Aus:
Technik - Kultur.
Formen der Veralltäglichung von Technik - Technisches als Alltag. Zürich 1998.


Technik Kultur Alltag



Thomas Hengartner, Johanna Rolshoven



Rückblick: Von der Volkskultur zur technischen Welt


Das «Generell-Stagnierende».

Stationen einer Volkskunde als «vor-technische Veranstaltung»

Die Volkskunde hat ihr Augenmerk von Fragen der Technik und von Entwicklungen, die durch die Technik mitbedingt und mitgetragen wurden, lange Zeit ostentativ abgewendet. Die Frage, warum es bis über die Mitte unseres Jahrhunderts hinaus dauerte, bis Technisches von der Volkskunde überhaupt wahrgenommen wurde, hängt eng mit der Entwicklung des fachlichen Selbstverständnisses zusammen. Ein kurzer Blick auf das besondere Verhältnis von Volkskunde und «technischer Welt» 1 soll die enge Verflechtung zwischen gesellschaftlicher «Vor-» und wissenschaftlicher «Rückwärtsorientierung» einleitend erhellen. In einzelnen Zeitschnitten, die sich nicht an einem starren, willkürlich gewählten Intervall orientieren, sondern am Aufkommen und der Verbreitung einzelner technischer Phänomene ist zunächst zu fragen: Wie stellte sich die Volkskunde zur Technik in Anbetracht ihrer zunehmenden Visibilität und Rezipierbarkeit, ihres Eindringens in den Alltag?


Zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Um die Jahrhundertwende, als Europa dank des <Eisenbahnfiebers> ein erstes Mal zusammengerückt war und die Mobilität erste Triumphe feierte, als in den Städten (und damit auch den Wohnorten der Wissenschaftler) elektrisches Licht2 und Telephon in die (bürgerlichen) Haushalte Eingang gefunden hatten, verschrieb sich die eben allmählich zu einer eigenständigen Disziplin heranwachsende Volkskunde ganz dem Blick zurück. In Abhebung zur Kulturgeschichte und ihrer Ausrichtung auf das «Individuell-Civilisatorische» wies etwa Eduard Hoffmann-Krayer der Volkskunde als Untersuchungsfeld das «Generell-Stagnierende»3 zu. Sie sollte sich, wie er im selben pro-grammatischen Aufsatz von 1902 diesmal mit Blick auf die Ethnographie ausführte, zwar der «Völker, die von moderner Kultur durchdrungen sind», zuwenden, ohne aber auf das Gegenwärtig-Moderne zu blicken. Aufgabe der Volkskunde sei vielmehr, «in erster Linie ihr Augenmerk auf das [zu] richten, was unter den heutigen Kulturvölkern entweder noch altertümlich, primitiv oder in volkstümlichem Sinne modifiziert ist».4
Hoffmann-Krayers Forderungen dürfen in diesem Punkt stellvertretend für das Selbstverständnis des jungen Fachs gelesen werden, sie finden sich in ähnlicher Form beispielsweise bei Karl Weinhold5 oder auch beim inhaltlich sonst andere Akzente setzenden Adolf Strack.6 Moderne und Technik spielen damit eine entscheidende Rolle für die frühe Volkskunde. Sie, oder genauer: die Entstehung der Moderne, das allmähliche Eindringen der Technik in die Alltags- und Lebenswelt zunehmend grösserer Teile der Bevölkerung, die Heran- und Herausbildung einer industrialisierten Verfasstheit; oder anders formuliert: Technik, Industrialisierung und Moderne als soziale, ökonomische, kulturelle, mentale usw. Horizontaufbrüche trugen erheblich zur Herausbildung der Volkskunde bei. Gerade die sicht- und erfahrbaren Veränderungen liessen den Wunsch nach der Erforschung vor-technischer Zeiten und vor-technischer Verhaltensweisen entste hen und schlossen damit eine Auseinandersetzung mit Fragen der Technik zunächst geradezu aus.



Um 1930 Ende der «goldenen Zwanziger», Anfang der 30er Jahre: Das elektrische Licht ist in fast allen grösseren und kleineren Siedlungen anzutreffen, das Telephon zumindest in den grösseren Flecken,7 der Rundfunk dringt allmählich in die Stuben8 und der Individualverkehr beginnt die Strassen zu erobern9 seien es nun die Autos oder das damals wichtigste massenhafte Einzeltransportmittel, das Fahrrad. Unthemen für die Volkskunde nach wie vor auch wenn über die Herangehensweisen und den Gegenstandsbereich der Disziplin heftige Diskussionen entbrannt sind. Als wohl prominentestes Beispiel für die Weiterführung der seit den institutionellen Anfängen des Fachs etablierten Sichtweise ist hier Hans Naumanns vieldiskutierte Konzep tion zu nennen. Zentral für unseren Zusammenhang erscheint vor allem die Negierung eigenschöpferischer Kräfte des Volkes und eine rigide Ausrichtung auf den Bauernstand.10 Auf der anderen Seite und in Opposition zu Naumann steht die Forderung, Methode und Verständnis der Volkskunde vor den modernen Entwicklungen nicht zu verschliessen, da «Eisenbahn, Auto, Flugzeug, Zeitung, Geschäftsverkehr (...) die kulturellen Sonderbildungen und Lebensräume ein(ebnen), die Jahrhunderte hindurch ein mehr oder minder geschlossenes Eigenleben» führten. 11Gleichzeitig taucht die Forderung auf, die «Volkskunde als Gegenwartswissenschaft» zu begreifen, wie Adolf Spamer, von dem auch die eben zitierte Aussage stammt, 1932 programmatisch einen Vortrag überschrieben hatte. Trotz der Bezugnahme auf die Wirk- und Veränderungskraft der Technik bleibt diese aber auch in einem für die Zeit modernen Fachverständnis aussen vor:


«Nur zur begründenden Deutung dieser Gegenwart dient die Vergangenheit. Aber weil das Heute als Produkt einer meist langen Entwicklung ohne jedes Gestern nicht verständlich ist, so ist die Volkskunde in erster Linie, methodisch gesehen, eine historische Wissenschaft (...). Erst da, wo der historische Verfolg endet oder versagt (...) beginnt die psychologische Betrachtung mit ihren mannigfachen Methoden.»12

Der Blick auf die Gegenwart ist damit noch immer kein Blick auf die aktuelle Lebenswelt. In dieser sogenannt «psychologischen» Sichtweise geht es vielmehr darum, die «zeitlosen, naturgegebenen Triebkräfte, die in erster Linie formbildend wirken»13 , zu ermitteln, das heisst die «seelischen und geistigen Triebkräfte» des Volkslebens her auszuarbeiten14 allerdings ausgehend von seiner aktuellen Ausprägung. Technisches findet so noch immer keinen Platz. Hierzu ein Beispiel: 1933 setzte sich Richard Beitl mit dem «Volksglauben der Grossstadt» auseinander. Er sucht und findet im modernen städtischen Leben hergebrachte Vorstellungsweisen, die auch den zeitgenössischen, urbanen Menschen als Träger volkstümlich-gemeinschaftlichen Gedankenguts auszeichnen. Einen prominenten Platz hierbei nehmen Amulette, Maskottchen und Talismane ein, die (zum Beispiel in Hufeisen- der Kleeblattform) als Ausdruck magisch-aber gläubischer Vorstellungen interpretiert werden:


«Bei den Ozeanüberquerungen und grossen Überlandflügen ist die Mitnahme eines Talismans nahezu Tradition. (...) Apotropäische, d.h. abwehrende Zeichen, Totenkopf und Gebeine in Silber ausgeführt, bemerkte ich dieser Tage an einem luxuriösen Privatauto in den Strassen Berlins. (...) Dass der Autofahrer den Schutz eines Talismans nicht verschmäht, sehen wir täglich. Gewiss ist die Maskotte bei manchen nur Spielerei, aber ganz ohne abergläubische Beziehung ist sie doch selten. (...) Wer diesen Brauch aber doch lediglich für modische Spielerei hält, braucht nur die Hufeisen zu betrachten, die sehr häufig die Kühler der Autos tragen. Der Glaube an die unheilabwehrende Kraft des Hufeisens stammt aus alter Überlieferung und gilt im ganzen deutschen Volk. Er gilt aber besonders auch in der Grossstadt.»15

Ein zweites Beispiel: Im Zusammenhang mit der Industrie- bzw. Arbeiterkultur wird immer wieder auf Will-Erich Peuckerts «Volkskunde des Proletariats» hingewiesen. Hier, in einer «neuen Gesellschaftsbildung, Kultur oder wie wir es nennen wollen», gilt es «noch einmal anzufangen», gilt es «Wortgut, Sachgut oder Handlungen neu zu sammeln und aufzuzeichnen».16 Hier, in einem erst durch die Technik überhaupt entstandenen Bereich, in einer Kultur, deren Teilhaberinnen und Teilhaber in der Arbeitswelt tagein, tagaus mit der Technik konfrontiert, in die Technik <eingepasst> wurden und zu einem wie auch immer gearteten Umgang mit ihr finden mussten, hier also, in der Industriekultur als einer von Menschen geschaffenen, geprägten und mitveränderten Welt erwartet man zwingend die Auseinandersetzung mit Fragen der Technik und doch bleibt sie auch hier aus. Zentrales Anliegen und zentralen Ansatz bildet vielmehr die Frage nach der Genese der neuen, in der «Menge», der «Massenhaftigkeit», im «Massenmachtbewusstsein» ihre Kultur und Identität findenden Gesellschaftsschicht. Der Blick fällt damit weder auf die Arbeiterschaft noch auf die Rolle der Technik im Arbeitsprozess und ihre Bedeutung für den einzelnen Menschen, sondern auf den Weg aus der Gemein schaftsbindung und auf wirtschaftshistorische Hintergründe.



