Mitglieder
Dr. Guido Fackler
Kontakt
Guido Fackler Universität Würzburg
Lehrstuhl für Europäische Ethnologie / Volkskunde
Am Hubland
D-97074 Würzburg Tel.: 0931/888-5607 email: guido.fackler@mail.uni-wuerzburg.de
Wissenschaftlicher Lebenslauf
Studium der Volkskunde, Musikwissenschaft und Ethnologie in Freiburg i.Br.; Magisterexamen 1991; Volontariat am Badischen Landesmuseum Karlsruhe; Promotion 1997 („Des Lagers Stimme“ – Musik im KZ. Bremen, 2000); Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Assistent an den Universitäten Regensburg und Würzburg, dort seit 2007 als Akademischer Rat am Lehrstuhl für Europäische Ethnologie/Volkskunde
http://www.volkskunde.uni-wuerzburg.de/mitarbeiter/wissenschaftliche_mitarbeiter/dr_guido_fackler/
http://www2.mfk.ch:8080/volo/whoiswho/whopersdata.asp?index=230
Interessen- und Kompetenzschwerpunkte
landscape/Landschaft/Raum
Verkehr und Transport
Kulturwissenschaftliche Klangforschung
Popularmusik
Jugendkultur
Kultur in Extemsituationen/NS-Lagersystem
Forschungsprojekte
Habilitationsprojekt an der Universität Würzburg (Mentorat: Prof. Dr. Christoph Daxelmüller (Vorsitzender), Universität Würzburg; Prof. Dr. Thomas Hengartner, Universität Hamburg; Prof. Dr. Stephan Kohl, Universität Würzburg)
„Die Kunst, das Gewaesser zu leiten“ und die Suche nach dem „kürzesten Weg“: Raumaneignung und Raumwahrnehmung durch künstliche Wasserstraßen (Kanäle) in Europa
Hausbootfahrten auf Kanälen gelten heute als Sinnbild eines entschleunigten Lebensstils und lassen kaum mehr erahnen, daß künstliche Wasserstraßen im Verbund mit ‚natürlichen‘ Flüssen bis ins 19. Jahrhundert Autobahnen der Vormoderne bildeten, auf denen der größte Teil des Warenverkehrs abgewickelt wurde. Doch die seit dem Hochmittelalter, vor allem jedoch im Merkantilismus und in der Hochphase der Industrialisierung in Europa angelegten nassen Straßen waren stets mehr als reine Verkehrs-, Transport- und Handelswege: Sie förderten Mobilität und Kommunikation zwischen entfernten Landesteilen, machten durch Ent- oder Bewässerung zuvor unfruchtbare ländliche Gebiete urbar, wurden zum Motor der Regional- und Stadtentwicklung, avancierten im Rahmen barocker Lustschiffahrt zum Distinktionsmittel des Adels, markierten Machträume und loteten als prestigeträchtige Großprojekte die jeweiligen Grenzen des technisch Machbaren aus.
Die bisherigen Forschungen werden freilich dominiert von technikhistorischen bzw. binnenschiffahrtstechnischen Fragestellungen. Ihrem zentralen Deutungsmuster von Kanälen als Symbolen ungebrochener Technik- und Fortschrittseuphorie folgen auch die meist zu Kanaljubiläen publizierten, kulturhistorisch orientierten Monographien. Einen neuen Forschungsansatz verfolgt demgegenüber dieses Habilitationsprojekt, indem es am Beispiel von Kanälen im europäischen Raum die Relationalität von Technik und Raum anhand zugespitzter Fallbeispiele untersucht. Aus der Perspektive einer kulturwissenschaftlichen Technikforschung stehen hierbei die Aneignung und Wahrnehmung des technisch umgestalteten Raums, mithin seine technisch-symbolische Imagination und konkrete materielle Umformung, seine gedachte und gebaute Ordnung im Vordergrund.
Künstliche Wasserstraßen gliedern den Raum nämlich nicht nur neu, sondern spiegeln technokratische, machtpolitische und symbolische Vorstellungen von seiner Eroberung, Beherrschung und Neugliederung wider. Die konkrete Realisierung von Kanalprojekten ist wiederum durch ein komplexes Ineinandergreifen unterschiedlicher Technologien gekennzeichnet, das neue Formen der Massenorganisation und Logistik bedingte und nicht nur durch den Arbeitseinsatz von Soldaten wie Kriegsfgefangenen an militärische Operationen gemahnt. Andererseits generiert der Kanal- bzw. Wasserbau spezifische Formate und Kulturen des Transfers von Spezialwissen. Mit den erbauten Kanälen entstanden schließlich eigene Landschaften des Verkehrs. Hierbei folgt die physische Transformation des Raums immer stärker einem geometrisch-linearem Leitbild, das als dingliche Metapher für die Disziplinierung, Domestizierung, Optimierung und fundamentale Neustrukturierung des Natur-Raums fungiert. In jedem Fall ist die Materialität dieser Kanallandschaften technisch induziert. Selbst heute als naturnah beworbene Kanalstrecken bilden Ingenieurslandschaften bzw. Technotope, in welche die Technik total und absolut eingeschrieben ist. Dies wird an Spezialbauten zur Überwindung von Höhenunterschieden am besten sichtbar. Folglich sind herausragende Schleusenanlagen, geneigte Ebenen oder Schiffshebewerke als nationale und technische Landmarken bzw. Leuchtturmprojekte performativ inszeniert. Aber auch adelige Gondelfahrten auf Kanälen zeigen, daß Kunstwasserstraßen neben Schlössern oder Gärten gleichwohl als symbolfähige Bauten dienten.
