktfähigen Abschluß in der Hand hatten.
Das Erlernen von Vorgehensweisen und Methoden und die interdisziplinäre Ausgestaltung des Magisterstudiengangs Volkskunde, mit dem eine - theoretisch - relativ freie Wahl der Nebenfächer gegeben ist, lassen zusätzliche Ansprüche entstehen und gleichzeitig auch an ihre Grenzen stoßen. Das wissenschaftliche Arbeiten mit Texten, die Zusammenarbeit in Projektgruppen, themenorientierte Auseinandersetzungen und konfliktfreudiger Austausch auf Seminarebene füllen und erfüllen die studentischen Erwartungen. Einschränkungen und Grenzen entstehen durch ausbleibende Reflexion der Ergebnisse mit dem Lehrkörper. Faktoren wie mangelnde personelle Kapazitäten, um eine wissenschaftliche Betreuung zu gewährleisten, der knapp bemessene zeitliche Rahmen für Referate sowie fehlende finanzielle Mittel für praktische Projektarbeiten wirken sich besonders drastisch aus.
Einem neuerlichen Wandel unterliegen die Erwartungen nach dem Studium auch durch äußere Einflüsse. Am Beispiel Museum soll dieser Wandel kurz veranschaulicht werden: Gerade Museen kritisieren häufig die mangelnde Kenntnis im Umgang mit der Sachkultur. Sie und ihre volkskundlichen MitarbeiterInnen fordern, daß anstelle von Theorien, Instrumenten und Methoden konkrete Anleitungen und Gebrauchsanweisungen während des Studiums vermittelt werden sollen. Jedoch zeigt sich gerade in der beruflichen Realität und der gegenwärtigen Arbeitsmarktsituation die Notwendigkeit umfangreichen und vielseitigen Wissens, welches das Fach Volkskunde als Vermittlungsinstanz allgemeiner wissenschaftlicher Arbeitsweisen und -techniken zu lehren imstande ist.
Es sind weniger die volkskundlich bearbeiteten Themen als vielmehr die erlernten Methoden und der Abschluß selbst, die sich als wichtig für den Beruf erweisen. Viele Ehemalige betonen jedoch, daß gerade das Fach Volkskunde für ihre persönliche Entwicklung sehr wichtig war, da es unter anderem zu einer größeren Offenheit gegenüber menschlichen und gesellschaftlichen Phänomenen beigetragen hat.
Die Studiendauer bis zum Magister-Abschluß wird von einem Teil der ehemaligen Studierenden als zu lang angesehen, sie lag im Durchschnitt bei 15,5 Semestern. Das Viertel, das während des Studiums entweder regelmäßig gearbeitet hat oder häuslichen Verpflichtungen nachgehen mußte, beurteilt die Dauer jedoch - verständlicherweise - nicht negativ. Die heutigen Studierenden rechnen fest mit einer Verlängerung ihres Studiums, da der größte Teil von ihnen regelmäßig während des Studiums arbeiten muß. Es läßt sich jedoch sagen, daß dabei nach ihrer Einschätzung keine höhere Studiendauer als bei den ehemaligen Studierenden zu erwarten ist.
Schlußwort»Bildungshunger« war ein Begriff, der bei unserer Frage nach der Motivation für die Aufnahme eines Studiums häufig genannt wurde und unsere Aufmerksamkeit erregte. Hungrig zeigten sich letztlich alle Befragten, ob nun nach Beendigung der Schule oder eines Arbeitsverhältnisses: mit Aussagen wie »Interesse, Neugierde, Aus- oder Weiterbildung« erklärten sich alle als noch nicht satt. Bemerkenswert ist der Begriff »Bildungshunger« (und nicht »Ausbildungshunger«!) insofern, als daß neuere Diskussionen zur Hochschulreform diese Form der Nahrung, nämlich Bildung, weitgehend außer acht lassen.
Damit wird deutlich, wie sehr in Zukunft die Erwartungen der Studierenden an die Bildungseinrichtung Universität unerfüllt bleiben werden. Sollten die Hochschulreformer nicht doch diesem Verlangen der StudentInnen Aufmerksamkeit schenken? Angesichts der Tatsache, daß im Vergleich zu damals der »Beruf« der StudentInnen heute zu 80% aus Arbeit und Studium besteht, taucht die Frage auf, warum statt dessen der Druck durch Zwangsberatung, Zwangsexmatrikulation bei Überschreiten der Regelstudienzeit und drohender Studiengebühren trotz des immensen Zeit- und Arbeitsaufwandes der StudentInnen immer größer werden muß.
Die vielgepriesenen amerikanischen Studienleistungen sind bei den von uns aufgezeigten deutschen Studienverhältnissen weder denk- noch machbar.
NachwortUns war jederzeit klar, daß unsere Subjektivität und die individuelle Interpretation bei der »Textverarbeitung« vorhanden war, sich jedoch durch die Heterogenität des Teams in vertretbaren Grenzen hielt. Zudem hatten wir den »Mann für alle Fälle« dabei, Herrn Hengartner, der uns mit Rat und Tat, Espresso und Motivation anschob und uns gelegentlich auf den Boden der Tatsachen (zurück)holte - tausend Dank! Wir freuen uns auf weitere Projekte dieser Art.
Ganz besonders danken wir aber allen, die sich die Zeit für unsere Fragen genommen haben: Den ehemaligen Studierenden, die sich durch einen (zu) langen Fragebogen gekämpft haben ebenso wie der jetzigen »Seminarbevölkerung«.
| Impressum | Letzte Änderung: 08 Mar 08 webmaster |