1950er Jahre Wirtschaftswunderzeit Fünfziger Jahre Aufbruchstimmung:17 Die Gesellschaft wird auto-mobil, Fortschrittsgläubigkeit als Technik-Gläubigkeit ist das allesbe herrschende Paradigma. Kühlschrank und elektrische Waschmaschine tauchen als Vorboten der Technisierung des Haushalts auf, und zum schon erheblich verbreiteten Kommunikationsmedium Radio und dem populärer werdenden Telephon gesellt sich ganz neu das Fernsehen als Bildmedium. In bildungsbürgerlichen und intellektuellen Kreisen zwar mit Skepsis, Reserve und pädagogischen Bedenken betrachtet, wird es bald ungeteilte Begeisterung finden (auch wenn es bis zu einem hohen «Deckungsgrad» mit Fernsehapparaten noch dauern sollte). Als einer der ersten, sicherlich aber am ausgedehntesten wandte sich Wilhelm Brepohl der technischen Welt zu. Brepohl, einer jener nicht wenigen Volkskundler, die nach dem Krieg ungeachtet ihrer eindeutigen und einschlägigen Publikationstätigkeit in der NS-Zeit weiterhin im Fach tätig waren, entwickelte in den 1950er Jahren Ansätze zu einer industriellen Volkskunde. 18 Für seine, wie er es formulierte, «Industrievolkskunde», die er als «neue Disziplin» verstanden wissen wollte, berief er sich grundsätzlich auf zwei Ausgangspunkte: die «Grundtatsache der Industrie» einerseits, die Auffassung vom «Volk als Sozialgebilde» andererseits.19 Brepohl setzte in seinen Überlegungen den statischen Konzepten der bisherigen Volkskunde eine dynamische Sichtweise entgegen. Der Prozess der Industrialisierung und die damit verbundenen Umwälzungen hätten die statischen und einheitlichen, durch Tradition und Gemeinschaft geprägten Lebenswelten aufgebrochen und den «ganzen inneren Menschen mit neuen Strukturen durchwirkt»,20 ihm als «Reaktion auf <äussere Erlebnismodelle> kulturverändernde <Modellerlebnisse> abverlangt».21 Damit ist indessen auch die Problematik des Brepohlschen Ansatzes gestreift, führt doch eine solche Entwicklung zu einer neuen Gemeinschaftskultur, in der die Dynamik der Entwicklung alsdann aufgehoben wird. Dennoch, und auch wenn Brepohl den «Tatbeweis» für seine theoretischen Postulate schuldig blieb, stellen seine Überlegungen einen ersten Ansatz dar, die Vorstellung zu überwinden, «Volksleben» als ungeschichtlich, «Massenleben» (so die Formulierung u.a. von Richard Weiss)22 dagegen zeitgebunden, will heissen: geschichtlich, zu begreifen. Erstaunlicherweise spielte bei diesem Ansatz die Technik kaum eine Rolle. «Volkskultur» (Brepohl schöpft seine Beispiele weitgehend aus Relikten überkommener, traditionaler volkskultureller Gegebenheiten) und «Technik» bilden auch bei ihm letztlich noch ein Gegensatzpaar und der Platz der Volkskunde steht fraglos auf der Seite der Volkskultur. Neu ist aber immerhin, dass Volkskultur und Technik sich nicht mehr als «zwei polare, sich ausschliessende Werthorizonte» 23gegenüberstehen, wie in der Volkskunde bis zu diesem Zeitpunkt üblich. Gerade dadurch stellen Brepohls Überlegungen einen wichtigen Schritt in der Auseinandersetzung oder vorerst besser: der wissenschaftlichen Annäherung der Volkskunde an die Gegebenheiten der modernen und damit auch der technischen Welt dar.


In den ersten gut 50 Jahren expliziter Fachgeschichte wurde «Volkskultur» weitestgehend als ein Art «vor-technische Veranstaltung»24 begriffen. Das heisst die Auseinandersetzung mit Fragen der Technik, ihrem Eindringen in die Alltagswelt, ihrer Rezeption und ihrer sich stetig verändernden Rolle, blieb weitgehend ausgeblendet. Von einem Blick auf die dynamischen Wechselwirkungen zwischen der technisch durchsetzten und geprägten Alltagskultur einerseits und ihrer Prägekraft auf symbolische Ordnungen andererseits ganz zu schweigen.

Zum Weiterleben atechnischer Vorstellungen in der heutigen Volkskunde Die eben knapp und selektiv benannten Vorstellungen überlebten in einzelnen Zweigen des Fachs über längere Zeit. Gerade wenn im folgenden der «Aufbruch» der Volkskunde ins technische Zeitalter ins Blickfeld gerät, darf nicht vergessen werden, dass z.B. die Handwerks- und Geräteforschung den technischen Fortschritt nicht aus kritischer Distanz! weitgehend ausblendete: «Sterbendes Handwerk», vor noch nicht allzu langer Zeit umbenannt in «altes Handwerk» heisst beispielsweise eine mittlerweile auf über 60 Titel angewachsene, von der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde herausgegebene Reihe, in deren Darstellungen sich erst in den 1990er Jahren die Ausrichtung von rein manuellen Tätigkeiten auch auf handwerkliche Tätigkeiten mithilfe von technischen Geräten erweiterte. Und noch immer gibt es vereinzelt Museen, die mit Verve einer Sammeldoktrin nachleben, wie sie 1969 für Schleswig Holstein formuliert wurde:


Beachtenswert und zu sammeln ist alles, «was dem vorindustriellen, handwerklich geprägten Zeitalter entstammt, Erzeugnisse einer überregionalen Industrie dagegen nur soweit, als sie den Prototyp (z.B. die erste Mähmaschine oder die erste Milchzentrifuge) einer neuen Ära, des Maschinenzeitalters, in einer Landschaft repräsentieren. Was danach kommt, alles, was die weitere Entwicklung der Landwirtschaft bis zu dem gegenwärtigen Zustand der Vollmechanisierung verkörpert, betrachten wir dagegen als nicht mehr in den Aufgaben- und Sammelbereich der volkskundlichen Abteilung gehörig, überlassen es darum anderen, überregional orientierten landbautechnischen Museen.»25

Und nur schwach ist die Hingabe, mit der führende Handwerks- und Geräteforscher, etwa Hinrich Siuts, dafür plädieren, die «Fabrikware in «vereinfachter Dokumentation» «je nach Forschungsziel»26 mitzuerheben. Carola Lipp hat ihren Eröffnungsvortrag auf dem Hagener Volkskundekongress im Jahre 1991 zum Thema: «Der industrialisierte Mensch» mit dem Satz «Manchmal erweckt die Volkskunde den Eindruck einer notorisch verspäteten Wissenschaft»27 begonnen. Unabhängig davon und auf derselben Veranstaltung fragte sich Martin Scharfe, ob nicht die vielbeklagte notorische Phasenverschiebung des Fachs durchaus zum Wesen der Volkskunde gehört und auch als Aufgabe der Volkskunde verstanden werden könnte, das heisst, sich dann mit Erscheinungen auseinanderzusetzen, wenn sie tatsächlich so etwas wie «volkstümlich» geworden sind. Oder konkret mit Blick auf die Technik: Musste beziehungsweise muss die Fortbewegungs-, Haushalts- und die Kommunikationstechnologie erst einen allgemeinen Verbreitungsgrad erreichen (und damit aus dem Kernbereich des Fortschritts entschwinden), bis sich die Volkskunde ihrer annehmen kann? Musste und muss die Verflechtung zwischen «Volkskultur» und «technischer Welt» erst eine hohe Dichte erreichen, bis die Zeit reif war für den analytischen Blick auf die bestehenden Wechselwirkungen? Oder zugespitzt: Ist die Beschäftigung mit Fragen der Technik bereits nostalgisch und deshalb im Fach salonfähig, salonfähig angesichts der «zweiten Moderne»28 und des informatisierten Zeitalters? Lassen wir diese Frage vorerst im Raum stehen und wenden uns dem weiteren Gang der volkskundlichen Auseinandersetzung mit der Technik zu.


Die Natürlichkeit des Technischen I: Volkskultur in der technischen Welt Mit seinen Überlegungen zur Problematik der «Volkskultur in der technischen Welt» hat Hermann Bausinger zu Beginn der 1960er Jahre als einer der ersten ausführlich dargelegt, dass zwischen Volkskultur und technischer Welt kein unüberbrückbarer Gegensatz, sondern Wechselwirkungen bestehen: «Volkskultur ist nicht als gewissermassen vor-technische Veranstaltung» zu sehen, sondern äussert sich viel mehr in «mannigfachen Formen eines <natürlichen> Umgangs mit der Technik im Alltag».29 Erkenntnisleitende Absicht Bausingers bildete der Versuch nachzuweisen, dass auch das Neue, Veränderliche und Flexible in den Rahmen von «Volkskultur» gehört. Die technische Welt steht hier als Paradigma für die Dynamik, die auch in der Volks kultur steckte und steckt. Um die Veränderungskraft, das Expansionspotential technisch grundierter Kultur in ihrer Tragweite sichtbar und erfassbar zu machen, ist aber der Blick auch auf die Geschichtlichkeit der (Alltags-)Kultur zu richten. Technik in ihrer alltagsweltlichen Verbreitung präsentiert sich als Bestandteil einer «<natürlichen> Lebenswelt»30 , prägt(e) Arbeitswelt, Haushalt, Fortbewegung oder Freizeitangebot und -verständnis wesentlich mit. Mit Fragen nach Gesetzmässigkeiten im Umgang mit Technischem, nach Transfer- und Transformations-, Integrations- und Segregationsstrategien von Menschen im Umgang mit Technik oder danach, wie technisch die Technik bleibt, wenn sie zum Bestandteil der Volkskultur geworden ist, wird die Erforschung der Veralltäglichung der Technik respektive von Technischem im Alltag bei Bausinger als Bestandteil volkskundlichen Arbeitens reklamiert.31
Die «technische Welt» als «natürliche» Welt unterliegt in verschiedener Hinsicht denselben Gesetzmässigkeiten wie die nicht oder weniger technische Welt. Ansatzpunkte einer solchen Verhältnisgleichung bietet etwa die Feststellung, dass sich in der Volkskultur keine Mystifikation des Technischen feststellen lässt, sondern eine widerstandslose Annäherung der Technik an (positiv oder negativ zu deutenden) «Zauber». Die Integration der Technik erfolgt mittels selbstverständlicher, alltagswelt- und alltagserfahrungsbezogener Ad aptationsstrategien, präsentiert sich als «selbstverständlicher Einbau des Technischen in die Volkswelt»32 . Technik vermittelt dabei durchaus nicht nur progressive Impulse, sondern ist ebenso auch «Auslöser von Regressionen»33 , was etwa die Rolle des «Aberglaubens» gerade in der Stadt eindrücklich belegt.34 Mit dem Eingang der Technik in die Volkskultur entstehen so neue soziale und geistige Realitäten, kommt es zur Verwischung alter Horizonte, eine Dynamik, die Bausinger mit den Termini räumliche, zeitliche und soziale Expansion bezeichnet. In allen drei Bereichen lässt sich indessen eine ambivalente Entwicklung beobachten. Die räumliche Expansion, das heisst die Ausweitung und Aufweichung des räumlichen Horizontes35 (unter anderem durch die Verfügbarkeit zahlreicher Güter über grosse Räume hin)36 macht «Exotik»37 ebenso zu einem bestimmenden Merkmal der Volkskultur, wie sie dazu beiträgt, Heimat zu «Kraftfeld und Kulisse»38 werden zu lassen und beides in der «Binnenexotik»39 zu vermengen. Die zeitliche Expansion wiederum, die Ausdehnung und Verbreitung des «Flüchtigen» und «Modischen»40 tritt gleichberechtigt neben Sitte und Brauch, führt aber ebenso zur «Erneuerung und Pflege der Volkskultur»41 und nicht zuletzt zur Präsentation des Historischen42 und damit zu dessen Enthistorisierung, das heisst zu einer neuen «zeitlos <historischen>»43 Dimension in der Volkskultur. Auch die «soziale Expansion» der Zerfall der Stände und der «Standeskultur»44 leitet eine zweigleisige Entwicklung ein: einerseits bildet sich die «Volkskultur als Imitationssystem»45 heraus, erhalten «Sentimentalität» und «Kitsch» eine beherrschende, charakteristische Stellung.46 Andererseits lässt sich mit der «Ironisierung des Sentimentalen»47 aber auch in diesem Bereich eine Gegenströmung fassen. In der Erörterung des «Pygmalionproblems»48 fasst Bausinger die zentrale Problematik in der Frage: «Was wird aus den einfachen Leuten, welche begonnen haben, sich mit der ganzen Kompliziertheit der gegenwärtigen Wirklichkeit einzulassen?»49 noch einmal zusammen um sogleich gleich eine Antwort zu liefern. «Das Einfache der <einfachen Leute>», stellt er fest, «ist auch angesichts unserer verworrenen Wirklichkeit nicht aufgegeben worden; oft wird das Komplizierte einfach hingenommen wir können auch betonen: einfach hingenommen.»50 Hier stellen sich nun neue Fragen, etwa ob und allenfalls «was angesichts der Auflösung der alten Bindungen zu tun» ist.51
In ähnlicher Richtung wie Bausinger argumentiert auch Ulrich Bentzien in seiner im selben Jahr vorgelegten Studie zum «Eindringen der Technik in die Lebenswelt der mecklenburgischen Landbevölkerung»52 . Auch ihm geht es um die Beziehungen zwischen tradierter Volkskultur und moderner Technik. Erscheint diese zunächst als «Fremdkörper in der Lebenswelt» der agrarischen Bevölkerung, bricht sie in sie ein und traditionelle Strukturen auf, so erfolgt sodann durch den kontinuierlichen praktischen Umgang die Verarbeitung und Aufnahme, der «Einbau» der Technik in die Lebenswirklichkeit. Aus der Bedrohlichkeit bzw. der Bedrohung, aus dem Nicht-Verstehen und Nicht-Handhaben-Können als ersten Reaktionen werden durch den fortwährenden Umgang allmählich Bewältigungsstrategien. In Bentziens auf Marx aufbauendem evolutionistischen Verständnis bildet die >Natürlichwerdung< des Technischen eine folgerichtige Entwicklung. Demgegenüber vertritt Rudolf Braun in seiner 1965 erschienen Analyse des sozialen und kulturellen Wandels in einem ländlichen Industriegebiet Bezugsraum bildet das schon früh industrialisierte Zürcher Oberland im 19. und 20. Jahrhundert einen komplexeren Ansatz, indem er sich der Untersuchung der «Interdependenzen sozialer, kultureller sowie politischer und wirtschaftlicher Wirkungsfaktoren»53 zuwendet. Auch in Brauns «volkskundlich-so ziologischer, (...) das Beziehungsgeflecht der Menschen unter sich und zu den Dingen in der Veränderlichkeit»54 avisierenden Perspektive steht das >Natürlichkeitsparadigma< im Vordergrund. In theoretischer Nähe zu seinem Mentor Richard Weiss geht er von der Beständigkeit des Volkslebens, dessen Geschichtlichkeit er eindrücklich dargelegt hat, aus. Bei aller Dynamik der Entwicklung bildeten sich doch gewohnheitsmässige Lebenformen heraus, die in einer gemeinschafts- und traditionsgebundenen Geisteshaltung fussen:


«Der Fabrikbetrieb ist mit all seinen Ansprüchen, Freiheiten und Bindungen seit Generationen in das Volksleben der Oberländer Fabrikbevölkerung integriert. Er hat seine Einordnung in die Lebensform und Welthaltung dieser Menschen gefunden und sie entscheidend geprägt.»55


Die «Natürlichkeit des Technischen» II Nach dieser Initialzündung sollte es fast zwanzig Jahre dauern, bis die Frage nach dem Zugriff auf Technisches, dessen Bedeutung und Bewertung in der und für die Lebenswelt neu gestellt wurde. Wieder ist es Hermann Bausinger, der der Rolle und volkskundlichen Bewertung von Technik im Alltag noch einmal nachging und einige Defizite des Ansatzes einer Natürlichkeit des Technischen neu diskutierte. Als erstes stellt sich neu die Frage nach der Aneignung «der» Technik oder besser: von Techniken (im Plural deshalb, weil der Begriff als «dubioser Sammelbegriff» für eine disparate Gesamtheit mannigfach verflochtener oder aber weit auseinanderlaufender technischer Erscheinungen steht). 56Einen zweiten Problemkomplex bildet die Frage nach Einstellungen gegenüber der Technik, die im Alltag «immer nur in einer Gemengelage greifbar» ist.57
Zudem können diese beiden Fragen nicht unabhängig voneinander betrachtet werden: Stellt man diejenige nach der Aneignung, ist vielmehr zu berücksichtigen, dass sich verschiedene Einstellungen überlagern können, sich also alte Attitüden finden, wo bereits neue bestehen und umgekehrt. Prinzipielle Dämonisierung des Technischen und folgerichtig Ablehnung stehen so neben dessen Aneignung als etwas quasi Natürliches sei dies nun als naive Adaptation, als Integration des Technischen in die gedankliche Welt oder als Instrumentalisierung des Technischen. Bei Nicht-Funktionieren kann aber auch diese Haltung in regressive Handlungen umschlagen. Ein sprechendes Beipiel für diese Äusserung Bausingers findet sich in einer Oral-History-Studie zur Agrarmodernisierung im Oberwallis: In der Erzählung über die Aneignung der Technik, konkret den Umgang mit einer neuen Mähmaschine, schildert ein Ausserberger Bergbauer eine Situation, in der er die Kontrolle über die Maschine verlor. Hatte er im Verlauf des Gesprächs bis zu diesem Zeitpunkt das Funk-tionieren und Aussehen der Maschine rein technisch erläutert, schlägt dies nun im Erzählen über diese brenzlige Situation um: die Maschine wird zum Stier und der Kampf mit der Technik zum Ringkampf, bei welchem die Tier-Maschine an den Hörnern gepackt und nach kurzem Ringen erfolgreich gebändigt wird.58
Fragen der Aneignung (manuell, mental oder sozial) und Beherrschung, aber auch der Ohnmacht gegenüber neuen Technologien wir-ken zentral auf Einstellungen zurück. Solange die technischen Elemente der persönlichen Umgebung überblickbar blieben, schienen sowohl Technikakzeptanz als auch -abstinenz als bewusste, oder zumindest relativ frei wählbare Umgangsformen. Spätestens seit der Nachkriegszeit sieht indessen Bausinger einen fundamentalen Wandel: «Mir scheint freilich», schreibt er, «dass die für die Alltagskultur wesentlichste Veränderungen in der unauffälligen Omnipräsenz des Technischen besteht»59 von Technischem, das nicht mehr unbedingt als solches erkennbar ist oder wahrgenommen wird, sondern «geglät tet», gewissermassen abstrahiert erscheint überzeitlich oder aber wegen des schnellen Verschleisses unzeitlich, enthistorisiert.


Die Natürlichkeit des Technischen? III Auch wenn Bausingers eben angeführte Überlegungen die «Natürlichkeit des Technischen» relativieren, so zielt das Konzept auch in seiner modifizierten Form darauf ab, letzlich die Akzeptanz der Technik zu belegen und zu beweisen. Dämonisierung oder Regression bilden lediglich Zwischenstufen auf einem mehr oder weniger linear vorgezeichneten Weg der fraglosen Übernahme von Technischem. Eine Tatsache, die für Martin Scharfe nicht nur Indikator eines unreflektierten Technikbegriffs darstellt, sondern auf einen nach wie vor unreflektierten Umgang der Volkskunde mit dem Begriff bzw. der Grösse «Volk» zurückzuführen ist. 60 Der «Natürlichkeit des Technischen» hält Scharfe denn auch kritisch die Einsicht Hans Jonas' entgegen, dass «der Mensch selber unter die Objekte der Technik geraten» sei61 , das heisst, dass Alltagshandeln in seiner Basis verändert, mit neuem Sinn hinterlegt worden ist. Der Omnipräsenz des Technischen ist damit bei der Erforschung des Lebensstils der Moderne der Aspekt der «Gewöhnung ans Moderne» zur Seite zu stellen, beziehungsweise ist nach dem Wissen über und nach dem Bewusstsein von den modernen Dingen zu fragen. Drei <Dimensionen> «Krisis der Wünsche», «Penetranz», und die «eigentümliche Spurlosigkeit des Fortschritts» bestimmen für Scharfe den Umgang mit Technischem heute wesentlich mit und sind entsprechend auch bei der Auseinandersetzung mit Technischem als Bestandteil, als wesentliches, wenn nicht gar zentrales Moment des Lebensstils im modernen Alltags zu reflektieren. «Krisis der Wünsche» zielt dabei auf die individuelle, kollektive und historische «Gewöhnung ans Moderne»62 , also auf das, was auf den ersten Blick als «Natürlichkeit» erscheinen mag, tatsächlich aber häufig nicht Produkt einer Auseinandersetzung, sondern der blossen Wahrnehmung ist. «Penetranz» hingegen soll vor allem der «Komplexität des technisch-zivilisatorischen Fortschritts, die allen Objekten unserer modernen Alltagswelt anhaftet und alle Objekte völlig durchdringt» Rechnung tragen, 63 anders ausgedrückt: Penetranz benennt die Tatsache, dass jede Neuerung von tausend anderen Neuerungen durchdrungen ist. Eine sinnvolle Forschungsstrategie angesichts dieser drohenden Uferlosigkeit erscheint dabei die Auseinandersetzung mit ausgewählten technischen Momenten und Gegebenheiten, die gleichsam als «Leitfossilien in der Archäologie der modernen Seele» in Anspruch genommen werden können.64

 


«Wenn man um den Penetranzcharakter weiss, sind solche Konzentrationen auf symbolisch aufgeladene Technologiepro dukte von besonderem Interesse, weil nur sie uns erlaubten, eine Geschichte des Eindringens der technologischen Zivilisation nicht nur in den Alltag, sondern auch in unsere Köpfe und Herzen zu schreiben.»65

Die «eigentümliche Spurlosigkeit des Fortschritts» eine Formulierung, die auf Jürgen Habermas zurückgeht umreisst schliesslich die für den Umgang mit Technischem ebenfalls zentrale Feststellung, dass «das einmal erreichte Niveau der Befriedigung» «sozusagen die Spuren seiner Entstehungsgeschichte tilgt».66 Damit aber formuliert Scharfe via Habermas eine explizite und deutliche Kritik am Prinzip der Natürlichkeit des Technischen, wie es von Bausinger und in ähnlicher Form auch von Braun oder Bentzien vertreten wurde. Nicht Frag- und Problemlosigkeit der Technikakzeptanz stellen für Scharfe relevante Ansatzpunkte dar, sondern ein solcher, der die Spurlosigkeit des Fortschritts als Ausdruck eines kulturellen Umgangs mit Technik begreift.


Der Industrialisierungsprozess des Menschen.