Geht man von Kanälen als Medien einer ver-alltäglichten Technik aus, werden spezifische Deutungs- und Wahrnehmungsmuster großer technischer Systeme sichtbar. Weil sie für eine regelmäßige und berechenbare Beschleunigung von Transport und Mobilität stehen, weil sie Chiffren ökonomischen Aufbruchs, Ikonen technologischer Exzellenz und Symbole nationaler Selbstvergewisserung verkörpern, galten sie über Jahrhunderte als Projektionsfläche technischen Fortschritts und erfolgreichen Siegs über die Natur. Erst ab Mitte des 19. Jhs. werden vermehrt Zweifel an der Zweckmäßigkeit solcher naturverbrauchenden Großbauten geäußert. Die aufkommende Umweltbewegung und eine neue, touristische Form der Landschaftswahrnehmung brachten nicht nur andere Akteursgruppen ins Spiel, sondern führten zu langwierigen Aushandlungsprozessen und konkreten baulichen Ausgleichsmaßnahmen bei zeitgenössischen Kanalbauten. Andererseits unterliegen technisch funktionslos gewordene und oftmals verfallene Kanäle vermehrt einer Tendenz zur retrospektiven Ästhetisierung und Ver-Natürlichung. Das seit einem Vierteljahrundert anhaltende Revival kommt in der nostalgischen Verklärung vormoderner Kanalbrachen, ihrer Revitalisierung, Touristifizierung, Musealisierung und Neuerschließung als Trendviertel im Rahmen aktueller Stadterneuerungskonzepte (waterfront revival, Wohnen am Wasser) zum Ausdruck. Den dadurch in Gang gesetzten zweiten Lebenszyklus von Kanälen grundiert die Umwertung dieser technischen Verkehrslandschaften in Freizeit-, Naherholungs-, Konsum-, Lebens- und Erinnerungsräume der Postmoderne.
Am Beispiel europäischer Kanalbauten und Kanalprojekte wird erstmals die Geschichte der Modernisierung von Infrastruktursystemen aus dem Geist der Natureroberung untersucht. Über Jahrhunderte wurde die aus der Naturunterwerfung resultierende Raumeroberung affirmativ gedeutet und bewertet, wobei die Ordnung, Neugliederung wie Umgestaltung der Landschaft mit einer Mythisierung des Technischen einherging. Auf zweifache Weise kaschierte erst das 20. Jahrhundert die Glorifizierung solcher technischer Großprojekte: Während (alibistische) Landschaftsmöblierungen neue Kanalprojekte und -erweiterungen flankieren, werden brachgefallene Kanäle im Rahmen der Restorage-Bewegung neu angeeignet und von technischen Zweckbauten in entschleunigte Erlebnisräume umgedeutet.
Publikationen
Zusammen mit Brigitte Heck / Friederike Lindner / Heidi Müller (Hg.): Zwischen Schule und Fabrik. Textile Frauenarbeit in Baden im 19. und 20. Jahrhundert (Volkskundliche Veröffentlichungen des Badischen Landesmuseums, Bd. 1). Sigmaringen: Thorbecke, 1993.
Zusammen mit Fietje Ausländer und Susanne Brandt: Das Lied der Moorsoldaten 1933 bis 2000. Bearbeitungen – Nutzungen – Nachwirkungen. Hg. vom Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager (Papenburg) in Kooperation mit der Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv (Frankfurt a.M. / Potsdam-Babelsberg). Papenburg 2002 (Tondokumentation: Doppel-CD mit Aufnahmen des „Moorsoldatenlieds” von unterschiedlichen Interpreten aus verschiedenenen Jahrzehnten und weitere Tondokumente sowie 64seitiges Beiheft).
„Vorschriften über die Schiffahrt und über die sonstige Benützung der Kanal-Anlagen” – die Kanal-Ordnung des Ludwigkanals. In: Recht und Religion im Alltagsleben. Perspektiven der Kulturforschung. Festschrift für Walter Hartinger zum 65. Geburtstag. Hg. von Winfried Helm und Manfred Seifert (Neue Veröffentlichungen des Instituts für ostbaierische Heimatforschung der Universität Passau, Bd. 56). Passau 2005, S. 19-40.
Zusammen mit Fietje Ausländer und Susanne Brandt: O Bittre Zeit. Lagerlieder 1933 bis 1945. Hg. vom Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager (Papenburg) in Kooperation mit dem Musikarchiv der Akademie der Künste, Berlin, und dem Deutschen Rundfunkarchiv (DRA), Potsdam-Babelsberg/Wiesbaden. Papenburg 2006 (Tondokumentation: 3 CDs, 2 Beihefte).