Veralltäglichte Technik technisierter Alltag


Von der Natürlichkeit des Technischen zum industrialisierten Menschen: Dreissig Jahre nach Bausingers Volkskultur in der technischen Welt stand beim Volkskundekongress von 1991 in Hagen der industrialisierte Mensch, vor allem aber auch ein problembewusssterer Umgang mit Fragen der Technik im Vordergrund. Nicht nur Martin Scharfe, der einen Teil seiner Überlegungen bei diesem Anlass vorge bracht hat, auch eine Reihe weiterer Teilnehmerinnen und Teilnehmer setzte sich kritisch mit der Technik auseinander: Welche Rolle, so fragte etwa Helge Gerndt in seinen einleitenden Überlegungen, kommt den Kulturwissenschaften angesichts der Tatsache zu, dass «der Kulturprozess <Industrialisierung> (...) längst in eine industrialisierte Kultur mutiert» ist?67 Wie gehen die Kulturwissenschaften, wie gehen wir mit der Tatsache um, dass sich der Kulturprozess nicht nur «im industriellen Fortschritt» äussert, sondern ebenso in seiner Kehrseite, oder anders, dass «auch industrielle Zerstörung der Welt eine <Kulturhandlung> darstellt?»68
Wie, so eine von Wolfgang Kaschuba aufgeworfene Frage, ist der Industrialisierungsprozess des Menschen zu fassen? Wie stark ist die «Mechanisierung des Körpers» und die «Industrialisierung des Bewusstseins»69 , vor allem des Zeitbewusstseins, als wichtigsten Formanten der Industrialisierung des Menschen, heute noch virulent? Stellen Körperbefreiung und Zeitentlastung, wie vielerorts behauptet, tatsächlich Merkmale des postindustriellen informatisierten Zeitalters dar, positive Faktoren auf der Nutzen-Seite eines technisierten Alltags? Wird Technik so gar zum Medium der Befreiung aus den Zwängen der Industriegesellschaft? Stellt die Tatsache, so wurde gefragt, dass nun die Volkskunde auf breiterer Basis versucht, Fragen der Technik anzugehen, vielleicht einen Indikator dar, dass erneut eine gesellschaftliche Bruchstelle auszumachen ist und die Rolle der Technik an Relevenz verliert? Bei genauer Analyse erweist sich indessen nicht nur die materielle Lebenswelt als industrialisert, durch den Industrialisierungsprozess nach wie vor entscheidend geprägt und geformt. Auch die menschlichen Verhaltensweisen und menschliches Bewusstsein scheinen den Parametern der Industrialiserung so sehr unterworfen, dass weder in der Arbeits- noch der Freizeitwelt, weder in der Hausarbeit noch der Arbeit am Schreibtisch die Errungenschaften der Technik zur Entlastung vom Zeitdiktat geführt hätten, sondern vielmehr zu neuen Dispositionen und neuen Belastungen im Zeit-Management. Dass Technik wohl nicht so schnell zum alten wissenschaftlichen Eisen gehört, geht auch aus der Tatsache hervor, dass sie zentral «die Art und Weise» bestimmt, «wie heute gesellschaftliche Wissensbestände verwaltet werden»,70 in Datenbanken oder Bibliothekscomputern im Kleinen, in der Omnipräsenz elektronischer und audiovisueller Medien im Grossen. Es sind dies Entwicklungen, die durchaus Anlass zur kritischen Befragung bieten, etwa für Carola Lipp, die vermutet, dass «die elektronische Vernetzung der Gesellschaft nicht nur den schnellen Zugriff auf Information erlaubt, sondern eine Vereinheitlichung und Standardisierung von Wissen und Kommunikation erzeugt».71
Vor einem solchen Hintergrund ist zu reflektieren, ob die Frage nach der Technisierung des Alltags noch richtig gestellt ist, oder ob vielmehr nicht auch bei einer Technisiertheit des Alltags anzusetzen ist. Das heisst: einer Sichtweise auf die Gewöhnung ans Technische, wie sie im historischen Prozess entstanden ist, ist eine solche von Technik als «Tat-Sache»72 entgegenzustellen. Anders ausgedrückt: angesichts der grundlegend veränderten und sich verändernden Natur des Alltagshandelns im technischen, oder genauer: im technisierten Zeitalter darf sich die Volkskunde der Auseinandersetzung mit den im Umgang mit Technik geformten Bedingungen und Bedingtheiten des Da-Seins und So-Seins nicht verschliessen, muss sie die Wechselwirkungen zwischen den neu, nämlich technisch hinterlegten Erfahrungen und den Handlungen der modernen Alltagszivilisation, aber auch neuen Sinnkonstruktionen reflektieren. Stefan Beck hat in seinen Überlegungen zum Umgang mit Technik diesen Praxis-Aspekt unlängst minutiös herausgearbeitet und resümiert:


«Aus einer praxistheoretischen Perspektive kommen technische Artefakte und ihre zu Sachsystemen verknüpften Kombinate als Tat-Sachen in den Blick, als Nutzungskomplexe, deren Handlungspotentiale erst im konkreten Gebrauch aktualisiert werden müssen. In einer sachtheoretischen Perspektive erscheinen technische Artefakte und <socio technical systems> als starke, mit der Macht des Faktischen ausgestattete sozial-kulturelle Orientierungskomplexe und somit wirkungsvolle Form des Kontingenzmanagements. Werden beide Aspekte gleichzeitig im Blick behalten, kann sowohl ein deterministisches als auch ein voluntaristisches Konzept der Praxis vermieden werden, da sowohl die kreativen Potentiale der Praxis als auch ihre Si tuationsabhängigkeit in den Beobachtungsfokus gerückt wer den.» (Hervorhebungen im Original)73


Eine zeitgemässe volkskundliche Forschung kann also nicht (mehr) von Antagonismen wie Technik versus Kultur74 respektive Mensch versus Maschine ausgehen. Technik(en), ihr Betrieb, ihre Bewertung, Aneignung und Nutzung sind nicht isoliert voneinander, sondern in wechselseitigen Bezügen zu betrachten.75 Die Analyse des Alltagshandelns in einer technisierten Welt muss indessen noch weiter gehen, sie hat sich den im Umgang mit Technik geformten und formenden Bedingungen des Da-Seins und So-Seins ebenso zu widmen wie den Wechselwirkungen zwischen technisch grundierten Erfahrungen und dem Alltagshandeln in einer zunehmend komplexeren Welt mit heterogenen Wertehorizonten, Lebensstilen und Sinnkonstruktionen. Kurz: begreift man Kultur als «jeweilige Form der Lebensbewältigung in rasch wechselnden Situationen»76 , so muss Technik als Bestandteil von Kultur verstanden werden, ist von einer «Kultürlichkeit» der Technik auszugehen. Einer «Kultürlichkeit», die miteinschliesst, dass sich Technik tiefgreifend auf Alltagshandlungen aus- bzw. auf sie einwirkt, indem sie zum Beispiel Ernähren, Fortbewegen, Kommunizieren in ihren Voraussetzungen, Möglichkeiten, Einschätzungen und Realisierungen grundlegend verändert. Eine «Kultürlichkeit» weiter, die die «Gewöhnung an die Verwöhnung»77 ebenso mitbegreift wie sie «Technologiefolgen» zu Problemen wie zu Bestandteilen und Voraussetzungen des Alltagshandelns macht.78 Eine «Kultürlichkeit» schliesslich, die sich in neuen, grundlegend veränderten zeitlichen, räumlichen und sozialen Vorstellungs-, Machbarkeits- oder Kommunikationshorizonten niederschlägt. Es erscheint folglich angebracht, in etwas grösserem Umfang über eine Kulturwissenschaft der Technik nachzudenken und vor dem Hintergrund einer technisierten Welt die inhaltliche Füllung des Kulturbegriffs einmal mehr neu zu reflektieren. Einen ersten Ansatz hierfür bieten die unlängst von Ulf Hannerz vorgebrachten Überlegungen, welchen Einfluss «die gegenwärtig zu verzeichnenden globalen Verflechtungen unseres Lebens auf die Art und Weise, wie wir über Kultur nachdenken sollten,» haben.79 Der gern und viel geäusserten These von der fortwährenden Auflösung räumlicher, zeitlicher und sozialer Strukturen hält er zunächst die fortwährende Bedeutung des Lokalen entgegen, dann aber auch die bereits länger bestehenden räumlichen Vernetzungen und nicht zuletzt den Fortbestand der Relevanz alltäglicher Lebensformen: Auch wenn «das alltägliche Leben weniger ortsgebunden geworden (ist); für die meisten Menschen zwar nur zu einem geringen Teil, aber für eine Minderheit bereits in über wiegendem Masse»80 , so erhält doch das Lokale als «<totale> sinnliche Erfahrung» seine Bedeutung.81 Demgegenüber steht das Globale nicht für die ganze Welt, sondern nur für «gewisse Einflüsse», die in unterschiedlicher Intensität und Ausprägung von unterschiedlichen Orten herkommen. Gerade in der Diskussion um den Stellenwert von Kultur im Widerstreit zwischen Globalem und Lokalem wird Technik oft einseitig auf die Rolle als Medium raum-zeitlicher Entgrenzung, respektive weltweiter Vernetzung eingeschränkt. Gegen eine solche Reduktion spricht nicht nur die Tatsache, dass Medien als Aufzeichnungstechnologien auch zur >Aufbewahrung von Vergangenheit< eingesetzt werden (können), sondern vor allem die, um Hermann Bausingers Diktum noch einmal aufzunehmen, «unauffällige Omnipräsenz des Technischen»82 , die ein herausragendes «Charakteristikum der gegenwärtigen Alltagskultur»83 bildet. Auch das Lokale oder besser: das Hier und Jetzt ist technisch durchsetzt und (mit)geprägt und diese >Sym biose< zwischen Mensch und Technik, ihre scheinbare >Normalität< gilt es für eine Kulturwissenschaft der Technik besonders mitzureflektieren.



Ausblick: Plädoyer für eine Kulturwissenschaft der Technik


Die Selbstverständlichkeit der technischen Durchdringung unserer gegenwärtigen Alltagskultur lässt die «Unterscheidung zwischen der Gesellschaft auf der einen Seite und den wissenschaftlichen oder technischen Inhalten auf der anderen» als «willkürliche Einteilung» 84 erscheinen. Technik liesse sich somit, nach Bruno Latour, auch als die <Fortsetzung sozialer Beziehungen mit anderen Mitteln> definieren,85 zumal die Übergänge zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Mensch und Ding fliessend geworden sind. Für eine kulturwissenschaftlich orientierte Volkskunde ist, ebenso wie für die gerade angeführte französische Technikanthropologie, die Bezugnahme auf einen weiten Kulturbegriff unabdingbar. An ihm muss sich jede geisteswissenschaftliche Auseinandersetzung um die Bedeutung von Technik in der Gesellschaft reiben. Seine den gesellschaftlichen Veränderungen entsprechend folgende theoretische Differenzierung, die in weiten Teilen der Volkskunde auf Eis gelegt wurde86 , wird zur Bedingung in der Betrachtung der Ausprägungen und des Stellenwertes von Technik in unserer Gesellschaft. Ein solcher, in steter Entwicklung befindlicher Kulturbegriff, der sich den gesellschaftlichen Konfliktlinien und Kreuzungspunkten nicht verschliesst, ist die Folie für eine kritische Auseinandersetzung des Faches mit Technikkultur.


Zunächst, in einer ersten Annäherung und in der Begriffsentwirrung, die sich auch auf den uneindeutigen und schillernden Technikbegriff erstreckt, erweist sich ein Blick auf unmittelbare Bedeutungszusammenhänge und auf kontroverse wissenschaftliche Sichtweisen als hilfreich.


Technik in der Kultur Technik als Kultur Nach wie vor stehen wir in unserer Gesellschaft einem aus der technischen Gründerzeit87 stammenden Fortschrittsoptimismus gegenüber, der Technik und Ökonomie als Voraussetzungen von Kultur begreift. Ihm entgegen vertritt eine humanistisch orientierte Auffassung, Technik sei keine Kultur. Die technische Zivilisation, folgert Gernot Böhme aus seiner theoretischen Auseinandersetzung mit der Mo derne, ist für die Kultur bedrohlich. Ihre Durchsetzungskraft verdankt sich vor allem den Machtstrukturen, den «Sogwirkungen des wissenschaftlichen Diskurses» sowie der «Effizienz technischer Lösungen». 88 «Wissenschaft und Technik» in genau diesem einen Atemzug gehen bereits aus der unentbehrlichen Marxschen Analyse als ideologisch hochwirksame combinaison dangéreuse hervor89 . Für den <Kulturmenschen>, so deutet Bruno Latour diesen «Bruderkrieg»90 zwischen Rationalisten und Humanisten, repräsentieren «Wissenschaft und Technik» eine «Welt der Objektivität und Realität», die zwar verlässlich ist, von ihm aber nicht goutiert werden kann. Denn Kultur als ein «inniges Gemisch von Subjekten, Träumen und Affekten» steht dieser Welt feindlich gegenüber.91

Doch von welcher Kultur, von welcher Wissenschaft und von welcher Technik ist hier jeweils die Rede? Böhme sieht Technik durchaus als ein «die gesamte Lebens- und Arbeitswelt» Durchdringendes92 . Dass er diese nicht mit Kultur definieren kann, die er «als System von Wertvorstellungen und Verhaltensnormen» fasst, deutet auf eine implizite Scheidung in Materielles und Immaterielles im Denken des Kulturbegriffes hin. Das ist epistemologisch folgenreich und verdankt sich der historischen Durchkreuzung eines <deutschen> mit einem <französischen> Kulturbegriff93 . Allen Zivilisationskritikern, die Technik und Kultur in Opposition zueinander stellen, begegnet schon vor fast 40 Jahren Denis de Rougement mit seiner Affirmation, dass Technik immer als (aus ihr hervorgegangener) Teil der Kultur aufzufassen ist 94 . Seine kulturoptimistische Haltung in einer Zeit, als der «Penetranzcharakter der modernen technischen Zivilisation»95 ideologisch noch übersehen werden konnte, gesteht der Technologie keine Eigendynamik zu. Ohne den Zugriff des Menschen ist sie nicht: «die Maschinen und die Bomben (werden) vom Menschen gemacht» und können «ohne sein Zutun nichts ausrichten»96 . Dementgegen präzisiert Judy Wajcman Technik nicht als Teil der Kultur, sondern als Kultur selbst, und zwar einer prägnant männlichen. Mehr als nur «eine Gruppe physikalischer Objekte» verkörpere die Technologie in «fundamentaler Weise» eine Kultur oder, das ist ihr Verständnis des Kulturbegriffes, eine «Reihe gesellschaftlicher Beziehungen, die sich aus bestimmten Arten von Wissen, Glauben, Wünschen und Praktiken zusammensetzen». 97
In Differenzierung zwischen der Wissenschaft von der Technik und der Technik selbst beschreibt sie letztere als kulturelles Produkt: als «eine Form von gesellschaftlichen Erkenntnissen, Praktiken und Erzeugnissen», die «das Ergebnis von Konflikten und Kompromissen (ist), deren Lösung in erster Linie auf der Verteilung von Macht und Mitteln zwischen verschiedenen Gruppen in der Gesellschaft beruht».98 Mit ihrem Kultur- und Technikbegriff wendet sich Wajcman gegen jene Form von «Technikdeterminismus»99 , wie er evolutionistischer Anschauung zueigen ist. Die Geschlechtsspezifik der Zuschreibungen ist, wenn von Technik die Rede ist, wie in kaum einem anderen sozialen Bereich pertinent. Technikentwicklung und Geschlechterverhältnis bedingen einander. Technik ist «Ausdruck männlicher Ziele, Wünsche und Leidenschaften» 100 . Sie trägt zur Aufrechterhaltung der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern bei.101 Die unerlässliche historische Perspektive gibt Aufschluss über eine männliche Wertekultur, welche, verstärkt durch die Mechanisierung und Industrialisierung der westlichen Welt, den Ingenieursstand, die Konzeption, Konstruktion und den Gebrauch von Werkzeugen und Maschinen zur männlichen Domäne macht102 . Der Ausschluss der Frauen wird, etwa in der gesellschaftlichen Verteilung der Arbeit, nach wie vor, auch durch den Gesetzgeber, mit der Natur ihrer Indisposition begründet. Was jedoch diese Frage stellt sich zunächst ist unter Technik zu verstehen, wenn sie als Gegensatz, Voraussetzung oder auch Teil der Kultur definiert werden kann?


Technikdefinition und Technikdebatte Neben der ingenieurwissenschaftlichen Bezeichnung des konkreten objektgebundenen, mechanischen Vorganges überwiegt in der unmittelbaren Begriffsassoziation von Technik wohl das (stets unhistorische) Mythem, das Zauberwort: es ist die Technik des Industriezeitalters103 , die Technik als Eiffelturm oder als Dampfmaschine, die Technik als grosses maschinelles Ganzes, das im doppelten Wortsinne die Welt bewegt und in einem Zug mit Fortschritt gedacht wird. Irgendwo steht sie, so sagt man, für den noch nicht vergessenen Traum des Menschen/Mannes (denn der «Technikfreak» ist immer ein Mann 104 ), sich selbst zu überwinden. In einer antagonistischen Assoziation dagegen drängt sich vor dem Hintergrund der Erfahrung des 20. Jahrhunderts vor allem die mörderische Nutzung von Technik auf, aber auch die Technik als Naturzerstörerin und als Charakterstikum einer über alle Überwindungsziele hinausgeschossenen illusionslosen Moderne. Technik als Traum105 und die kulturkritische Konzeption von Technik als Gewalt, die Anlass zu Angst vor ihrem Destruktionsvermögen gibt, liegen nahe beinander oder schlimmer noch: sie sind der Sache inhärent. Die überragenden Erfindungen, die das 20. Jahrhundert kennzeichnen, verdanken sich im wesentlichen kriegstechnischer Investition und sind keine Sache der Natur ihrer Entwicklung 106 . Technik, die der Lebenserleichterung dient, kolonisiert und kontrolliert gleichzeitig die Lebenswelten107 die technischen Rückkoppelungsmöglichkeiten der Medien, von Television, Computer oder Telefon sind hier alltägliche Beispiele von aktueller gesellschaftspolitischer Brisanz.


Bei jeder Technikdefinition muss der grundlegenden Unterscheidung in der Wortverwendung Rechnung getragen werden, die Technik konkret verdinglicht als mechanisches Teil, als Maschine, definiert, oder unter Technik, entsprechend der von Max Weber beschriebenen Zweckrationalität, jegliches effiziente Vorgehen der menschlichen Handlung, ja sogar des Denkens versteht108 . Letztere findet sich in der Operationskette objektiviert, die die französische Technikanthropologie lange Zeit in das Zentrum ihrer Aufmerksamkeit gestellt hat109 . Hier ist der Gegensatz zwischen Natur und Kultur, der die Auffassungen in der deutschsprachigen Technikdebatte (sofern sich von einer solchen sprechen lässt) prägt, von lediglich geringer Relevanz. Andere wissenschaftliche Traditionen und begriffliche Übereinkünfte sind der Grund dafür und nicht unbedingt divergente Sichtweisen. In der französischen Technologiediskussion scheiden sich zwei kontrahente Auffassungen 110 . Zum einen dominiert ein evolutionistisch orientierter Technikdiskurs, der das Ding vom Gebrauch scheidet. Die technische Entwicklung wird als «natürlicher», unweigerlicher Bestandteil der «hominisation», der menschlichen Entwicklung zum «Kulturwesen» gesehen. Jede Innovation im Bereich der (kulturschaffenden) Werkzeuge ist im Grunde eine Verlängerung der menschlichen Hand. Die (alte) Marxsche Metapher (denn wörtlich anthropologisch war sie nicht gemeint) findet sich bei dem grossen Gelehrten und gar nicht marxistischen André Leroi-Gourhan wieder. Er war Lehrer und sein beeindruckendes Werk111 Lehre von zwei Generationen derzeit wirkender französischer Ethnologen112 . Die evolutionistische Auffassung von der Entstehung der technischen Dinge oder Objekte gesteht ihnen eine immanente Finalität zu, die auch durch den kulturell, sozial und geschlechtsspezifisch je verschiedenen Gebrauch des <Bastlerwesens> Mensch bestehen bleibt. Ihr misst erstaunlicherweise sogar Latour in seinen grenzüberschreitenden Objektbetrachtungen eine hohe Relevanz bei. Dementgegen argumentieren auf der anderen Seite kulturanthropologisch orientierte Ethnologen und Soziologen wider die soziale Sinn-Losigkeit dieser Auffassung. Der Zweck des Dings ergebe sich nicht aus seiner Finalität, sondern vielmehr aus dem sozialen Kontextbezug, dem Umgang selbst: nur in der «soziologischen Substanz der Technik» bestehe ihre Relevanz 113 . Zwischen diesen gegensätzlichen Sichtweisen vermitteln komplexer gedachte Auffassungen. Der konsequenteste und weiterführendste theoretische Ansatz wurde hier von Christian Bromberger in seiner semiotisch-historisch-materialistischen Analyse vorgestellt 114 . Der hieraus hervorgehende umfassende Technikbegriff und mit ihm der von Serge Latouche formulierte, der Technik als «Gesamtheit der Beziehungen zwischen Menschen, Werkzeugen und Umwelt, die Konsumtions- und Produktionsprozesse mit sich bringen»,115 auffasst, unterscheidet sich zunächst nicht von einem weiten Technikbegriff, wie ihn etwa in der Volkskunde Martin Scharfe postuliert und als «Zivilisation des technischen Zeitalters» unter anderem in seinen zahlreichen Studien zum Automobil beschrieben hat116 . Doch auch hier muss differenziert werden zwischen der sehr weiten Auffassung in der Tradition der französischen Anthropologie, die jedes Ding als ein technisches Objekt betrachtet117 , und derjenigen der kulturwissen schaftlichen Volkskunde, die einen definitorischen Schritt weiter jeden technischen Apparat, jedes mechanische Ding, notwendigerweise zugleich als «eine gesellschaftlich-kulturelle Veranstaltung» auffasst118 .