Wasserwege: Main- und Kanalschiffahrt. In: 200 Jahre Franken in Bayern. 1806 bis 2006. Aufsätze zur Landesausstellung 2006 im Museum Industriekultur, 4. April bis 12. November 2006. Hg. von Werner K. Blessing, Christoph Daxelmüller, Josef Kirmeier und Evamaria Brockhoff (Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur, Bd. 52/06). Augsburg 2006, S. 54-57.
Renaissance der Kanäle in Oberitalien. In: industrie-kultur. Denkmalpflege, Landschaft, Sozial-, Umwelt- und Technikgeschichte. Zeitschrift des Landschaftsverbandes Rheinland / Rheinisches Industriemuseum und des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe / Westfälisches Industriemuseum 2006, Nr. 3 (= Themenheft: Lebensadern: Kanäle und Fluß), S. 15-16.
Frankens ‚nasse‘ Straßen: Main- und Kanalschiffahrt. In: Frankenland 58 (2006), Heft 6, S. 355-366 .
Technische Bauwerke als Grenze: Schifffahrtskanäle und kultur-räumliche Differenzierungen. In: Hengartner, Thomas / Moser, Johannes (Hg.): Grenzen und Differenzen. Zur Macht sozialer und kultureller Grenzziehungen, 35. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde, Dresden 2005 (Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde, Bd. 17). Leipzig 2007, S. 295-306.
„Für die Schiff-Fahrt verbunden“ oder „Wahn mit Vorgeschichte“? Aushandlung und Durchsetzung der Kanalverbindungen zwischen Main und Donau. In: Bayerische Blätter zur Volkskunde. Neue Folge 8/9 (2006/07), S. 200-221 (Beitrag zur 2008 erschienen Festschrift „Christoph Daxelmüller zum 60. Geburtstag“).
Landschaft Kanal. Zur technischen Topographie künstlicher Wasserstraßen. In: Thomas Hengartner (Hg.): Kulturwissenschaftliche Technikforschung. Tagung des Forschungskollegs „Kulturwissenschaftliche Technikforschung” am Institut für Volkskunde der Universität Hamburg. Hamburg, 25. bis 27.11.2005. Zürich: Chronos, 2008 (in Vorbereitung).
Für die Erweiterung regionaler Musikforschung um die Dimensionen Raum und Klang. Dargestellt am Beispiel „Würzburger Klangräume“. In: Bröcker, Marianne / Probst-Effah, Gisela (Hg.): Regionalität in der musikalischen Popularkultur. Tagung der Kommission zur Erforschung musikalischer Volkskulturen in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde e.V. 4. bis 7. Oktober 2006 in Hachenburg/Westerwald. Köln 2008 (in Vorbereitung).
Vorträge
keine Angabe
Weitere Aktivitäten
Kolloquium zur Landesausstellung 2006 „200 Jahre Franken in Bayern” des Hauses der Bayerischen Geschichte, Augsburg, im Bildungszentrum der Stadt Nürnberg (17.-18.2.2005) über „Frankens ‚nasse‘ Straßen: Main- und Kanalschiffahrt“
35. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde „Grenzen & Differenzen. Zur Macht sozialer und kultureller Grenzziehungen” an der Technischen Universität Dresden (25.-28.9.2005) über „Technische Bauwerke als Grenze:
Schiffahrtskanäle und kultur-räumliche Transformationsprozesse“
Kongress „Kulturwissenschaftliche Technikforschung I” des Forschungskollegs „Kulturwissenschaftliche Technikforschung” am Institut für Volkskunde der Universität Hamburg (25.-27.11.2005) über „Landschaft Kanal.
Zur technischen Topographie künstlicher Wasserstraßen“
„Seminar 2006: Wege in Franken” des Frankenbunds auf Schloß Schney, Lichtenfels (22.-24.9.2006) über „Frankens ‚nasse‘ Straßen: Main- und Kanalschiffahrt“
Tagung „Regionalität in der musikalischen Popularkultur” der DGV-Kommission zur Erforschung musikalischer Volkskulturen im Landschaftsmuseum Westerwald, Hachenburg (4.-7.10.2006) über „Urbane Klang-Räume am Beispiel Würzburg“
Kongress „Kulturwissenschaftliche Technikforschung II“ des Forschungskollegs „Kulturwissenschaftliche Technikforschung” am Institut für Volkskunde der Universität Hamburg (1.-3.6.2007) über „Anspruch und Wirklichkeit technischer Großprojekte am Beispiel der Kanalverbindungen zwischen Main und Donau“
Gastvorträge über „Von der Last- zur Lustschiffahrt: Kanäle in Europa“ am Deutschen Schiffahrtsmusem, Bremerhaven (20.3.2007) und am Museum Altes Schiffshebewerk, Henrichenburg (3.12.2007)
36. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde „Bücher – Bilder – Bytes. Zur Medialität des Alltags” an der Universität Mainz (23.-26.9.2007) über „Ortsrufanlagen: Aurale Medialität und öffentlicher Raum“
http://www.kultur.uni-hamburg.de/technikforschung/mitarbeiter/fackler.html