Technik und Alltag als Thema kulturwissenschaftlicher Auseinandersetzung Es bieten sich verschiedene Zugangsweisen an, um dem Komplexitätsanspruch dieser Auffassung gerecht zu werden, ohne dass dabei der Gegenstand selbst oder das Phänomen im Pool der Annäherungen verschwinden muss. Nur einige wenige Anhaltspunkte sollen im folgenden skizziert werden. Technische Objekte und ihre Nebenwirkungen skandieren die Raumzeitlichkeit des Alltags. Nicht nurmehr die Kirchenglocken, sondern auch der kollektive Rasenmäherlärm <läuten> auf markante Weise das Wochenende ein (auch erstere sind Gegenstand von Beschwerden ausschlafen wollender ZeitgenossInnen). Die Geräuschbelästigung durch den Nachbarn oder seinen Hahn nun kriegt man zu fassen, mehr noch als den sakralisierten Lärm der Kirchenglocken, wohingegen Flug-, Autobahn- oder Stadtlärm sich dem individuellen (eben meist auch strafrechtlichen) Zugriff entziehen. Lärm, Gestank oder Rauch sind als solche Sinnes- und somit psycho-physiologische Zumutungen, die von Technik, von Apparaten und Maschinen, verursacht werden. Da der Zweck des Dings immer vor seiner Nebenwirkung überwiegt, unterliegen diese nur bedingt (etwa bei unmittelbaren und medizinisch-naturwissenschaftlich nach weisbaren gesundheitlichen Schädigungen) einer Reglementierung. Die Konsequenzen dieser Übereinstimmung des Gesetzgeberstandpunktes mit dem gewünschten, optimalen Funktionieren des Dings äussern sich unter anderem in hohen individuellen Anpassungsleistungen der Wahrnehmung. Der Geschwindigkeit der Neuerungen des technischen Zeitalters entsprechen die enormen wahrnehmungssoziologischen Anpassungsleistungen der Menschen. Denn gemessen an der Menschheitsgeschichte sind es nur die paar Minuten der Moderne, in denen wenige Generationen den massiven Veränderungen ihrer Umwelt physisch und psychisch ausgesetzt sind. Wir hätten die Arlesierin Jeanne Calment hierzu befragen sollen; sie ist im Jahre 1997 122jährig gestorben. Madame Calment hat nicht nur den Impressionismus (sie flirtete mit Paul Gauguin; Vincent van Gogh war ihr nicht schön genug, sagte sie...) und neunzehn französische Präsidenten überlebt, sondern sie hat auch «die Entdeckung der Elektrizität, des Automobils, des Tele phons, des Radios und des Fernsehens miterlebt», wie «Die Zeit» zur Unterstreichung der im 20. Jahrhundert <technisch> möglichen Sensation ihres hohen Alters schreibt119 . Diesem historisch jungen Wandel der Sinneswahrnehmungen und seiner Folgen als zivilisatorischem Begleitprozess fällt indessen nicht die Hauptaufmerksamkeit der Wissenschaften zu. Sie verfolgen den technischen Fortschritt, die Errungenschaften als angenommene Überwindungsleistung des Schon-Daseienden: die Ersparnis an Zeit und Raum, ein damit verknüpfter Geschwindigkeitsgewinn, die Erleichterung des Tuns durch Ersparnisse des Kraftaufwandes. Es ist im übrigen beredt, was da überwunden werden wollte: neben den Unberechenbarkeiten und Erschwernissen des Lebens wie physischer Anstrengung, Unfreiheit in der Lebens- und Arbeitsgestaltung, (sozialer und physischer) Unsicherheit sind es auch die Langsamkeit, Trägheiten und Festhalten am immer Gleichen Grössen, für deren <Rückgewinnung> derzeit, wie es scheint, ein beträchtliches kulturelles Energieaufgebot investiert wird.


Technik bestimmt unsere «gewöhnliche und gewohnte Umwelt»120 , und es sind unsere Umgangsweisen mit dieser Umwelt, die ihre kulturelle Signifikanz ausmachen. Aus dieser Relevanz in der Gesellschaft ergibt sich die Relevanz der kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung. In ihrer Analyse der alltäglichen Umgangsweisen mit Technik kann sie zunächst an zwei Polen ansetzen: Integration und Widerstand stehen für die Ambivalenz des Dings an sich zwischen Phobie und Euphorie, Akzeptanz und Ablehnung. Die Veralltäglichung von Technischem manifestiert sich im Unbemerkten des Umgangs. Die wissenschaftliche Aufmerksamkeit wendet sich dem so Gewohnten kaum zu. Nur wenige Studien wissen das Spektakuläre, das in den Details der Akzeptanz liegt, zu entwickeln. Erwähnenswert sind hier die Mikroanalysen des Soziologen Jean-Claude Kaufmann,121 die als mentalitätsgeschichtliche Gegenwarts studien akribische und aufschlussreiche Nahsichten auf Einstellungen und Gesten im Umgang mit technischen Geräten im Haushalt vermitteln. Seinen Studien zum Bügeln oder zum Spülen muss jedoch die Absenz jeglicher kritischen Reflexion sozioökonomischer Kategorien wie die der geschlechtsspezifisch ungleich verteilten und bewerteten gesellschaftlichen Arbeit vorgeworfen werden. Im Gegensatz zur Forschungslücke der Akzeptanz sind Formen der Ablehnung immer wieder in ihrer Signifikanz beschrieben worden. Sie reichen vom Maschinensturm122 bis zur piratage informatique, dem Setzen von Computerviren zum Beispiel, und meinen mehr als nur die einfache Zerstörung von Apparaten. Sie drücken sich in Formen und Techniken ihrer Aneignung aus, die vom ursprünglichen Zweck, ihrer Finalität, abweichen. Die unkomplizierte Umwidmung des Computers zum Spielen ist hier ein Beispiel (sie vermag manchen Arbeitsplatz zu verschönern) oder auch das sogenannte «Minitel rose» in Frankreich123 : die ursprünglich von den PTT als elektronische Telefonbücher verteilten Bildschirme wurden zur Schaltstelle von Safer-Sex-Kommunikation. Auf einer ökonomisch-profitorientierten Ebene macht diese Umdefinierung deutlich, was auf der Ebene der individuellen Nutzung der Technik möglich ist: die scheinbare Unterwanderung des technischen Dings oder vielmehr der technischen Erfindung124 und die Herausbildung eigen-sinniger Umgangsformen. Alain Gras sieht in solchen Aneignungstechniken sogar eine Verweigerungshaltung. Angesichts der Tatsache, dass der Gesetzgeber tendenziell immer den <Ingenieurs-Standpunkt> einnimmt «le point de vue de la fonction technique»125 handele es sich im Grunde um demokratische Handlungsweisen. Die Emotionen sind ein weiterer wichtiger Faktor, der den Umgang mit Technik kennzeichnet und in einem kulturwissenschaftlichen Zugang berücksichtigt werden sollte. So entzündet sich in bestimmten, nicht arbeitszweckorientierten Bereichen der Technikkultur besonders vehement Moral. Die <Gefährdung> und <Verderbnis> der Jugend durch Computer oder Fernsehgeräte ist Gegenstand dieses (historisch nicht neuen126 ) Diskurses. Wie in den Anfängen der technischen Zivilisation die «Ruhmesblätter der Technik»127 so nimmt heute die Rubrik der Fortschrittsklagen einen festen Platz in den Medien ein. Die Rede von der «Japanisierung der Kinderzimmer» ist dicht an metaphorischem Gehalt und eine Herausforderung der kulturwissenschaftlichen Interpretation. Hier gehört die Technik so nicht hin, poltert der Japankorrespondent der Schweizerischen Weltwoche in seinem vorweihnachtlichen Leitartikel, und spricht etlichen Leserinnen und Lesern (wie den Leserbriefen der nachfolgenden Ausgaben zu entnehmen ist) aus der Seele. Computerspiele auf dem Gabentisch verdrängen «handbemalte Schellenursli-Hampelmänner», «Schnelligkeit, Fertigkeit und Konzentration» womöglich auf immer die vielbeschworene kindliche Phantasie.128
Die Erwachsenen bangen um ihren Zugriff auf Jugendliche um so mehr, als diese sich auch kulturell und mit zunehmender Kompetenz und Leichtigkeit im Umgang mit Technik ihrer Welt entziehen können. Verblüffenderweise wird in der Regel die Allmacht der Apparate zur negativen Verführung angeklagt und nicht oder nur sehr selten die Gestionsmöglichkeiten der Dinge durch die Menschen selbst thematisiert. Ein enges Technikverständnis, im öffentlichen wie im privaten Diskurs, ebnet den Boden für solche Auffassungen.


Abschliessend sei die Wichtigkeit einer Perspektive unterstrichen, die die strukturellen Ungleichheitsverhältnisse hinsichtlich der Nut zungsmöglichkeiten von Technologie und die Ethnozentrismen ihrer Erforschung nicht aus den Augen verliert. Die Ambivalenz des technischen Dings, wie sie oben angesprochen wurde, kulminiert in seinem Destruktionspotential. Mahdi Elmandjra weist darauf hin, wie sehr sich Sinn und Zweck der Geräte mit den Standort- und Standpunktbedingungen verändern. Die meisten Menschen auf der Erde können die Technologien zur menschlichen Bedürfnisbefriedigung weder beeinflussen noch beherrschen. Sie sind von Konsumptionsmodellen abhängig, die nicht in ihrer eigenen Gesellschaft und für sie entstanden sind.129 Das Nord-Süd-Gefälle ist eklatant. 80 Prozent der Weltbevölkerung kämpft um ihr Überleben gegen Hunger, Armut und Krankheiten. Die Techniken des Nordens (sowohl im Sinne des Gesellschaftsmodells, der Zivilisationstechniken, als auch der konkreten Apparate und Dinge) erhalten die Ungleichheiten aufrecht130 ; sie sind «Herrschaftsgeste»131 . Im Süden tritt Technik als Apparat vor allem in Form von Kriegstechnik in Erscheinung: «Le tiers monde serait le théâtre de la quasi-totalité des 25 conflits armés par an, dans le monde, qui feraient près de 2,5 millions de victimes et continueraient à contribuer au perfectionnement des armes fabriquées au nord», hält der marrokanische Sozialwissenschaftler und Club of Rome-Mitglied Elmandjra fest und beschreibt auch die in der Gegenwart sichtbaren Folgen der «Krise der Zivilisationstechniken»132 : «Ce scénario est aussi celui du ralentissement du processus de démocratisation, de la dégradation des droits de l' homme et de la réduction de la tolérance religieuse dans le Sud et l'accentuation de l'intégrisme et de l'ethnocentrisme dans le Nord.»133
Die Einbettung sowohl der Repräsentationen unserer Technikkultur als auch der Strategien im alltäglichen Umgang mit Technik in globale gesellschaftspolitische Zusammenhänge und Problemlagen gehört zu den Anforderungen an eine verantwortungsbewusste Wissenschaft. In diesem Sinne der Relevanz sind KulturanthropologInnen, EthnologInnen, SoziologInnen und VolkskundlerInnen als KulturwissenschaftlerInnen aufgefordert, ihre wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf die Spanne der Umgangsweisen zu legen, die sich zwischen dem Ding an sich und seinen Folgen erstreckt.



 

Thomas Hengartner, Johanna Rolshoven

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Technik Kultur Alltag

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1

Vgl. Hermann Bausinger: Volkskultur in der technischen Welt. Stuttgart 1961.

2

Zur komplexen Geschichte der frühen Verbreitung des elektrischen Lichts vgl. den Beitrag von Kurt Stadelmann in diesem Band.

3

Eduard Hoffmann-Krayer: Die Volkskunde als Wissenschaft. Zürich 1902, S. 10.

4

Ebd., S. 9.

5

Karl Weinhold: Was soll die Volkskunde leisten. In: Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft 20 (1890), S. 1-5.

6

Adolf Strack: Volkskunde. In: Hessische Blätter für Volkskunde 1 (1902), S.149ff.

7

Vgl. dazu den Beitrag von Thomas Hengartner in diesem Band.

8

Zur Frühphase des Rundfunks vgl. Carsten Lenk: Die Erscheinung des Rundfunks. Einführung und Nutzung eines neuen Mediums 1923-1932. Opladen 1997.

9

Zum Auto vgl. den Beitrag von Uta Rosenfeld in diesem Band.

10

Hans Naumann: Grundzüge der deutschen Volkskunde. Leipzig 1922. Oft reduziert auf die Schlagworte vom «primitiven Gemeinschaftsgut» und vom «gesunkenen Kulturgut», sind Naumann und Naumann-Kritik zum festen Bestandteil einer kritischen volkskundlichen Fachhistoriographie geworden. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Person Naumanns, seinem Fachverständnis und seiner politischen Haltung besonders zur NS-Zeit liefert Reinhard Schmook: «Gesunkenes Kulturgut Primitive Gemeinschaft». Der Germanist Hans Naumann (1886-1951) in seiner Bedeutung für die Volkskunde. Wien 1993. (Beiträge zur Volkskunde und Kulturanalyse 7).

11

Adolf Spamer: Die Volkskunde als Gegenwartswissenschaft. In: Wilhelm Heinrich Riehl und Adolf Spamer: Die Volkskunde als Wissenschaft. Berlin/Leipzig 1935,

S. 77-85 (Abdruck eines 1932 gehaltenen Vortrags), S. 9.

12

Adolf Spamer: Um die Prinzipien der Volkskunde. Anmerkungen zu Hans Naumanns Grundzügen der deutschen Volkskunde. In: Hessische Blätter für Volkskunde XXIII (1924), S. 67-108, hier S. 105.

13

A. Spamer: Die Volkskunde als Gegenwartswissenschaft (wie Anm. 11), S. 79.

14

Ebd., S. 78.

15

Richard Beitl: Volksglaube der Grossstadt. In: ders.: Deutsches Volkstum der Gegenwart. Berlin 1933, S. 70-100, hier S. 96 f.

16

Will-Erich Peuckert: Volkskunde des Proletariats I. Aufgang der proletarischen Kultur. Frankfurt a.M. 1931 (nur Bd. I erschienen), S. 179.

17

Zu den 50er Jahren vgl. u.a. Partykultur. Fragen an die Fünfziger. Tübingen 1991 oder Arne Andersen: Der Traum vom guten Leben. Alltags- und Konsumgeschichte vom Wirtschaftswunder bis heute. Frankfurt a.M./New York 1997.

18

Vgl. besonders Wilhelm Brepohl: Industrievolk im Wandel der agraren zur industriellen Daseinsform dargestellt am Ruhrgebiet. Tübingen 1957.

19

Wilhelm Brepohl: Industrielle Volkskunde. In: Soziale Welt 2 (1951), S. 115-124, hier S. 115.

20

W. Brepohl: Industrievolk im Wandel (wie Anm. 18), S. 33.

21

Vgl. ebd.; die Kurzformel stammt von Peter Assion: Arbeiterforschung. In: Rolf Wilhelm Brednich (Hg.): Grundriss der Volkskunde. Berlin 1988, S. 185-213, hier S. 187.

22

Vgl. Richard Weiss: Volkskunde der Schweiz. Erlenbach-Zürich 1946, S. 12-14 oder auch Josef Dünninger: Volkswelt und geschichtliche Welt. Berlin/Leipzig/Essen 1937, S. 21-31.

23

Carola Lipp: Der industrialisierte Mensch. Zum Wandel historischer Erfahrung und wissenschaftlicher Deutungsmuster. In: Michael Dauskardt/Helge Gerndt (Hg.): Der industrialisierte Mensch. Vorträge des 28. Deutschen Volkskundekongresses in Hagen. Münster 1993, S. 17-43, hier S. 17.

24

H. Bausinger: Volkskultur in der technischen Welt (wie Anm. 1), S. 3.

25

Arnold Lühning: Die volkskundliche Landesaufnahme und Gerätesammlung des Schleswig-Holsteinischen Landesmuseums. In: Wilhelm Hansen (Hg.): Arbeit und Gerät in volkskundlicher Dokumentation. Tagungsberichte der Kommission für Arbeits- und Geräteforschung der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde. Münster 1969, S. 70-75, hier S. 74.

26

Hinrich Siuts: Geräteforschung. In: Rolf Wilhelm Brednich (Hg.): Grundriss der Volkskunde. Berlin 1988, S. 137-152, hier S. 139.

27

C. Lipp: Der industrialisierte Mensch (wie Anm. 23), S. 17.

28

Vgl. z.B. Ulrich Beck: Die Suche nach der sozialen Wirklichkeit. Frankfurt a.M. 1997; ders.: Was ist Globalisierung? Irrtürmer des Globalismus, Antworten auf Globalisierung. Frankfurt a.M. 1997.

29

H. Bausinger: Volkskultur in der technischen Welt (wie Anm. 1), S. 3.

30

Ebd., S. 13.

31

Aus heutiger Sicht ist es reizvoll, Bausingers Überlegungen auch vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Technikbewertung zu lesen. Machbarkeitsvorstellungen und ein recht ungebrochener Fortschrittsglaube flossen in das 1961 erschienene Buch noch relativ ungehindert ein. Ebenso die Idee einer allmählichen (alltags-)kulturellen Angleichung sozialer Klassen und Gruppen. Beide Tendenzen merkt übrigens Bausinger im Vorwort zur Neuauflage seines Buches im Jahre 1986 auch selbstkritisch an (vgl. Hermann Bausinger: Volkskultur in der technischen Welt. Frankfurt a.M./New York 2 1986, S. 4).

32

Ebd., S. 37.

33

Ebd., S. 42.

34

Ebd., S. 49.

35

Vgl. ebd., S. 54ff.

36

Vgl. ebd., S. 63ff.

37

Vgl. ebd., S. 76ff.

38

Vgl. ebd., S. 85ff.

39

Ebd., S. 93.

40

Vgl. ebd., S. 94ff.

41

Vgl. ebd. S. 102ff.

42

Vgl. ebd., S. 125ff.

43

Ebd. S. 133.

44

Vgl. ebd., S. 135ff.

45

Ebd., S.146.

46

Vgl. ebd., S. 147ff.

47

Ebd., S. 152.

48

Ebd., S. 164ff.

49

Ebd., S. 170.

50

Ebd., S. 174.

51

Ebd., S. 175.

52

Ulrich Bentzien: Das Eindringen der Technik in die Lebenswelt der mecklenburgischen Landbevölkerung. Eine volkskundliche Untersuchung. Typoskr. Berlin 1961.

53

Rudolf Braun: Sozialer und kultureller Wandel in einem ländlichen Industriegebiet (Zürcher Oberland) unter Einwirkung des Maschinen- und Fabrikwesens im 19. und 20. Jahrhundert. Erlenbach-Zürich/Stuttgart 1965, S. 22.

54

Ebd., S. 23.

55

Ebd., S. 254.

56

Hermann Bausinger: Technik im Alltag. Etappen der Aneignung. In: Zeitschrift für Volkskunde 77 (1981), S. 227-242, hier S. 228.

57

Ebd.

58

Unpubl. Interview aus einer Oral-History-Studie über die Gemeinde Ausserberg von Edwin Pfaffen. (Mitschrift eines Vortrags von E. Pfaffen im Jahr 1994 von ThH).

59

H. Bausinger: Technik im Alltag (wie Anm. 56), S. 239.

60

Vgl. Martin Scharfe: Volkskunde in den Neunzigern. In: Hessische Blätter für Volks- und Kulturforschung NF 28 (1992), S. 69f.

61

Hans Jonas, Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Frankfurt a.M. 1979, S. 47.

62

M. Scharfe: Volkskunde in den 90ern (wie Anm. 60), S. 71.

63

Martin Scharfe: Utopie und Physik. Zum Lebensstil der Moderne. In: Michael Dauskardt/Helge Gerndt (Hg.): Der industrialisierte Mensch. Vorträge des 28. Deutschen Volkskundekongresses in Hagen. Münster 1993, S. 73-90, hier S. 78.

64

Ebd., S. 80.

65

Ebd., S. 79.

66

Vgl. Jürgen Habermas: Nach der Wende. Konservative Politik, Arbeit, Sozialismus und Utopie heute. In: ders.: Die neue Unübersichtlichkeit. Kleine Politische Schriften V. Frankfurt a.M. 1983, S. 57-76, hier S. 68.

67

Helge Gerndt: Begrüssung und Einleitung. In: Michael Dauskardt/Helge Gerndt (Hg.): Der industrialisierte Mensch. Vorträge des 28. Deutschen Volkskundekongresses in Hagen. Münster 1993, S. 11-15, hier S. 13.

68

Ebd.

69

Wolfgang Kaschuba: Arbeitskörper und Freizeitmensch. Der industrielle Habitus und seine postindustriellen Metamorphosen. In: Michael Dauskardt/Helge Gerndt (Hg.): Der industrialisierte Mensch. Vorträge des 28. Deutschen Volkskundekongresses in Hagen. Münster 1993, S. 45-60, hier S. 48.

70

Carola Lipp: Der industrialisierte Mensch (wie Anm. 23), S. 29.

71

Ebd.

72

Auf diese prägnante Schreibart greift z.B. Stefan Beck zurück, um damit den Miteinschluss von Handlungsdimension und -anforderungen zu vedeutlichen. Vgl. Stefan Beck: Umgang mit Technik. Kulturelle Praxen und kulturwissenschaftliche Forschungskonzepte. Berlin 1997. In seinem «Ausblick» hält der Autor drei Sichtweisen auf Technik fest: «(...) Technik erscheint so unter drei verschiedenen Perspektiven (a) als strukturierte, systematische Sache, (b) als Versuch, situative Kontingenz einzuschränken oder (c) als Tat-Sache.» (Ebd., S. 361).

73

Ebd.; S. 347, für eine genauere Ausführung zur Betrachtung von Technik als Orientierungs- und als Nutzungskomplex vgl. auch S. 349-355.

74

So suggeriert schon der Terminus «Natürlichkeit des Technischen» die Möglichkeit eines Ausschlusses der Technik von der Kultur.

75

Vgl. Jost Halfmann/Gotthard Beechmann/Werner Rammert (Hg.): Jahrbuch Technik und Gesellschaft 8: Theoriebausteine der Techniksoziologie. Frankfurt a.M./New York 1995.

76

Hermann Bauinger: Neue Felder, neue Aufgaben, neue Methoden. In: Isac Chiva/ Utz Jeggle (Hg.): Deutsche Volkskunde Französische Ethnologie. Zwei Standortbestimmungen. Frankfurt a.M./New York/Paris 1987, S. 326-344, hier S. 332. Dort fährt er fort: «Sie (sc. die Kultur) ist nicht Ausfluss, Emanation des traditionell angelegten, sondern grundsätzlich Neuschöpfung, die zwar oft in der Reserve des Tradierten ihre Deckung findet, sich aber doch nicht völlig darauf aufrechnen lässt.»

77

M. Scharfe: Utopie und Physik (wie Anm. 63), S. 77.

78

Genannt seien nur Zerstörungspotential, Versorgung und Verteilung von Nahrungs-, Rohstoff- und Energie-Ressourcen, Gen- und Biotechnologie, Umweltprobleme.

79

Ulf Hannerz: «Kultur» in einer vernetzten Welt. Zur Revision eines ethnologischen Begriffes. In: Wolfgang Kaschuba (Hg.): Kulturen Identitäten Diskurse. Perspektiven europäischer Ethnologie. Berlin 1995, S. 64-84, hier S. 67. Unter Vernetzung fasst Hannerz nicht nur (über)räumliche Phänomene, sondern «sehr viel genereller die Eigenschaften von Dingen und Gegebenheiten, gleichzeitig getrennt voneinander zu sein und miteinander in Beziehung zu stehen». (Ebd. S. 66).

80

Ebd., S. 71.

81

Ebd., S. 78.

82

H. Bausinger: Technik im Alltag (wie Anm. 56), S. 239.

83

Vgl. Martin Scharfe: Technik und Volkskultur. In: Wolfgang König/Marlene Landsch (Hg.): Kultur und Technik. Frankfurt a.M. 1993, S. 43-69, hier S. 54.

84

Bruno Latour: Der Berliner Schlüssel. Erkundungen eines Liebhabers der Wissenschaften. Berlin 1996 [1993], S. 56.

85

Ebd., S. 49.

86

Vgl. dagegen die kulturtheoretischen Diskussionsangebote von Martin Scharfe: Re habilitierung der Dinge. Subjekte und Objekte in der Frömmigkeitsforschung. In: Bayerische Blätter für Volkskunde 23 (1996), S. 129-141; ders.: Schlangenhaut am Wege. über einige Gründe unseres Vergnügens an musealen Objekten. In: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde 100 (1997), S. 301-127; ders.: Soll und kann die Erforschung subjektiver Frömmigkeit das Ziel volkskundlich-kulturwissenschaftlicher Tätigkeit sein? In: Ruth-E. Mohrmann (Hg.): Individuum und Frömmigkeit. Volkskundliche Studien zum 19. und 20. Jahrhundert. Münster 1997,

S. 145-151.

87

Vgl. M. Scharfe: Utopie und Physik (wie Anm. 63), S. 73.

88

Gernot Böhme: Technische Zivilisation. In: ders.: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. Darmstädter Vorlesungen. Frankfurt/M. 1985, S. 167-182, hier: S. 179f.

89

Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Bd. 1: Der Produktionsprozess des Kapitals. Frankfurt/M. 1972 [1867], u.a. VII. Abschnitt, S. 22. Kap.,

S. 554; VII. Abschnitt, S. 24. Kap., S. 705

90

B. Latour: Der Berliner Schlüssel (wie Anm. 84), S. 50.

91

Ebd., S. 7f.

92

G. Böhme: Technische Zivilisation (wie Anm. 88), S. 170.

93

Die begriffliche Scheidung ist hiermit angedeutet, die im französischen zwischen culture als geistiger Kultur und civilisation als Summe der sozialen Errungenschaften vorgenommen wird. Der Zivilisationsbegriff im deutschen, nicht aber der enge Kulturbegriff schliesst die materielle Kultur mit ein.

94

Denis de Rougemont: Kultur, Technik und Traum. In: Otto Molden (Hg.): Geist und Gesicht der Gegenwart. Zürich 1962, S. 60-78, hier S. 60.

95

M. Scharfe: Utopie und Physik (wie Anm. 63), S. 78.

96

D. de Rougemont: Kultur, Technik und Traum (wie Anm. 94), S. 70f.

97

Judy Wajcman: Technik und Geschlecht. Die feministische Technikdebatte. Frankfurt a.M. 1994 [1991], S. 181.

98

Ebd., S. 194.

99

Ebd., S. 195.

100

Doris Janshen: Denkschrift für eine andere technische Zivilisation (1990). Zitiert nach Karin Hausen: Ingenieure, technischer Fortschritt und Geschlechterbeziehungen. Historische Reflexionen. In: Wolfgang König/Marlene Landsch (Hg.): Kultur und Technik. Frankfurt a.M. 1993, S. 235-252, hier S. 236.

101

Vgl. in ihrem frühen, theoretisch grundlegenden Ansatz Paola Tabet: Les mains, les outils, les armes. In: L'Homme 3-4 (1979), S. 5-61, sowie, als Beispiel neuerer Empirie, Sibylle Meyer/Eva Schulze: Technik im Familienalltag. Zürich 1994 (Publikationsreihe der Vontobel-Stiftung, Zürich).

102

Vgl. K. Hausen: Ingenieure (wie Anm. 100), S. 240ff.

103

Mit den Worten Wolfgang Königs: «Technik als Symbol für industrielle Qualität und Effizienz, für gesellschaftliche Ordnung und Regelung und für zivilisatorischen Wohlstand und Fortschritt.» Ders.: Technikakzeptanz in Geschichte und Gegenwart. In: ders./Marlene Landsch (Hg.): Kultur und Technik. Frankfurt a.M. 1993, S. 253-275, hier S. 257.

104

M. Scharfe: Technische Groteske und technisches Museum. In: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde L/99 (1996), S. 1-17, hier S. 6.

105

Vgl. Denis de Rougemont: Kultur, Technik und Traum (wie Anm. 94), S. 66ff.

106

Vgl. J. Wajcman: Technik und Geschlecht (wie Anm. 97), S. 197; Mahdi Elmandjra: Un autre regard. In: Alain Gras/Caroline Moricot: Technologies du quotidien. La complainte du progrès (= Autrement 3 [1992]), S. 199-211, hier S. 206; vgl. hierzu auch den Beitrag von Burkhard Fuhs in diesem Band.

107

Vgl. (in Anlehnung an Helga Novotny) Elisabeth List: Gebaute Welt Raum, Körper und Lebenswelt in ihrem politischen Zusammenhang. In: Frei-Räume 5 (1992/93), S. 54-70, hier S. 66.

108

Vgl. G. Böhme: Technische Zivilisation (wie Anm. 88), S. 170.

109

Vgl. Pierre Lemonnier: La déscription des chaînes opératoires: contribution à l'analyse des systèmes techniques. In: Techniques et culture 1 (1976), S. 100-151.

110

Vgl. Jean-Pierre Digard: La technologie en anthropologie: fin de parcours ou nouveau souffle? In: L'Homme 1 (1979), S. 73-104; Alain Gras: Le bonheur, produit surgelé. In: ders./Caroline Moricot (Hg.): Technologies du quotidien. La complainte du progrès (=Autrement 3 [1992]), S. 12-29; sowie die Beiträge in: Ethnologie française 1 (1996): Culture matérielle et modernité, und in: Terrain 16 (1991): Savoir-faire.

111

Vgl. vor allem André Leroi-Gourhan: Évolution et techniques: l'homme et la matière. Paris 1943; ders.: Évolution et techniques: milieu et techniques. Paris 1945; ders.: Le Geste et la parole: technique et langage. Paris 1964; ders: Le Geste et la parole: la mémoire et les rythmes. Paris 1965.

112

Vgl. Christian Bromberger et al.: Hommage à André Leroi-Gourhan. Leçons et images d'un <patron>. In: Terrain 7 (1986), S. 61-76.

113

A. Gras: Le bonheur, produit surgelé (wie Anm. 110), S. 16.

114

Christian Bromberger: Technologie et analyse sémantique des objets: Pour une sémio-technologie. In: L'Homme 1 (1979), S. 105-140.

115

Zit. nach Serge Latouche: L'occidentalisation de l'Occident. Paris 1990. In: ebd.,

S. 19

116

M. Scharfe: Technische Groteske (wie Anm. 104), S. 1.

117

C. Bromberger: Technologie (wie Anm. 114), S. 107.

118

M. Scharfe: Oben drüber. Neue Erfahrungen mit den Alpen in der Frühzeit des Automobils. In: Geschichte und Region / Storia e regione (Bozen) 2 (1993), S. 145-164, hier S. 151.

119

Fredy Gsteiger: Meisterin der Zeiten. In: Die Zeit Nr. 34, 16.8.1996, S. 55.

120

H. Bausinger: Volkskultur in der technischen Welt (wie Anm. 1), S. 32.

121

Jean-Claude Kaufmann: Lettres d'amour du repassage. In: Ethnologie française 1 (1996), S. 38-49; ders.: Les deux mondes de la vaisselle. In: A. Gras/C. Moricot (Hg.): Technologies du quotidien (wie Anm. 106), S. 36-45.

122

H. Bausinger: Technik im Alltag (wie Anm. 56), S. 233.

123

A. Gras: Le bonheur, produit surgelé (wie Anm.110), S. 25.

124

Vgl. J. Wacjman: Technik und Geschlecht (wie Anm. 106), S. 196.

125

A. Gras: Le bonheur, produit surgelé (wie Anm. 110), S. 25.

126

Vgl. Joachim Kaps: Zwischen Faszination und Abscheu. Über Medien, Bilder der Gewalt und das schlechte Gewissen der Kultur. In: Rolf. W. Brednich / Walter Hartinger (Hg.): Gewalt in der Kultur. Passau 1993, S. 497-509; Kaspar Maase: Der Schundkampf-Ritus: Anmerkungen zur Auseinandersetzung mit Mediengewalt in Deutschland. In: ebd., S. 511-524.

127

Vgl. M. Scharfe: Utopie und Physik (wie Anm. 63), S. 73.

128

Georg Blume: Super Mario schlägt die Phantasie tot. In: Die Weltwoche Nr. 49, 5. Dezember 1996, S. 1.

129

M. Elmandjra: Un autre regard (wie Anm. 106), S. 205.

130

Ebd., S. 200.

131

G. Böhme: Technische Zivilisation (wie Anm. 88), S. 176f.

132

M. Elmandjra: Un autre regard (wie Anm. 106), S. 203.

133

Ders.: Trois scénarios pour l'avenir de la Coopération internationale. In: Futuribles no 121, 5 (1988), S. 12.